Der visionäre Stildiktator

Victoria Belikova am 29.10.2011
Titelblatt von Alexej Brodowitsch
Titelblatt von Alexej Brodowitsch
Illustration in Harper's Bazaar
Illustration in Harper's Bazaar
 Alexej Brodowitsch. Ballett , 1930er J.
Alexej Brodowitsch. Ballett , 1930er J.
 Alexej Brodowitsch. Ballett , 1930er J.
Alexej Brodowitsch. Ballett , 1930er J.
 Alexej Brodowitsch
Alexej Brodowitsch

Der russische Emigrant Alexej Brodowitsch war einer der einflussreichsten Fotografen und Grafikdesigner des 20. Jahrhunderts. Es ist daher verwunderlich, dass es in Russland bis jetzt keine Ausstellungen über ihn gegeben hat.

Der Lehrer von Avedon und Penn

Seit den 1990er Jahren hält sich in Russland ein reges Interesse am Schicksal zahlreicher Emigranten der „ersten Welle“, die das Land bald nach der Oktoberrevolution verließen. Ein besonderes Augenmerk richtet sich auf die geistige Elite des Landes, die man über Jahrzehnte schmerzlich vermisste. Erstaunlicherweise wurde Alexej Brodowitsch trotz diesem Interesse beinahe übergangen. Dabei ist Brodowitsch, der 1920 aus der Sowjetunion floh, eine legendäre Figur in seinem Metier. Truman Capote schreib über ihn: „Was Dom Pérignon für Champagner und Mendel für die Genetik waren, war dieser leicht chaotische, aber stets ausgesprochen höfliche Amerikaner russischer Herkunft für die Kunst des Fotodesigns und redaktioneller Gestaltung. In diesem Beruf bewies er beinahe revolutionäre Kühnheit, eine unübertreffliche visionäre Kraft und eine Lust an avantgardistischen Experimenten, die über 30 Jahre lang Ehrfurcht bei allen weckten, die das Glück hatten, von ihm geführt worden zu sein.“ Der weltberühmte Fotograf Richard Avedon hielt ihn für seinen einzigen Lehrer und sein nicht minder berühmte Kollege Irving Penn meinte, dass es keinen Designer oder Fotografen gäbe, der nicht den Einfluss Brodowitschs spüren würde.

Hochglanzmagazin der ersten Stunde

Von 1934 bis 1958 war Alexej Brodowitsch als Art Director bei der Modezeitschrift Harper's Bazaar tätig und schuf während dieser Zeit das Urbild eines modernen Modemagazins. Eine Revolution im Grafikdesign war die Kombination von Bildern und Texten auf einer Seite, eine präzise Typografie mit viel freien Raum und eine Verbindung zu europäischer Kunst und Fotografie. Die Ausstellung „Brodowitsch: von Djagilew bis Harper’s Bazaar“, die in der Garage, dem Zentrum zeitgenössischer Kultur,  vor wenigen Tagen eröffnete und noch bis Ende November zu sehen ist, wurde anlässlich des 15. Jubiläums des Modemagazins in Russland organisiert. Sie ist die erste in der Heimat des Designers.

Große Künstler und revolutionäre Gestaltung

Brodowitsch war ausgebildeter Buchgestalter und arbeitete nach seiner Flucht aus Russland zunächst in Paris als Dekorations- und Plakatmaler in „Ballets Russes“ von Sergej Djagilew. Außer seiner eigentlichen Aufgabe als Gestalter fotografierte er die Tänzer hinter den Kulissen, während Übungen und Kostümanproben. Seinen ersten Erfolg als Designer brachte Brodowitsch ein Plakatwettbewerb zu einem Wohltätigkeitsball ein: Der junge Künstler aus Russland bekam den ersten Preis, wobei er keinen geringeren als Picasso auf den zweiten Platz verwies.

1934 wurde Alexej Brodowitsch angeboten, Art Director des Modemagazins Harper’s Bazaar in New York zu werden. Nach Amerika brachte er einen ganz neuen, minimalistischen Stil mit, der in den 1920er Jahren unter dem Einfluss avantgardistischer Kunstrichtungen und des Art Deco im Industriedesign in Europa entstanden war. Auf Einladung Brodowitschs wirkten im Magazin seine Pariser Freunde mit: die Künstler Marc Chagall, Raoul Dufy, Salvador Dalí, Joan Miró, Jean Cocteau, die Plakatkünstler und Typografen A. M. Cassandre und Herbert Bayer, die Fotografen Henri Cartier-Bresson und Man Ray. Außerdem schuf Brodowitsch ein Netz von „Design Laboratories“, die zu einer echten Schule zahlreicher amerikanischer Designer und Fotografen wurde.

Noch viel zu entdecken

In der Ausstellung sieht man neben den von Alexej Brodowitsch gestalteten Titelblättern und seinen grafischen Experimenten für Harper’s Bazaar, seine Ballettfotos aus den 1930er und 1940er Jahren und mehrere Fotoportraits, die seine berühmten Kollegen von ihm gemacht haben. Auch wenn das Modemagazin, das als Mitveranstalter für die Inhalte zuständig ist, die Ausstellung dominiert und viele Aspekte seines Werkes ausklammert, ist dem Harper’s Bazaar hoch anzurechnen, dass diese erste Ausstellung über Brodowitsch in Russland möglich wurde. Man will hoffen, dass sie nicht die letzte war.