Interview mit Modeillustratorin Maren Esdar

Barbara Russ am 21.01.2010

Menschen haben vor vielen Dingen Angst: Luft zu verschlucken (Aerophobie), vor Kleidung (Vistiophobie), Kometen (Cometophobie) Säulen (Homilophobie) und natürlich auch vor ihrem Arbeitsplatz

(Workplace Phobie).Die Ausstelung "Phobia" zeigt vom 15. Januar bis 26. Februar in der Berliner Agentur 2Agenten digitale Kollagen der Hamburger Illustratorin Maren Esdar. Sie hat sich verschiedener Phobien angenommen und diese mit Modefotografien zu widersprüchlichen Kunstwerken verschmolzen, die erst auf den zweiten Blick ihre Wirkung entfalten.

Globe-M: Siehst Du Dich und Deine Werke eher in der Kunst oder in der Mode angesiedelt?
Maren Esdar: Ich sehe das als eine Verbindung beider Bereiche, ich würde meine Kollagen  als „Mode-illustration“ bezeichnen.
 
Globe-M: War das Deine Intention von Anfang an?
Maren Esdar: Ich habe zuerst Kunstgeschichte und dann Modedesign studiert, also ja, die Illustration entstand aus der Mode heraus. Ich habe mir als Kind schon immer vorgestellt, so etwas zu machen und weil ich Illustrationen nur aus Kinderbüchern kannte, hatte ich den Traum Kinderbuchillustratorin zu werden. Ich stand dann vor dem Problem, dass ich leider nicht die Begabung habe, Dinge aus dem Kopf heraus perspektivisch zu zeichnen,  wie beispielsweise Daniel Egnéus (Anm. d. Red.: ein Künstler, der auch bei der Agentur 2Agenten zu sehen ist) aber ich kann sehr gut und relativ photorealistisch  abzeichnen. Ich bin dann zufällig auf die Kollagetechnik gekommen. Durch das Zusammensetzten von Flächen entsteht eine Form von Malerei, die dem Ganzen eine Tiefe und Farbigkeit gibt. Je nachdem, wie sie zusammengesetzt werden, ergibt das dann einen „Malereigegenstand“.
 
Globe-M: Wie setzen sich Deine Kollagen genau zusammen, zeichnest Du etwas ab oder benutzt Du Fotos?
Maren Esdar: Das sind tatsächlich Kollagen aus Elementen wie zum Beispiel Kopien aus Büchern. Für diese Ausstellung habe ich viel  mit Bildbänden gearbeitet wie „Das große Pilzsammellexikon“ oder „Die Welt der Insekten“ und das kombiniere ich mit Fotos aus Modemagazinen. Modemagazine haben einfach die beste Auflösung und Fotografie.
 
Globe-M: Welche Magazine benutzt Du dafür?
Maren Esdar: Mainstream-Modemagazine. Dadurch, dass die Kollagen zusammengesetzt werden, sind die Gesichter ja nie in einem Guss abfotografiert und ich suche dann solange, bis die einen bestimmten Ausdruck haben, eine bestimmte Tiefe, Persönlichkeit.
 
Globe-M: Dieser Zwiespalt in Deinen Figuren, der Bruch im Gesicht, was willst Du damit ausdrücken?
Maren Esdar: Das hat einen ganz praktischen Hintergrund: Als ich anfing hatte ich mit Computern gar nichts zu tun. Ich konnte damit gar nicht umgehen - das ist ja auch schon zehn Jahre her, dass ich das erste mal mit Photoshop gearbeitet habe oder die ersten Kollagen gemacht habe. Mich hat es  immer gestört, dass es da so einen großen Unterschied  in Farbigkeit und Größenverhältnissen gab zwischen den Gesichtshälften, wenn ich diese zusammensetzte. Dann dachte ich mir, wenn ich das schon so mache, dann ist es besser, es zu übertreiben. Also, wenn etwas sowieso fehlerhaft ist, dann besser da noch einen draufzusetzen, um konträr zu sein. Dann habe ich diesen Strich richtig markiert, mit dem Edding durchgezogen - irgendwann ist das dann zu meinem Erkennungsmerkmal geworden und das habe ich dann beibehalten. Ich könnte das natürlich heute am Computer wegmachen oder so zusammenfügen, dass es ein Guss ist, aber es ist eben jetzt zu meinem Markenzeichen geworden und zum zentralen Element.
Manchmal wundert man sich aber auch, wie sich eigentlich die Art-Direktoren und Kunden mit diesen Dingen beschäftigen: ich schicke ja auch mal Previews zu Kunden und bekam dann zum Beispiel einmal eine E-mail zurück - mit dem Vermerk die Datei sei fehlerhaft, es wäre ein schwarzer Balken über dem Gesicht.

 
Globe-M: Warum heißt die Ausstellung "Phobia"? Warum hast Du dieses Thema gewählt?
Maren Esdar: Auch das hat wieder einen praktischen Hintergrund: ich habe lange nach einem Thema gesucht, das das, was ich schon immer gemacht habe, verbindet oder zusammenführt. Phobien sind ja etwas, das jeder Mensch in irgendeiner Form hat und ich fand dieses Thema einfach unglaublich spannend, was es an unterschiedlichen Phobien gibt. Die Art und Weise wie ich Dinge gestalte, etwas objektiv Schönes oder etwas Ästhetisches kreiere, bei dem man auf den ersten Blick denkt „schöne Frau“ und  erst dann kommt der Twist, wenn man genauer hinschaut oder ein zweites Mal hinschaut, dann erkennt man: das ist alles gar nicht so einfach und schön. Das hat auch etwas Erschreckendes und Abstoßendes und darum ging es mir. Das ist sozusagen eine Wandlung auf dem schmalen Grat zwischen Traum und Alptraum. Diese Zweideutigkeit war mir wichtig.
 
Globe-M: Du warst mit deinen Illustrationen schon in vielen bekannten Magazinen, was war für Dich die größte Ehre?
Maren Esdar: Ich habe gleich meinen allerersten Job als große Ehre empfunden: als ich noch studiert habe, habe ich angefangen Kopien meiner Illustrationen an Magazine zu versenden. An Allegra, Marie Claire, Vogue, Elle und so weiter. Dabei hatte ich mich auch explizit für das Horoskop beworben, weil ich dachte, da macht das Sinn oder da würde es passen. Von allen außer der Vogue habe ich ein Absage bekommen. Aber dann hat sich die Vogue wirklich noch gemeldet und die Illustrationen genommen. Das war der erste Job und gleich 13 Illustrationen für das Jahreshoroskop der Vogue! Das hat dann auch einiges ins Rollen gebracht. Unter anderem kam ich in ein "Kompendium der Modeillustration" und mir wurde dann auch eine Agentur in New York empfohlen. Stolz bin ich auch auf die Veröffentlichungen in der New York Times und  für La Perla, das war ein sehr schöner Job, weil ich da alle Freiheiten hatte.
 
Globe-M: Gehst Du auf die Fashionweek in Berlin?
Maren Esdar: Nein, leider werde ich nicht hier sein.
 

Globe-M: Nimmst Du Berlin als Modestadt wahr?
Maren Esdar: Ich bin ja meistens in Hamburg, aber für mich hat sich Berlin total positiv verändert seit anfang der 90er Jahre. Ich finde es toll, dass Berlin als deutsche Stadt  einen solchen Zulauf und Hype erfährt. Es ist so viel entspannter und freundlicher geworden, auch weil so viele tolle Leute hergezogen sind. Hamburg ist eher wohlerzogen. Im Vergleich zu Hamburg ist Berlin einfach mutiger.
 
Globe-M: Danke für Deine Zeit!
Maren Esdar: Gerne.
 

Das Interview führte Barbara Russ

Maren Esdar im Internet:
http://www.marenesdar.com/
http://www.2agenten.com/