Filmreife Geschichten

Victoria Belikova am 26.11.2011
Stanley Kubrick. Familienzirkus, 1950
Stanley Kubrick. Familienzirkus, 1950

Im April 1945 verkaufte Stanley Kubrick seine erste Aufnahme an Amerikas berühmte Illustrierte Look, deren Ruf Bildreportagen renommierter Fotografen begründeten. Noch im gleichen Monat bekam der 17-jährige eine Anstellung als Bildjournalist.

Aus zwölftausend Originalnegativen für die Zeitschrift, die der Kunsthistoriker und Kurator Rainer Crone in den Archiven fand, wurden nicht mehr als zehn Prozent abgedruckt. 200 davon zeigt die Ausstellung "Stanley Kubrick. Fotogeschichten 1945-1950" noch bis zum 29. Januar 2012 im Moskauer Multimedia Art Museum. Die Fotos geben die unnachahmliche Atmosphäre New Yorks wieder und lassen die großen Filme dieses Kultregisseurs im neuen Licht erscheinen.

Kompromissloser Perfektionismus

Stanley Kubrick, der einmal als „professioneller Illustrator menschlicher Natur“ bezeichnet wurde, gilt seit langem als einer der größten Regisseure aller Zeiten. Im Verlauf seines Lebens schuf er zahlreiche filmische Meisterwerke: Sein Kriegsepos „Wege zum Ruhm“, die pazifistische Parabel „Full Metal Jacket“, der Horrorfilm „Shining“, die psychedelische Utopie „Uhrwerk Orange“ oder seine Science-Fiction-Vision „2001: Odyssee im Weltraum“ setzten Maßstäbe und prägten nachhaltig das jeweilige Genre.

Kubrick war dafür berühmt, jede Szene so oft zu wiederholen, bis sie seinen Ansprüchen genügte. Von seinem Team erwartete er den höchsten Einsatz, aber die höchsten Anforderungen stellte er wohl an sich selbst. Dieses kompromisslose Streben nach Perfektion lässt sich bereits in seinen Fotos erkennen. Es ist in der Tat schwierig sich vorzustellen, dass diese souveränen, durchdachten Aufnahmen von einem jugendlichen Autodidakten gemacht wurden.

Makellose Reportagen

Fotoserien, die Kubrick für die Redaktion machte, erinnern an die Standbilder eines Films und fügen sich zu ganzen Sequenzen zusammen. Die schwarzweißen Fotogeschichten tragen unplakative, klare Titel und erzählen zum Beispiel über Tänzerinnen hinter den Kulissen eines Nachtklubs („Abend in Copacabana“), über den Alltag eines Jungen („Der kleine Schuhputzer“) oder über schwindelerregende Akrobatik („Familienzirkus“). Fast ausnahmslos bestechen die Aufnahmen durch formale Strenge und Präzision. Ihre Makellosigkeit ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass es sich dabei um Reportagen handelt. 

Die wohl charakteristischsten Aufnahmen Kubricks aus den späten 1940ern sind zu einer Serie „Dialoge mit Schatten“ zusammengefasst. Die Fotos wurden während der Theateraufführungen gemacht und stellen Schauspieler dar, die mit den Schatten der Menschen reden, die außerhalb des Bildes sind. Hier kann man deutlich grundlegende Bestandteile der Fotografie und des Films – Licht, Schatten und Dramatik – sehen und den zukünftigen genialen Regisseur erahnen.

Nach fünf Jahren Arbeit für die Zeitschrift Look entschied  sich Kubrick endgültig für die Kinematographie und drehte seinen ersten Dokumentar-Kurzfilm „Day of the Fight“. Anstelle eines großen Fotografen trat nun ein noch größerer Filmregisseur in Erscheinung.

 
 

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