Man kann über Berlin vieles sagen. Es wurden der Stadt auch schon die verschiedensten Eigenschaften unterstellt. Sie sei arm, aber sexy, so eine der bekannteren Charakterisierungen; oder sie habe eine einen holden Duft. Einige sagen auch, sie täte im Sommer gut und im Winter weh, oder dass ihre Nächte einen auffräßen. All dies hat man über die Stadt schon gehört. Aber dass sie eine Stadt voller Phallussymbole und Testikel sei, das ist eine neue Behauptung. Genau dies aber ist eine Ausssage der Ausstellung "the anxious prop", nämlich have balls! Dementsprechend fand die Ausstellung nur für ganz kurze Zeit im ersten Stock des Vorzeigepenis Fernsehturm statt, sozusagen da, wo sich die metaphorische Schamhaargrenze befinden dürfte. Weitere Phallussymbole: Die ehemaligen Radargebäude auf dem Teufelsberg, das Carl Zeiss Planetarium und der Tempelhofer Ex-Flughafen.
Lost in Alexanderplatz
An diesem unfertigen Ort, wo unverputzter Stahlbeton mit scharfen Kanten auf Bauzäune trifft und der Aufgang zur Ausstellung hinter ebendiesen und Fahrrädern kaum auffindbar versteckt ist, dort wird eine Zwischensphäre zwischen Kunst und urbanem Zweifel, nach den literarischen Vorbildern von Berlin Alexanderplatz, Slaughterhouse Five und Hopscotch erzeugt. Der ständige Drang nach Verlangen, der Fetisch um Objekte, die Bedeutungslosigkeit des Kontexts, sollen in dieser Ausstellung ausgedrückt werden.
Entkontextualisierung und Objektkult
Wie bei jeder Berlin-Mitte-Vernissage stehen die Hipster auf der Terrasse und rauchen, trinken Bier und schäkern. Der Dresscode scheint in der Einladung befohlen worden zu sein, so stringent wird er befolgt: unordentliche Aneinaderreihung von Vintage und American Apparel mit einem Schuss Ray-Ban. Innen stehen überall Stapel von Betonplatten, der Raum wirkt wie eine verlassene Baustelle, stünden nicht auf diesen Stapeln kleine Pappkartons mit Programmheften. Die Exponate sind scheinbar wahllos und entkontextualisiert verteilt. In einer Ecke ist ein verwahrloster Arbeitsplatz eingelassen, der aussieht als wäre der Künstler oder vielleicht eher der Architekt - denn es stehen überall Pappkonstruktionen und Modellbauten herum - gerade nur Zigaretten holen und käme gleich wieder. Unter dem Schreibtisch hat er sein Zelt aufgeschlagen, mit Schlafsack und Kopfkissen. Überall stehen Aschenbecher oder Gegenstände, die dazu umfunktioniert wurden. Eine angebissene Stulle, Apfelschalen, eine Kaffeetasse mit dunklem Kaffeerand, aufgeschlagene Bücher, eine Textstelle mit Marker markiert. Bilder des früheren Alexanderplatzes. Darüber steht mit Rot an die Wand geschrieben: „i am about to give it all up“ – der ewige innere Monolog des Künstlers.
Vom Zuschauer zum Akteur
Daneben hängen zwei Luftballons in einem Netz, aus ihnen tropft Wasser. Kinder spielen damit, schubsen das Ballnetz, während das Wasser den Baustaub vom Boden sammelt und so sein ursprüngliches Grün zurückerobert. Eine Frau bedient sich am Arbeitsplatz und nimmt sich ein Post-it, um eine Nummer zu notieren, die ihr ihre Freundin diktiert. „Betreten der Baustelle auf eigene Gefahr“ steht an der Türe. Die Grenzen zwischen Kunst und Realität sind unklar. Der Ort wird zur Bühne, die Besucher zu Akteuren.
Architektonische Mode
Mitten im Raum hängt eine textile Skulptur, eine schwarze Neopren-/ Lederkombination, rund, bauchig und monströs, wie ein weicher Panzer gegen die Außenwelt, mit nur einem Sichtschlitz. Der Träger kann seine Privatsphäre für Alle sichtbar mit sich herumtragen. Schöpfer des schwarzen Stücks Einsamkeit namens "Protect Me From What I Don’t Want To Become" ist der neue Berliner Wunderknabe Vladimir Karaleev, vor Kurzem unter den Finalisten und Gewinnern des „Start your own fashion business“ Preises des Berliner Senats. Karaleev ist bekannt für seine architektonische Mode, für Falttechniken, die Räumlichkeit entfalten, und als Grenzgänger zwischen Kunst un Mode.
Berlin, Berlin
Berlin ist bekannt für diese Art von Ausstellungen. Ein paar gestapelte Stühle: Kunst. Eine verlassene Partylocation mit Glasscherben und Krümeln am Boden: Installation. Oder eben eine Ausstellung über Entkontextualisierung und Objektfetiscchismus in einem riesigen Phallussymbol mit spielenden Kindern. Die Stadt Berlin lebt alle ihre Klischees auf wunderbar ungezwungene Weise.