Die Tretjakow Galerie begeht den 180. Geburtstag von Nikolai Ge mit einer großen Ausstellung. Zu sehen sind Gemälde, die noch zur Jahrhundertwende in Russland nur unter der Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt werden durften.
Gemälde hinter dem Vorhang
Die ausgestellten Arbeiten stammen aus nationalen und internationalen Sammlungen So kommt aus dem Pariser Musée d'Orsay seine berühmte „Kreuzigung“ aus dem Jahre 1892. 1899, als der Künstler schon fünf Jahre tot war, wurde das Gemälde in einem separaten Raum ausgestellt, der für einen sehr beschränkten Besucherkreis zugänglich war. Als ob das nicht genug wäre, wurde davor noch ein Vorhang angebracht. Es unterscheidet sich grundlegend von vertrauten russisch-orthodoxen Ikonen: In der Kreuzigung von Ge fehlt jede kanonisch festgelegte Harmonie, seine Linien und Farben „schreien“ noch durchdringender als in dem berühmten Bild von Edvard Munch. Auch wenn diese Arbeit realistisch ist, strahlt sie eine solche Ausdruckskraft aus, dass es durchaus von einem Expressionisten stammen könnte. „Lange habe ich darüber nachgedacht, wozu man mein Kreuzigungsbild braucht…- auf keinen Fall, um Mitleid zu erwecken. Es ist da, damit jeder begreift, dass Jesus für ihn persönlich gestorben ist. Ich lasse Menschen erschaudern, das Leiden Christi wird sie erschüttern, sie werden beim Anblick meines Bildes nicht gerührt sein, sondern weinen,“ so der Künstler.
Von Sozialrevolutionären zu Lew Tolstoi
„Was ist Wahrheit?“ – diese Frage, die Ge zum Titel eines anderen berühmten Gemäldes zur christlichen Thematik machte, wurde zum Titel der Ausstellung. Für Ge war diese Frage weder rhetorisch, noch abstrakt. Als Maler fühlte er sich vor die gleichen Aufgaben gestellt wie die russischen Literaten seiner Zeit. Hoffung auf soziale Gerechtigkeit und geistige Suche durchdringen daher sein gesamtes Werk.
Nikolai Ge war Gründungsmitglied und Teilnehmer der russischen Künstlergruppe Peredwischniki (Wanderer), die aus Protest gegen die restriktiven Regeln der Petersburger Kunstakademie eine Genossenschaft von Künstlern bildeten. Sie waren überzeugte Verfechter des Realismus, standen den sozialrevolutionären Ideen nahe und veranstalteten künstlerische Wanderausstellungen, in denen sie eine gewisse Volksnähe anstrebten. Ge wurde außerdem ein enger Freund des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi, von dessen religiösen und philosophischen Ansichten er stark beeinflusst war.
Flohmarktfund nach 100 Jahren
In seinen letzten Lebensjahren malte er vorrangig Bilder mit neutestamentarischen Themen, darunter auch Illustrationen zu „Kurze Darlegung des Evangelium“ von Lew Tolstoi. Dieses Buch fand seinerzeit keinen Verleger und die Zeichnungen gingen in Frankreich verloren. Ein Genfer Sammler entdeckte sie eines Tages auf dem Flohmarkt. In diesem Sommer erwarb dann eine Bank alle 55 Blätter für die Tretjakow Galerie. In der Ausstellung sind sie nun zu besichtigen – zum ersten Mal nach 110 Jahren.
Eine endgültige Antwort auf die Frage „Was ist Wahrheit?“, die den Künstler sein Leben lang beschäftigte, kann nicht einmal eine solch große Ausstellung liefern. Sie gibt jedoch eine gute Gelegenheit, einem der bekanntesten und geheimnisvollsten Künstler Russlands des 19. Jahrhunderts näher zu kommen und seine tiefe Persönlichkeit kennen zu lernen.
Was ist Wahrheit? in der Tretjakow Galerie ist bis zum 5. Februar 2012 zu besichtigen.