Mit „Les Bien-Aimés“ legt der französische Drehbuchautor und Regisseur Christophe Honoré eine eigenwillige und eigenartige Musicalkomödie vor, die mit dem Diebstahl von roten Schuhen beginnt, und in Tragik endet.
„Meine Mutter“, erzählt Vera Passer, „wäre wahrscheinlich keine Prostituierte geworden, wenn sie die roten Schuhe nicht gestohlen hätte“. So sehr dieser Satz Lust auf mehr von dieser Geschichte macht, so sehr ist er dann doch Understatement: Denn eigentlich ist Veras Mutter Madeleine gar keine Prostituierte, mehr ein, wie sie sagt, „leichtes Mädchen“. Die roten Schuhe sind nur der Mittelpunkt einer spiralartigen Geschichte die sich in irrsinniger Geschwindigkeit zwischen 1974 und 2007 aufklappt, und die Vera und Madeleine auf der Suche nach Liebe und Sex quer durch die ganze Welt von Prag über Paris nach New York führt.
Schwere Stoffe mit Gesang
Christophe Honoré ist einer, der leichtfüßig schwere Stoffe auseinandernimmt: 2007 bekam er für „Chansons d'Amour“ die goldene Palme in Cannes, ein Film, in dem es um eine Ménage à Trois in Paris geht, ein Film, in dem die schlimmsten Neidgefühle nur noch davon überschattet werden, dass irgendwann der Tod zuschlägt. Das Eigenartige und Schöne daran ist, dass Honoré seine Figuren kontrapunktisch zur Tragik der Geschichte putzige Musicalnummern singen lässt, so dass gleich alles viel weniger schwer ist.
Singen im Prager Frühling
Was Honoré in „Chansons d'Amour“ begann, setzt er in „Les Bien-Aimés“ fort, nur, dass er seine Figuren nicht nur ihre persönlichen Tragödien durchleben lässt: Während Madeileine von ihrem ewig untreuen Mann Jaromil mal verlassen, mal geliebt wird und Vera auf der Suche nach Liebe an einen Mann gerät, der nicht nur AIDS hat, sondern sie auch niemals lieben wird, schlägt auch noch die Weltpolitik zu: Während sowjetische Truppen im Prager Frühling wild um sich schiessen und Prag besetzen, hüpft die trällernde Madeleine durch die Stadt und besingt die Untreue ihres Mannes und ihre Liebe zu ihm. Jahre später wird ihre Tochter Vera dasselbe tun, nur besingt sie die Unmöglichkeit ihrer eigenen Liebe, in New York, am 11. September 2001.
Nicht wirr, sondern bezaubernd
Honorés eigentliche Leistung ist, dass das alles nicht konfus, bezaubernd wirkt. Daran ist die All-Star-Besetzung nicht ganz unschuldig: Die alternde Madeleine wird gespielt von Catherine Deneuve, der wahrscheinlich letzen französischen Diva, ihr Liebhaber Jaromil von Milos Forman. Auch das andere Paar, Vera und Henderson, wird von den Independent-Jungstars Chiara Mastroianni und Paul Schneider glaubhaft verkörpert. Obwohl durch die Tragik der Geschichte und das Genre Musical die Kitschgefahr groß ist, wird der Film nie seicht, sondern baut die Handlung fast en passant als eine Geschichte auf, die um den Burchpunkt der Generationen kreist: Denn während Madeleines Problem eher ist, dass sie als leichtes Mädchen mit gesellschaftlicher Ausgrenzung zu kämpfen hat, ist Vera frustiert, dass ihre sexuellen Eskapaden ihr kein Kind einbringen: Honoré zeigt Paradigmenwechsel im Zeitgeist, und er zeigt Menschen, die daran zerbrechen. Daran kann kein noch so nettes Liedchen etwas ändern.
Weitere Informationen
In Deutschland wird "Les Bien-Aimés" unter dem Titel "Beloved" am 8. Dezember 2011 anlaufen.
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