Im Schlund des Haifischs

Jule D. Körber am 06.11.2010
(c) 2010 / Kerstin Schomburg
(c) 2010 / Kerstin Schomburg

Zum zweiten Mal eröffnete die Haifischbar in der Kantine des Schauspielhauses Hamburg, um gegen die Sparpläne des Senats zu protestieren – so, wie sie es am besten können, mit Theater

An der Stelle des altehrwürdigen Gebäude, wo normalerweise der Spielplan hängt, verdeckt nun ein Protestbanner mit aufgesprayter Schrift die neobarocke Fassade: „Das Schauspielhaus. Die Kampfansage“.

Vom Delfin zum Hai

Der Eingang zur Kantine von Deutschlands größtem Sprechtheater ist von Haifischzähnen umzäumt, passend zum neuen Wappentier des Deutschen Schauspielhauses. Nachdem der Hamburger Senat die massiven Kürzungspläne bekannt gegeben hatte, worauf  Schauspielhausintendant Friedrich Schirmer zurücktrat, ist es nicht mehr ein harmloser Delfin, sondern ein zähnefletschender Hai.

Solidarische Protestinszenierung

Anfang Oktober riss der Haifisch zum ersten Mal sein Maul auf, um die Zuschauer zu verschlingen, die von der solidarischen Protestinszenierung „Die Kontrakte des Kaufmanns“ vom Thalia-Theater mit Laternen herüberzogen.

King Kong - Das Musical

Und nun also „King Kong - Das Musical“.

Präsentiert vom bekannten Hamburger Elektropunklabel Audiolith Records, das sich wie alle Hamburger Kulturinstitutionen mit dem Schauspielhaus solidarisiert.

„Jeder, der mit einem der folgenden Buttons an seinem Wintermantel durch das Haifischmaul in seinen Schlund hinabsteigt, bezahlt keinen Eintritt: The show must go on, Wir sind das Altonaer Museum, Ich bin das Schauspielhaus, Komm in die Gänge, Ich bin Stuth, Wer uns kennt wird Abonnent, Ich bin keine Eintagsfliege, Hafencity muss bleiben, I love Polizeiorchester, Kurze statt Kürzung, o.ä.“

Versprochen, gehalten. Aber auch Besucher ohne Buttons steigen die Treppen in die Kantine hinab, unter den bösen Blicken eines präparierten Hechtkopfes an der Wand.

Ihr kriegt uns hier nicht raus!

Trotz Castortransport – auf der Pinnwand des Facebookacounts „Kampfansage Schauspielhaus“ hatten einige Unterstützer angekündigt, wegen der Proteste in Gorleben nicht in Hamburg sein zu können – steht das Publikum bis ins Treppenhaus, als die Widerstandshymne erklingt.

„Und wir schreien’s laut: Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus!“

Gerade Rio Reisers berühmter „Rauch-Haus-Song“, der die Besetzung des ehemaligen Bethanien-Krankenhauses in Berlin-Kreuzberg thematisiert, ist umgedichtet worden.

Hauptfeind der poetischen Häme: Reinhard Stuth, der neue Kultursenator der Hansestadt, der es innerhalb kürzester Zeit geschafft hat, die gesamte Hamburger Kulturszene gegen sich aufzubringen.

Der Politiker, der vom Ruhestand ins Amt geholt wurde und „der mit seiner kecken Fliege und dem verlegenen Dauerlächeln wie ein Mathe-Lehrer wirkt, der seine Klasse nicht in den Griff kriegt", wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, scheint wie geschaffen für eine Parodie.

Des Kultursenators Parodie

Er, also seine Parodie, nicht der Kultursenator höchst persönlich, kriecht hinter einem Plastikbusch hervor und präsentiert hinter einem durchsichtigen Vorhang King Kong – und erzählt gleich stolz von den Einnahmen, die er durch diese Sensation macht.

Männer in Pailetten

Dazu live männliche Musiker in Pailettenkleidern und Stuth, der immer wieder zum Besten gibt, was erfolgreiche Kultur ist, was sie braucht und das – neben außereuropäischer Kultur – Wirtschaftspolitik sein geheimes Hobby ist.

Ich bin Hochkultur, ich bin nur ein Teil von mir

King Kong, dargestellt von einer Schauspielerin, befreit sich – nach einem von Stuth inszenierten Schattenrissshowkampf mit einem Pappdinosaurier – und gibt sich ganz friedlich, als er singt: Ich bin Hochkultur, ich bin nur ein Teil von mir. Der Riesenaffe spielt liebevoll mit einer nackten Plastikbarbie und besorgt sich Bier aus dem Publikum.

Das Kultursenator-Double verteilt Plastikdinosaurier in der ersten Reihe, die das Publikum auf die Bühne werfen soll. King Kong wehrt sich dagegen, wie geplant die Echsen kaputtzuschlagen und die Stuth-Parodie brüllt der tiergeworden Hochkultur entgegen: "Ist das wertvoll?"

The show must go on

Am Ende gewinnt King Kong und Stuth wird vertrieben. Dem Publikum gefällt es zu Recht, auch wenn „King Kong – Das Musical“ einige Anspielungen bereit hält, die ohne Vorbildung nur bedingt verständlich sind.

Ob auch der wahre Stuth vertrieben werden wird, ist nach wie vor offen, genau wie das finanzielle Schicksal des Schauspielhauses. Nur eines ist klar: The show must go on.

Der Haifischschlund öffnet sich das nächste Mal am dritten Dezember.

www.schauspielhaus.de