Andreas Züll – Diotima

globe-M am 02.09.2010
Diotima – Andreas Züll
Diotima – Andreas Züll
Andreas Züll
Andreas Züll

Denkt man an Liebesgedichte, bringt man diese automatisch mit großen Dichtern wie Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe oder auch Rainer Maria Rilke in Verbindung.  Aber auch im 21. Jahrhundert gibt es Poeten, die sich mit dem Thema Liebe beschäftigen.

Andreas Züll ist einer dieser Dichter. Mit gerade einmal 26 Jahren kann der in der Eifel geborene Schriftsteller auf eine ansehnliche Liste an Veröffentlichungen zurückblicken. Zwischen seinem gesellschaftskritischen Kriminalroman „Die verlorene Ehre der Lena Y.“ und seiner Arbeit als Vorsitzender des Freien Deutschen Autorenverbandes in Nordrhein-Westfalen schrieb Züll immer wieder Liebesgedichte. Mal kryptisch („Musenkuss“), dann offensichtlich verliebt („Ich Du Ich“) und am Ende doch nur enttäuscht („Gesehen“). Es scheint, als hätte der Dichter in seinen jungen Jahren bereits sämtliche Gefühlslagen durchlebt. In vier Unterpunkte gegliedert veröffentlicht Züll in seinem neuestem Werk „Diotima – Liebesgedichte aus zehn Jahren“ fast hundert Gedichte.

Liebesdichtung als Kulturgut

Eigentlich macht der Germanistikstudent dabei alles richtig. Doch das Problem an „Diotima“ liegt auf der Hand: Liebesgedichte sind im 21. Jahrhundert so unsexy wie noch nie. Heute schreiben verliebte Pärchen SMS oder hängen lustige Fotos an ihre E-Mails. Das geschriebene Wort tritt immer mehr in den Hintergrund. Abkürzungen wie HDL ("Hab Dich Lieb“) oder DaD („Denk an Dich“) haben den Liebesbrief ersetzt. Umso wichtiger ist es, dass man nicht vergisst, dass es auch heute noch Dichter gibt, die sich auf Liebeslyrik verstehen. Und so darf man über ein paar Jugendsünden, die der aufmerksame Leser in „Diotima“ finden kann, hinwegsehen. Denn die Kultur, die hinter diesem Werk steht, ist wichtig, dass sollten wir in der heutigen, schnelllebigen Zeit  nicht vergessen.

Drei Fragen an den Autor:

Globe-M: Warum haben Sie den Titel Diotima für Ihre Zusammenstellung gewählt?

Andreas Züll:
Diotima begegnet uns in Platons Symposion als Lehrmeisterin des Sokrates in Sachen Eros. Jahrhunderte später verwendet Friedrich Hölderin ihren Namen gewissermaßen als Codewort für seine Geliebte Susette Gontard. Hier knüpft auch der Titel an, der auf ein im Buch enthaltenes Gedicht zurückgeht („auch ich kenne diotima“). Aus der vermeintlich historischen Lehrmeisterin Diotima wird so eine Personifizierung der Liebe selbst, was im Buch genug Spielraum für eigenes Wiedererkennen und Wiederfinden lässt und lassen soll. Wie bei Hölderlin steht der Name allerdings aus meiner eigenen Perspektive ebenso für einen einzelnen, bestimmten Menschen.

Globe-M: Herr Züll, Sie sind 26 Jahre alt und veröffentlichen einen Gedichtband über Liebe. Warum? Und sind Sie nicht zu jung für eine Retrospektive?

Andreas Züll: Nein, es war schlicht an der Zeit dazu, ein persönliches Buch in einer unpersönlichen Zeit zu veröffentlichen. Ich sehe keinen Widerspruch in meinem Alter und einer Zusammenfassung von Texten aus dem vergangenen Jahrzehnt. Das ist eine ebenso müßige Frage wie jene, ob man damit reich und berühmt werden könne, die ich übrigens auch schon seit zehn Jahren immer wieder höre. „Diotima“ markiert für mich den Wechsel vom jugendlichen Möchtegerndichter hin zum Erwachsenen. Was und wie dieser dann in Zukunft schreibt, wird sich noch zeigen müssen.

Globe-M: Wie sehen Sie die Chancen für Liebeslyrik(er) in den kommenden zehn Jahren?

Andreas Züll: Liebeslyrik war Jahrtausende lang gut, wieso sollte sich das innerhalb der nächsten zehn Jahre ändern? Das wäre ein vermessener Gedanke. Und wenn sich diese Welt noch so sehr anstrengt, aus uns Menschen werden trotzdem keine gefühlslosen Roboter. Wir alle können uns problemlos in einem Liebesgedicht wiederfinden, da besteht ein hoher Identifikationsfaktor, auch wenn Gefühlsarmut neuerdings wieder gerne zum Ideal gemacht zu werden scheint, was ich für selbstverachtende Spinnerei halte. In den körperfeindlichen Epochen der Vergangenheit hatte man kurioserweise kein Problem mit Liebeslyrik, aber die Urenkel der freien Liebe sind da manchmal unfassbar prüde, obwohl sie ständig mit Love'n'Sex bombardiert werden. Als ob sich die Gefühle dahinter als lästige Anhängsel ausklammern ließen!
Ob Liebeslyrik oder Lyrik allgemein in einer Welt voller schriller Reize noch einen Markt hat, ist allerdings eine andere, streitbare Frage.

Globe-M: Wir danken für dieses Gespräch.

 

Diotima – Liebesgedichte aus zehn Jahren

Andreas Züll

Edition Octopus

ISBN: 978-3-86991-122-9