In der Farbe liegt die Kraft

Victoria Belikova am 22.11.2011
Franz Marc. Der Tiger, 1912
Franz Marc. Der Tiger, 1912
Alexej von Jawlensky. Reife, 1912
Alexej von Jawlensky. Reife, 1912
Wassily Kandinsky. Impression III (Konzert), 1910
Wassily Kandinsky. Impression III (Konzert), 1910

Das Lenbachhaus in München beherbergt eine feine Sammlung des „Blauen Reiter“. Wegen  umfassender Renovierung wurden die Bestände der Galerie – zur Freude Moskauer Kunstliebhaber – auf Reisen geschickt.

Noch bis Mitte Januar werden in Moskau 60 Werke von Kandinsky und seinen künstlerischen Mitstreitern gezeigt – die meisten zum ersten Mal in Russland. Diese sehenswerte Ausstellung läutet das Festjahr 2012 ein, in dem das Pushkin-Museum sein 100-jähriges Bestehen feiert. 

Farbige Abstraktionen gegen Salonmalerei

Wassily Kandinsky und Franz Marc, die 1911 an der Wiege des „Blauen Reiter“ standen, hatten nie vor, eine Künstlergemeinschaft mit einem bestimmten Status oder einer einzigen Richtung zu gründen. Sie strebten vielmehr eine Gleichberechtigung der Kunstformen und die Vielfalt der Kunstausdrücke an. Kandinsky erinnerte sich: „In Wirklichkeit gab es nie eine Vereinigung „Der Blaue Reiter“, auch keine „Gruppe“, wie es oft irrtümlich beschrieben wird. Marc und ich nahmen das, was uns richtig erschien, ohne sich um irgendwelche Meinungen oder Wünsche zu kümmern“. Und so versammelten sich im Umfeld des „Blauen Reiter“ viele wichtige Wegbereiter der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts, was die Ausstellung im Puschkin-Museum überzeugend unter Beweis stellt.

Wegbereiter der modernen Kunst

Die Ausstellung „Kandinsky und der Blaue Reiter“ ist schon dadurch interessant, dass sie eine Verbindung zwischen dem künstlerischen Schaffen, dem Geist des Ortes und dem Zeitgeist veranschaulicht. Sie beginnt überraschend mit einem Bild des Reichskanzlers Otto von Bismarck, das sein persönlicher Porträtist Franz von Lenbach malte. Das Lenbachhaus, in dem jetzt die expressionistische Sammlung untergebracht ist, war einst die Villa dieses erfolgreichen Salonmalers. Keiner der Künstler des „Blauen Reiter“ hat es je zu so viel Wohlstand gebracht. Sie hatten auch ganz andere Ziele vor Augen.

Kandinsky, Marc und im geringeren Maße August Macke suchten nach universellen Gesetzen der Malerei und entwickelten eine Philosophie der Farbe. In der Ausstellung sieht man deutlich, wie das Malen nach der Natur bei Kandinsky immer flacher wird, wie die Farben rebellieren und sich allmählich von der Übermacht der Gegenstände befreien.

„Aus der Beliebigkeit der Farbe herauszukommen“

„Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal und schwer und stets die Farbe, die von den anderen beiden bekämpft und überwunden werden muss!“ schrieb Franz Marc in einem Brief an Macke. Diese Farbenlehre ist vielleicht naiv, aber ihre bildliche Verkörperung, die in der Ausstellung zu sehen ist, ist herausragend: Das Gemälde „Kühe, gelb-rot-grün" aus dem Jahr 1912 stellt eine großartige und meisterhafte Kombination vom akademischen Können und reiner Fantasie, die sogar zur Zeit der klassischen Moderne selten war. 

Marc und Kandinsky trennten sich von der Gegenständlichkeit der realen Welt und entwickelten sich in Richtung reiner Formen. Vielleicht gerade deswegen sieht man hier, dass sie wirklich große Künstler waren. Nun hatten aber alle Teilnehmer des „Blauen Reiter“ ihre Eigenarten: Alexej Jawlensky malte sein Leben lang Gesichter, Marianne von Werefkin folgte dem Symbolismus,  August Macke bevorzugte urbane Landschaften und Gabriele Münter dagegen ländliche Idylle. Aus dem letzten Saal mit abstrakten Arbeiten von Kandinsky kann man daher immer zu den Bildern zurückkehren, die auf eine wunderbare, farbenfrohe Art und Weise mit der Realität verbunden sind.

Weitere Informationen:
Die Ausstellung „Kandinsky und der Blaue Reiter“ im Puschkin-Museum