
In der jungen Sowjetunion, die von Revolution und Bürgerkrieg aufgewühlt war, wurde Kunst zum Instrument der Ideologie. Eine Handvoll hochkarätiger Fotografen blieb aber den alten Werten treu.
Die großen Fotografen der russischen Avantgarde Alexander Rodtschenko, Gustav Klucis oder El Lissitzky gehören heute zum Kanon der internationalen Kunst. Es mag daher überraschen, dass zur selben Zeit in Russland hervorragende und international renommierte Fotografen wirkten, deren Arbeiten im krassen Gegensatz zu dem revolutionären Pathos der Avantgardisten standen. Bis in die späten 1930er Jahre lebte in der Sowjetunion der Piktorialismus weiter, jene kunstfotografische Stilrichtung, deren Ziel es war, eine symbolische Darstellung von Stimmungen, Gemütszuständen oder individuellen Gedanken zu erzielen.
Weichgezeichnete Realität
Mit weichzeichnenden Objektiven, raffinierter Belichtung, komplizierter Vergrößerungstechnik und aufwändigen Entwicklungsverfahren verwischten die Piktorialisten Konturen und schufen stimmungsvolle Kompositionen, die sich deutlich von der dokumentarischen Fotografie absetzten. Auf 160 Originalabzügen, die der Martin-Gropius-Bau anlässlich des 20. Jahrestages der Städtepartnerschaft Berlin-Moskau noch bis zum 18. Dezember zeigt, erscheint in diesen weichen Tönen das alte Russland mit weiten Landschaften, Kirchtürmen und Gutshäusern. Wohl komponierte Akte und anspruchslose Genreszenen sind weitere Motive dieser Bilder, die gelegentlich an spätimpressionistische Gemälde erinnern. Das vollkommene Kompositionsgefühl und die virtuose Technik der Meister der russischen piktorialen Fotografie, von denen man sich in der Ausstellung überzeugen kann, machten sie zu beliebten Gästen der größten Ausstellungen und Salons in Europa, den USA und Japan, wo sie mehrfach mit Gold- und Silbermedaillen ausgezeichnet wurden.
Freiheit als höchstes Gut
Der Titel dieser vom Moskauer Haus der Fotografie vorbereiteten Ausstellung lautet „Stiller Widerstand“. Worin der Widerstand bestand, erschließt sich dem Besucher nicht sofort. Die piktorialistischen Fotografen lebten und arbeiteten unter der sowjetischen Herrschaft wie vor der Revolution und waren keineswegs darauf bedacht, die Losungen der Sowjetmacht zu übernehmen. Ihrer Kunst fehlen aber jegliche sozialkritische oder gar subversive Züge. Erst nach einer Weile versteht man, dass gerade diese beharrliche Verweigerung, sich den sowjetischen Werten anzuschließen, ihre sonst eindeutig apolitischen Bilder zu einem Politikum machten. Den Künstlern wurde zunächst „politische Kurzsichtigkeit“ vorgeworfen, später wurden sie unter absurden Anschuldigungen wie etwa „Verbreitung von Pornografie“ verhaftet und verurteilt.
Man kann darüber streiten, ob alle ausgestellten Abzüge über einen hohen künstlerischen Wert verfügen. Denn neben eindeutigen Meisterwerken finden sich hier auch viele sentimentale, romantisierende Aufnahmen von Winterwäldern und Meereswellen. Aber darum geht es nicht: Die russische malerische Fotografie postuliert die Freiheit des Individuums – auch die Freiheit, Fehler zu machen. Im Widerstand gegen kollektiven Zwang behaupteten die Künstler ihre Individualität und widersprachen mit jedem einzelnen Bild dem verordneten Weltbild des Bolschewismus.
Stiller Widerstand. Russischer Piktorialismus 1900–1930 im Martin-Gropius-Bau, Berlin
Fotos © Moskauer Haus der Fotografie