In einer großen Ausstellung, die seit gestern im Puschkin-Museum zu sehen ist, erscheint William Blake als Wegbereiter des Symbolismus, des Surrealismus und der Beatniks, als Prophet der Kunst, die der Phantasie und dem Unterbewusstsein die Tore öffnet.
Zum ersten Mal hat das russische Publikum die Möglichkeit, die Bedeutung und den Einfluss des großen englischen Künstlers zu würdigen: 150 Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Bücher, kamen mit Unterstützung des British Council aus den größten Museen Großbritanniens nach Moskau und sind hier noch bis zum 19. Februar 2012 zu sehen. Die Ausstellung „William Blake und englische Visionäre“ ist eines der glanzvollen Ereignisse zum 100-jährigen Jubiläum des Puschkin-Museums, das im kommenden Jahr begangen wird.
"Hits" aus der Tate Gallery
In russischen Sammlungen, die über beachtliche Bestände französischer und italienischer Kunst verfügen, gibt es sehr wenige Werke britischer Maler und kaum welche von William Blake. Umso erfreulicher, dass in der aktuellen Ausstellung die wahren Meisterwerke gezeigt werden, darunter seine Interpretationen von verschiedenen religiösen und mythischen Themen, Illustrationen zu biblischen Texten, zu Shakespeare, Dante und Milton. Die Tate Gallery trennte sich für die Dauer der Ausstellung von ihren berühmtesten Schätzen wie „Nebukadnezar“, „Hecate“, „Mitleid“ oder „Newton“.
Blakes künstlerisches Werk wurde von seinen Zeitgenossen weitgehend abgelehnt, seine Phantasien blieben unbeachtet. Um den Grund dafür zu verstehen, genügt es, das Porträt von seinem Zeitgenossen und Landsmann Thomas Phillips, das am Eingang der Ausstellungshalle hängt, mit Arbeiten von William Blake zu vergleichen: Zwischen diesem typischen Gemälde aus dem frühen 19. Jahrhundert und den innovativen Bildern Blakes scheinen mehrere Jahrzehnte zu liegen. Erst Mitte des 19. Jahrhundert wurden seine prophetischen Arbeiten von den Präraffaeliten entdeckt , fanden allgemein Anerkennung und später dann auch Verbreitung.
Zwei Jahrhunderte zu früh geboren
Darüber, dass Blake als Prophet der neuen Kunst bald nach seinem Tod gefeiert wurde, erzählt der zweite Teil der Ausstellung, in dem Werke der Präraffaeliten, Symbolisten, Surrealisten, Neoromantiker und anderer seiner Verehrer bis hin zu Francis Bacon versammelt sind. Hier finden sich zahlreiche Zitate und Neuinterpretationen, die mit aller Deutlichkeit vorführen, dass William Blake – wie alle richtigen Pioniere – eine utopische Kunst schuf, die in ihrer Gesamtheit die allgemein übliche Denk- und Sichtweise hinterfragte und herausforderte. Seine direkten Nachfolger dagegen konnten selten die Grenzen dekorativer Stilisierung überwinden und gingen nicht über opulente Fantasy-Bilder oder Jugendstil-Glasmalerei hinaus.
Die komplizierte Mythologie Blakes, in der jede Idee menschliche Gestalt annimmt, ist heute kaum zu ergründen. Blakes filigrane Bildsprache, geschmeidige Linien und eindringliche Farben dagegen wirken erstaunlich aktuell. Es sieht so aus, als wäre der Künstler endlich in seiner Zeit angekommen.
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Die Ausstellung „William Blake und englische Visionäre“ im Puschkin-Museum