Der Literatur-Start-up Lukas Meschik hat mit „Anleitung zum Fest“ einen Erzählband vorgelegt, der nur Sprache vorantreibt und die Handlung vernachlässigt
Lukas Meschik ist jung. So jung, dass Literaturkritiker dieses „Merkmal“ des Autoren stets ganz am Anfang erwähnen. Gut, er ist nicht so jung, wie es Benjamin Lebert war, als er sein erfolgreiches Debüt „Crazy“ veröffentlichte – Lebert schrieb das Buch im Alter von 16 Jahren. Und auch die Königin des Copy & Paste, Helene Hegemann, schrieb ihren Roman im Alter von 17 (ab).
Jahrgang 88
Lukas Meschik ist Jahrgang 88, sein viel beachteter Debütroman „Jetzt die Sirenen“ erschien 2009. Er debütierte also etwas später als seine Kollegen Lebert und Hegemann, aber immer noch in einem Alter, das erwähnt gehört.
Erst die Apokalypse, dann das Fest
Während im Debütroman „Jetzt die Sirenen“ eine kleine Apokalypse mitten in einem schnöden Alltag eines jungen Mannes zelebriert wurde, gibt es in den Erzählungen aus dem zweiten Buch, „Anleitung zum Fest“, kaum etwas, auf das alle Geschichten hinauslaufen.
Gemeinsam ist den Figuren der Geschichten nur das Geisterhafte, die Verlorenheit, das Suchende und der Ort, die identitätslose Großstadt. Das wird gezeigt in einer artifiziellen Sprache und kurzen Sätzen und haltlosen Bildern, die ähnlich zu schwimmen scheinen wie die Figuren.
Im Sprachlabor
Ein Stilexperiment, virtuos ausgeführt zwischen absichtlich eingesetztem Sprachklischee mit altbekannter Phrase und ab und an aufblitzenden, außergewöhnlichen Metaphern.
In diesen hellen Momenten zeigen die Erzählungen ihre Stärken. „Um vier Uhr Früh tunnelt man auf sein Licht zu“ heißt es da beispielsweise in „Ein ortloser Ort“, in „Tage der Trägheit“ entziehen umklammerte Bierflaschen den Händen Wärme, das schreiben Gesichter Romane und in „Die Neuordnung der Synapsen“ tragen „die aufgedunsenen Frauen ... Teigwaren und Zwiebeln nach Hause, um ihre Kugelkörper haben sie undichte Fetzen gewickelt, im matschigen Einheitston alter Leute“.
Acht Gegensätze
Gerade diese am meisten konstruierte Geschichte, unterschrieben mit „Acht Gegensätze“, wird auch in ihrer Struktur der artifiziellen Sprache Meschiks gerecht. Mit „Heizkörper/Ratte“, „Nachmittag/Wärme“, „Zahnpflege/Hund“, „Reizmagen/Fahren“, „Heißhunger/Trost“, „Lustspiele/Lust“, „Hinterkopf/Schlag“ und „Ruhezeit/Schlaf“ sind acht Gegensätze beschrieben, die erst auf den zweiten Blick zur Gegenüberstellung taugen und die bei jedem Satz mit der Erwartung brechen. Kleine Meisterwerke, die ein wenig für die unentschieden anderen Geschichten des Bandes entschädigen.
Was fehlt ...
Es fehlt dem Erzählband nicht an schönen Sätzen und Worten und auch nicht an guten Ideen, es fehlt an einprägsamen Figuren. Wenige von Meschiks Figuren haben Potential, wie zum Beispiel das Pärchen aus „Tage der Trägheit“: „Joe verbringt manche Tage einfach nur damit, das Licht im Bad anzulassen. Seine Mutter regt sich dann unsagbar auf.“ Joes Freundin fragt ihn immer wieder, was aus ihm werden soll, doch Joe verharrt, wie die ganze Geschichte. Es wird gemeinsam mit den Figuren darauf gewartet, dass etwas passiert. Es passiert nichts und das Licht im Bad bleibt an. Das Potential wird nicht genutzt.
Amputation in der Disko
Ähnlich ist es bei „Was uns an Amputation denken lässt – Beschreibung jedes Ausgehabends“: Ein einsamer, ein wenig beschränkter Diskothekenbesucher, „geschmackvoll muskulös, nicht übermäßig aufgepumpt ... ihm ist schlecht vor Menschenscheu, was uns an Amputation denken lässt“ , lernt eine Frau kennen, sie küssen sich und „sie denkt an Zerstörung und die Duldungsstarre bestiegener Hündinnen“, „er freut sich, endlich nicht mehr ins Toilettenwasser ejakulieren zu müssen“. Figuren, die innerhalb kürzester Zeit ein riesiges Potential aufbauen, die in einer Sprache beobachten, die so einprägsam ist, dass die Sätze nachklingen. Und dann passiert nichts – Überraschendes. Die Worte bleiben im Gedächtnis, die Figuren nicht.
... ist der Beat
Und gerade im direkten Vergleich zu ähnlichen Erzählentwürfen fehlt es Meschiks Geschichten nicht nur an spannenden Charakteren, sondern auch an einem der Sprache angemessenen Rhythmus. Das Debüt des ähnlich jungen Autoren Marcel Maas, „Play.Repeat.“ hat eine ähnlich artifizielle Sprache, auch hier ist die Großstadt der Ort der verirrten Charaktere, auch hier häufen sich ungewöhnliche Metaphern, doch hat Maas’ Sprache einen mitreißenden Beat und Protagonisten, die diesen leben und somit im Gedächtnis haften bleiben.
Bei „Play.Repeat.“ kann die Struktur mit den Worten und den Charakteren Schritt halten, bei „Anleitung zum Fest“ hingegen häufen sich nur die kurzen, bildgewaltigen Sätze und begraben unter sich die Handlung. All das ist schade, verschenkt der Autor doch sein nicht zu leugnendes Talent an ein viel zu handlungsarmes, effekthaschendes und schnell verpuffendes Experiment. Aber Lukas Meschik ist ja jung – und hat noch viel Zeit, sein Talent beim nächsten Buch besser zu nutzen.
Lukas Meschik: “Anleitung zum Fest“
Luftschacht Verlag, 19,50 Euro