Evan Penny: Im Zerrspiegel der Wirklichkeit

Lino Wirag am 02.07.2011
Evan Penny in seinem Atelier © Evan Penny, 2011
Evan Penny in seinem Atelier © Evan Penny, 2011

Evan Pennys lebensechte Skulpturen wirken, als gäbe es ein Bildbearbeitungs- Programm für menschliche Körper, um diese beliebig zu stauchen, verzerren oder einzufärben.

Nun zeigt die Tübinger Kunsthalle die bislang größte Einzelausstellung Pennys, in der vierzig – teilweise überlebensgroße – Plastiken sowie eine Reihe von Fotoprints zu sehen sind.

Tübinger Realismustradition

Hyperrealistische Skulpturen haben in Tübingen Tradition. Bereits 1972 wurden in der Kunsthalle die gipsernen Körperabgüsse von George Segal gezeigt, 1991 folgte Duane Hanson mit seinen bemalten Polyesterharzfiguren. Nun sind dort Pennys Arbeiten zu sehen – unter dem
sprechenden Titel „Re Figured“, der auf die Verzerrungen der ausgestellten Büsten und Ganzkörperfiguren anspielt.

Penny gießt seine dreidimensionalen Portraits aus gefärbtem Silikon, in das er mit speziellen Nadeln Menschen- und Pferdehaare eindrückt. Die dazu benötigen Techniken wurden in der Medizintechnik entwickelt, um Arm- und Beinprothesen herzustellen. Darauf wurden Hersteller von Spezialeffekten aufmerksam. Dann kam Evan Penny. Farbecht und – im wahrsten Sinne des Wortes – haargenau treten die Skulpturen des kanadischen Künstlers, der 1953 in Südafrika geboren wurde, dem Betrachter entgegen.

Der Körper im Zerrspiegel des Medienzeitalters

Penny führt den menschlichen Körper, das vielleicht älteste Thema der Kunst, in seiner ganzen Veränderlichkeit, seiner ganzen Instabilität vor. Dabei geht der Künstler stets von der Frage aus, was passieren würde, wenn die fotographischen Verzerrungen, die das Medienzeitalter mit sich bringt, in den dreidimensionalen Raum übertragen würden. Auf diese Weise konfrontieren uns Pennys – teilweise erschreckende – Arbeiten auch mit den Deformationen unseres eigenen Menschenbilds und der Veränderlichkeit von Selbstbildern und Realität.

Die Viefalt, in der Penny die mediale Überformung der Wirklichkeit vorführt, zeigt sich bei einem Rundgang durch die Ausstellungsräume. So finden sich beispielsweise superrealistisch gearbeitete Kopfbüsten in Frontalansicht, die sich als vermeintliche Porträts realer Zeitgenossen präsentieren: Tatsächlich handelt es sich bei den Arbeiten jedoch um 'no one in particular' (so der Titel der Serie). Penny bediente sich Zeitungen und Magazinen, um in collageartiger Manier Vorbilder für seine real erscheinenden Skultpuren zu schaffen. Hinter den Abbildungen der 'no ones' verbergen sich also keine tatsächlichen Menschen. Diese vorsätzliche Konstruktion einer künstlichen, zweiten Realität ohne Gegenstück in der tatsächlichen Wirklichkeit – hinlänglich als 'Simulacrum' bekannt – bespielt in subtiler Weise unsere Ängste vor der photogeshoppten Bilderflut in Massenmedien, Werbung oder politischer Propaganda.

Bleistiftspitzer der Blicke

Auf diese Weise eröffnen Pennys Arbeiten stets eine zweite, politische Leseart unter der Oberfläche des visuellen Experiments. Bewusste Verzerrung und Neukonstruktionen einer den Betrachter täuschenden Wirklichkeit verweisen stets auf die manipulatorischen Potentiale der Reproduktionstechniken des 21. Jahrhunderts. Eine Ausstellung, die den Blick lohnt, den sie zu schärfen sucht.

Weitere Informationen

Evan Pennys Arbeiten sind noch bis zum 4. September 2011 in der Kunsthalle Tübingen zu sehen.