Das zeigt der Verein hub:kunst.diskurs in einer ehemaligen Eisfabrik mit seinem Projekt changing spaces // Innenräume
Barbara Schöneberger sang einmal in einem sehr wahren Song
„Bin ich zu häßlich für München, zu dumm für Berlin, zu trendy für Bautzen, zu prollig für Wien, zu pleite für Hamburg, zu reich für Schwerin, manchmal hab ich das Gefühl, dass ich zu durchschnittlich bin. Ich glaub, ich zieh nach Hannover, denn da gehöre ich hin.“
Hannover ist eben nicht gerade der Nabel der Welt und relativ charmefrei, in alle denkbaren Richtungen – schämt sich die Stadt doch nicht, ihrer Ehrenbürgerin Niki de Saint Phalle eine Einkaufspassage zu widmen.
Und auch sonst wird das Stadtbild nicht gerade von den überall herumstehenden Kunstwerken gerettet, diese wirken eher hilflos.
Stadt zum Durchlaufen
Hannover ist eben eine Stadt zum Durchlaufen, sei es auf dem weltgrößten Messe-Gelände oder auf der Expo-Plaza. Da hilft es auch nicht, das der berühmte Künstler Kurt Schwitters dort seine Dada-Kunst entwickelte – es könnte auch ein Akt provinzieller Verzweifelung gewesen sein.
Vielleicht liegt es daran, dass gerade in Hannover viel über Kunst im öffentlichen Raum debattiert wird – und das die Künstler hier, relativ unbemerkt von den pragmatischen Hannoveranern, selbst etwas auf die Beine stellen.
Ab in die Eisfabrik
So geschah es, dass Ende der 70er Jahre eine Gruppe von Künstlern auf der Suche nach freien Ateliers die Industrieruine einer ehemaligen Eisfabrik in der Südstadt entdeckte.
Hier wurde zu wirtschaftlich besten Zeiten das Stangenklareis für die gesamte Region Hannover hergestellt - heute sind die ehemaligen Hallen in Ausstellungsräume und Theatersälle verwandelt worden, außerdem gibt es etliche Ateliers, Probenräume und Tonstudios. Eigentümer der Eisfabrik sind die dort arbeitenden Künstler selbst.
hub:kunst.diskurs e.V.
Hier hat sich eine lebendige Kunstszene entwickelt, auch Dank des Vereins hub:kunst.diskurs e.V., der sich nicht nur auf die Durchführung und Konzeption von zeitgenössischen Austellungsprojekten spezialisiert hat, sondern auch viel mit Publikum und Experten diskutiert.
Ihr neustes Projekt mit dem rätselhaften Namen „Heavy Paper - Wege der Handlungskunst in die Archive“ wird am 1. September in der Eisfabrik eröffnet und ist Teil des Themenschwerpunkts changing spaces // Innenräume.
Der Hamburger Künstler und Kurator Jan Holtmann übernimmt diese erste „künstlerische Intervention“. Holtmann betreibt die noroomgallery, die über keine eigenen Räumlichkeiten verfügt, sondern sich temporär und zu Forschungszwecken niederlässt – Anfang September findet diese in der Eisfabrik Hannover ein Zuhause.
Dort beschäftigt sich Holtmann weiter mit seinem Hauptforschungsthema Handlungskunst und wird seine Ergebnisse in einer nach und nach wachsenden Rauminstallation präsentieren. Außerdem wird er andere Künstler und Forscher einladen, um mit ihm zu arbeiten und zu diskutieren – und das öffentlich für alle Interessierten.
Und am 4. September wird Holtmann versuchen, auch die restlichen Hannoveraner zu erobern. Wenn am ersten Septemberwochenende in Hannover der 13. ZINNOBER-Kunstvolkslauf stattfindet, wird der Künstler in der Eisfabrik die Aktion „BERECHNUNG: ÜBER DIE STATIK DER REKONSTRUKTION DES MERZBAUS MIT DEM LEIBNIZKEKS“ veranstalten. Noch viel geheimnisvoller als der Titel ist die Aufforderung an interessierte Besucher, eine Leiter mitzubringen. Vielleicht kann Hannover sich Dank des hub:kunst.diskurs e.V. aus der von Schöneberger besungenen Durchschnittlichkeit befreien.
Alle Infos unter: www.kunst-diskurs.de