
Man kennt den großartigen russischen Künstler Valentin Serow vor allem als Maler, obwohl seine Graphik schon zu Lebzeiten hoch geschätzt wurde.
„Der Zeichner Serow ist vielleicht noch fähiger als der Maler Serow“, schrieb einst ein bekannter Kunstkritiker. Für die Ausstellung „Serow. Die Lebenslinie“, die sich ausschließlich auf das graphische Werk des Künstlers fokussiert, suchte die Moskauer Tretjakow-Galerie in ihren reichen Bestände 250 Blätter aus. Noch nie zuvor waren hier so viele Zeichnungen, Aquarelle, Pastelle und Radierungen Serows zu sehen. Es sind u. a. Arbeiten, die seinen späteren Gemälden vorgreifen, Skizzen, Studien und Illustrationen, die eindrucksvoll die „Lebenslinie“ des Künstlers nachzeichnen, der in der Nachfolge der großen Realisten des 19. Jahrhunderts und an der Schwelle zur Moderne stand.
Schlüsselfigur russischer Kunst
Insgesamt besitzt die Tretjakow-Galerie rund 750 Papierarbeiten sowie mehrere Gemälde des russischen Impressionisten und Jugendstilmalers. Valentin Serow tat sich besonders als Portraitmaler hervor und gilt als einer der wichtigsten Schlüsselfiguren der russischen Kunst der Jahrhundertwende. Der Name des Künstlers ist eng mit der Geschichte des Museums verbunden. Er kannte noch deren Gründer Pawel Tretjakow und war mit dessen Kindern befreundet. Von 1899 bis 1911 war er Mitglied im Kuratorenrat der Galerie und trug entscheidend zur Ergänzung der Sammlung bei. Allerdings hielt er sich aus ethischen Gründen stets zurück, wenn es um den Kauf seiner eigenen Werke ging. Erst nach seinem Tod 1911 erwarb die Tretjakow-Galerie mehrere Bilder von seinen Erben und privaten Sammlern.
Unmittelbarkeit des Zeichnens
Gleich am Anfang der Ausstellung lernen wir Valentin Serow aus der Perspektive seiner Freunde kennen. Die Tretjakow-Galerie holte aus ihren Magazinen mehrere Dutzende Portraits des Künstlers hervor, die seine – zum Teil sehr berühmten – Kollegen gemacht hatten. Auch Serow malte sich mehrmals selbst: Auf seinen Selbstbildnissen erscheint er stets als müder Mensch, der nie lächelt. Überhaupt kommt man in der Ausstellung diesem großen Meister sehr nahe. Die grundsätzliche Fähigkeit der Grafik, auf die kleinsten Bewegungen der künstlerischen Seele zu reagieren, lässt den Besucher mühelos der „Lebenslinie“ Serows folgen.
Diese monographische Ausstellung geht aber über die Person, der sie gewidmet ist, hinaus. Denn die thematische Vielfalt und exzellente Beherrschung verschiedener graphischer Techniken zeugen nicht nur vom großen Talent des Künstlers, sondern geben Einblicke auf die Intensität des russischen künstlerischen Lebens um 1900. Davon kann man sich in der Tretjakow-Galerie noch bis zum 20. Mai 2012 überzeugen.