It matters if you’re black or white

Jule D. Körber am 15.11.2010

Die Nachtbar des Theaters für Niedersachsen bricht Shakespeares Othello ab und fordert Entscheidungen ein.

Aus dem altehrwürdigen Hildesheimer Stadttheater strömt das lebendig gewordene Klischee eines Nicht-ganz-Großstadt-Theaterbesuchers zwischen den weißen Säulen hinaus zu Reisebussen, auf denen „Sauseblitz“ steht.

Vor dem direkt ans Theater angrenzenden Cineplexkino sammelt sich Publikum für die Spätvorstellung, das im Durchschnitt gute 30 Jahre jünger ist, unter Schildern, auf denen steht: 3-D Hier im Kino! Das hätten sie nebenan auch ohne Brille haben können.

3-D Hier im Theater!

Es regnet wie nahezu immer in Hildesheim. Um zum Eingang der Nachtbar in der Teichstraße zu kommen, stapfen die Gäste durch nasses Laub und Dunkelheit, dann eine tunnelartige Treppe hinauf, Licht am Ende.

Und gleich die erste Entscheidung: weißes oder schwarzes Fähnchen? „Du kannst auch beide nehmen“, sagt Regisseurin Julia Kastner im weißer Satin-Abendrobe, ihr künstlerischer Handlanger Jan Fischer, stilecht im schwarzen Frack, nickt und Assistentin Sina Wachenfeld im schwarzen Paillettenkleidchen schwenkt die Fähnchenauswahl.

Schwarz oder weiß?

Auf den kleinen runden Tischen stehen Minineger- pardon – Schaumküsse in schwarz, weiß und braun und daneben zwei Packungen Papiertaschentücher. Der Othellokenner nickt wissend – das trügerisch-verräterische Taschentuch – und schnäuzt sich.

Othello, etwas gekürzt

Für die, denen die Handlung von Othello nicht geläufig ist, sei erklärt: Der venezianische General Othello, ein auf Zypern stationierter „Mohr“, hat mehr oder minder heimlich die schöne Desdemona geheiratet. Der hinterlistige Fähnrich Jago, dem der redliche Othello, der Trottel, bedingungslos vertraut, ist sauer, weil statt ihm der unerfahrene Cassio befördert wurde. Jago spinnt eine Intrige. Zuerst lässt er Othello an Desdemonas Treue zweifeln und unterstellt ihr eine Affäre mit Cassio. Dem ahnungslosen Cassio wiederum schiebt er ein Taschentuch unter, das Othello Desdemona geschenkt hatte und sie dann verloren hat. Das reicht Othello als Beweis, er erwürgt Desdemona und erfährt dann von Jagos Frau, die kurz danach von Jago erdolcht wird, von der Intrige und bringt sich selbst um. Soweit, so Telenovela – nur mit mehr Toten.

Black or white

Julia Kastner und Jan Fischer betreten zu „black or white“ von Michael Jackson die Bühne und Kastner zitiert aus dem, wie sie sagt, bestem Theaterführer der Welt, die Handlung noch etwas knapper: „Schlampige Frau verliert Sachen und kommt dadurch zu Tode“.

Fischer erklärt noch, dass sich die Nachtbar für Othello entschieden habe, weil der Shakespeare-Klassiker letzte Spielzeit am Theater für Niedersachsen – TfN – sehr erfolgreich lief. Als Beweis liest er die Kritik der Goslarschen Zeitung vor, die von der Begeisterung des „Oberharzer Publikums“ durch diese „ungewohnt moderne Inszenierung“ berichtet.

Inklusive: Der Erklärbär

Kastner und Fischer stellen die Protagonisten des Abends vor: die TfN-Schauspieler Michaela Allendorf und Gotthard Hauschildt in allen Othello-Rollen, Sina Wachenfeld als bezaubernde Assistentin am Beamer und Merlin Schumacher, wie es sich gehört im haarigen Kostüm und mit Ukulele, als Erklärbär. Dann gehen sie Schach spielen.

Meta-Othello

Der Rest des Abends ist schnell erzählt: Die Schauspieler spielen Othello mit wechselnden Hüten und die textlich anstrengenden letzten Akte nur als Regieanweisung. Das Publikum isst „Schockostrolche“, wie der Erklärbär – was wohl – erklärt: „Was Dickmanns sich dabei gedacht haben, die so zu nennen, keine Ahnung, die Idioten“, und der Saal wedelt Fähnchen, je nachdem, ob die Stimmung gerade für Othello oder für Jago steht.

Moralisch auf der richtigen Seite

Die Schachspieler nutzen ihre Joker: Den Jago-Joker, mit dem der Spieler einen Bauern des Gegners bewegen darf, der Othello-Joker, der überhaupt nichts bringt, mit dem man nur moralisch auf der richtigen Seite steht und der Publikumsjoker, mit dem sich der Spieler Hilfe aus dem Publikum holen kann.

Heidi & Seal

Dazu gibt es Heidi Klum und Seal im Duett – das sollte von nun an verpflichtend in jeder Othello-Inszenierung gezeigt werden – jede Menge Bärchenwurst und leicht rassistische Witze des Bären sowie dreimal Othello in filmischer Interpretation.

Wobei gerade die so hochgelobte Hollywood-Highschool-Variante mit Julia Stiles – „Kennt irgendjemand einen anderen Film mit Julia Stiles außer „10 Dinge, die ich an dir hasse?“, fragt da der Erklärbär – die Schwächen der Übertragbarkeit des Othello-Stoffes in die Gegenwart zeigt.

O & D

In der Verfilmung aus dem Jahr 2002 ist Othello ein Odin, nur „O“ genannt, der Kapitän der Basketballmannschaft und einziger schwarzer Schüler an einer noblen Privatschule. Er ist mit Desi, nur „D“ genannt, der Tochter der Rektors zusammen. Jago wird zu Hugo, dem Sohn des Basketballtrainers. Den Rest kann sich der Shakepearekenner denken. In dem gezeigten Filmausschnitt fordert O D auf, ihm das Halstuch zu zeigen, das er ihr geschenkt hat. Sie findet es nicht. Folgende Reaktion von O: „Hey, D, würdest Du Dir nicht hinter meinem Rücken woanders Liebe holen? Eigentlich bist Du doch heiß und unersättlich.“ Ah ja.

Dann doch lieber die Nachtbarinterpretation von Othello. Die hatte wohl wesentlich mehr Tiefenwirkung als die meisten vorangegangenen.

Nachtbar – das nächste Mal am 10.12.2010 im F1 des TfN Hildesheim

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