Nur wenige Stücke haben in den letzten Jahrzehnten so hohe Wellen geschlagen wie Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“. Unter der Regie von Christian Stückl versucht das Münchner Volkstheater eine neue Adaption des Stückes.
Geschichtsdrama im Schillerschen Sinne
Einen Eklat provoziert Hochhuths „Stellvertreter“ heute nicht mehr, obwohl das Stück noch immer hochaktuell ist. Am Beispiel der Haltung des Vatikans zum Holocaust wird die Notwendigkeit eines sittlichen, menschenwürdigen Handelns diskutiert. Der junge Jesuitenpater Riccardo Fontana versucht, entsetzt von der Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern, den Papst zu einer öffentlichen Stellungnahme zu bewegen. Als auch in Rom die Juden nach Auschwitz deportiert werden und der Papst seine Stimme noch immer nicht erhebt, heftet sich Fontana den Gelben Stern an die Soutane und fährt mit den Juden nach Auschwitz. Der Doktor, ein zynischer Vertreter des absoluten Bösen, zwingt den Pater im Krematorium zu arbeiten, um ihn von seiner „Humanitätsduselei“ zu befreien. Gerstein, ein ehemaliger KZ-Häftling, plant ihn zu befreien, aber der Versuch scheitert.
Konzentrierte Inszenierung
Das Publikum begegnet zunächst einem heutigen Studenten im Lesesaal einer modernen Bibliothek, der die Empörung seines Kommilitonen nicht nachempfinden kann, weil er sich bisher noch nicht näher mit dem Holocaust beschäftigt hat. Er beginnt in historischen Quellen zu lesen und erlebt dabei alle Stationen der Leidensgeschichte Riccardo Fontanas. Das Bühnenbild ist konzentriert und nüchtern. Ein weißer Gazevorhang teilt die Bibliothek nach hinten ab. Er ist bei Bedarf durchlässig und macht Szenenwechsel in Gegenwart und Vergangenheit deutlich.
Profi für religiöse Themen
Christian Stückl straffte Hochhuths Stück und interpretierte es durch subtiles Eingreifen in die Vorlage. Etwa, indem er die Figur des Papstes und des Doktors von demselben Schauspieler verkörpern lässt oder zusätzliche Texte, wie Paul Celans Todesfuge oder eine Kantate von Bach einfügt. Der Regisseur Stückl gilt als Experte für religiöse Themen, leitet er doch seit Jahrzehnten die Passionsspiele in Oberammergau. Er inszenierte auch Pfitzners Palestrina. Doch abseits allen barocken und katholischen Pomps, lässt er das Stück nüchtern enden – nicht einmal die Ermordung Fontanas wird gezeigt.
Wirkung des Dramas
Hochhuths Drama markiert den Beginn einer Reihe von Dokumentartheaterstücken, die gesellschaftliche Fragen kritisch reflektieren, indem sie historische Fakten recherchieren und auf die Bühne bringen. Zunächst gab es Schwierigkeiten, das Stück zu veröffentlichen, weil der Vatikan erfolgreich interveniert. Als es 1963 im Theater am Kurfürstendamm in Berlin auf die Bühne gebracht wurde, löste es heftige Proteste aus, erhielt aber gleichzeitig sehr viel Beifall. Durch den Gerhart-Hauptmann-Förderpreis (1963) und den Berliner Literaturpreis „Junge Generation“ gab es sogar öffentliche Würdigungen. 2002 wurde der Stoff verfilmt.
Rolf Hochhuth
Rolf Hochhuth wird am 1. April 1931 in Hessen geboren, wächst in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur auf. Nach Kriegsende absolviert er eine Buchhändlerlehre und arbeitet in verschiedenen Buchhandlungen und als Verlagslektor. Daneben widmet er sich intensiv dem Schreiben, es entstehen Lyrik- und Prosaentwürfe. Während eines mehrmonatigen Aufenthalts in Rom 1959 beginnt Hochhuth mit der Arbeit an seinem ersten Drama. Hochhuth veröffentlicht in den nächsten Jahrzehnten zahlreiche beachtete Theaterstücke und Prosaschriften, in denen er aktuelle Themen aufgreift und gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert. Hochhuth wird mit etlichen Auszeichnungen geehrt, darunter dem Berliner Kunstpreis, dem Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München und dem Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache. 1993 gründet er die Ilse-Holzapfel-Stiftung, die sich der Förderung von Kunst und Kultur widmet.
Weitere Informationen
Der Stellvertreter 09. 02. – 07. 04. 2012
Münchner Volkstheater
Brienner Straße 50
80333 München
Tel.: 089 / 523 46 55