Kaum eine Region in Deutschland ist derart mit Klischees behaftet wie das Ruhrgebiet. Der Autor Hilmar Bender begibt sich anhand der Geschichte der Heavy Metal-Band Kreator auf die Suche nach dem Kern jener Vorstellungen.
Mehr als ein Tourist
"Violent Evolution" ist daher weit mehr als nur eine Bandbiographie. Der am Niederrhein aufgewachsene Hilmar Bender hat sich vor allem durch sein ausführliches Tourtagebuch "Die Schönheit der Chance - Tage mit Tomte auf Tour" einen Namen gemacht. Keine optimale Ausgangssituation, um die Seele des Ruhrgebiets im Heavy Metal zu analysieren, mag man mutmaßen, und doch gelingt es dem Autor, mit seinem Buch mehr als nur Tourist zu sein.
Wenn man hier neben einigen Musikjournalismus typischen Phrasen und dem gängigen Abspulen von Rockstar-Anekdoten nicht selten ehrliche Leidenschaft für die Materie spürt, mag dies dem Umstand geschuldet sein, dass der jugendliche Bender einen nicht unwichtigen Teil seiner Jugend auf Metal-Konzerten im Ruhrpott verbracht hat.
Eben jene Shows waren es auch, die in den Bergarbeitersöhnen Miland "Mille" Petroza, Jürgen "Jülle" Reil, genannt "Ventor" oder auch Roberto "Rob" Fioretti den drängenden Wunsch nährten, selbst laut zu sein und das Heil in Stromgitarren und schepperndem Schlagzeug zu suchen. Die blutigen Anfänger hatten ungezügelte Energie statt Karrierewünsche, und waren sich der Bedeutung guter Freundschaften bewusst.
Musik und Identitätsfindung
Kiss und ihre bombastische Bühnenshow werden als eine maßgebliche Inspiration genannt und Bender zeichnet von diesem Ausgangspunkt die Entwicklung einer Band, die kurz nach ihrer Gründung zu den weltweit wichtigsten Acts des Thrash Metal werden sollte. Man verfolgt die Kreator-Gründungsmitglier vom Nachspielen alter Judas Priest-Songs im eigenen Probekeller, über erste Auftritte in Jugendzentren bis zum Kontakt mit Management und Label oder die Aufnahmen einer Debüt-LP sowie weltweite Tourneen. Viele Fakten und Episoden, die der Autor hauptsächlich durch Interviews präsentiert, die Protagonisten in eigenen Worten ihre Geschichte schildern lässt.
Mehr noch als eine reine Bandbiographie ist "Violent Evolution" jedoch eine Charakterstudie und Ortsbestimmung des Ruhrgebiets. Hilmar Bender beschränkt sich nicht darauf, die Musiker nach ihren Karrieren oder einprägsamen Banderlebnissen zu befragen, sondern schlägt immer wieder den großen Bogen zu Sozialisation und Eigenarten des Lebens in Essen, Mülheim oder Bottrop. So besteht die weitaus spannendere Ebene des Buchs darin, dass eine Reihe Ruhrpottjungs in der Familiengeschichte kramen oder sich Gedanken über die eigene Rolle in ihrer Umwelt machen.
Wenn man da beinahe beiläufig erfährt, dass Sodom-Sänger Thomas Such alias Tom Angelripper als einziger der ortsansässigen Metal-Szene fast zehn Jahre als Bergmann arbeitete, sagt dies eine Menge über die Identitätsfindung unter und über Tage aus. Obgleich man also eine Portion Musikinteresse mitbringen sollte, bietet "Violent Evolution" einen sehr interessanten Zugang zum Themenkreis "Kohlenpott".
Erschienen im Ubooks Verlag
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