Einzigartiges entsteht, wenn zwei Künstler ihren Visionen freien Lauf lassen. Luis Buñuel und Salvador Dali verfilmten mit „Ein andalusischer Hund“ und „Das goldene Zeitalter“ ihre abenteuerlichsten Träume.
Ein wegweisendes Werk
Der Kurzfilm „Ein andalusischer Hund“ gilt Film- und Kunstkennern als einer der wichtigsten Beiträge des Surrealismus. Luis Buñuel und Salvador Dali erschufen 1928 ein achtminütiges Stummfilm-Werk von gewaltiger Bildersprache. Die Initialzündung dafür lag der Legende nach in einer Unterhaltung der beiden über ihre Träume. Eine Wolke, die den Mond zerschnitt, wie ein Rasiermesser einen Augapfel, war Buñuels Traum, der im Prolog des Films in deutliche Bilder umgesetzt wird. Auch Dalis Vision von einer Hand, aus der Ameisen krabbeln, fand Eingang in die Collage aus surrealen, metaphorischen Szenen.
Eine zusammenhänge Handlung gibt es nicht, vielmehr bildet den groben Rahmen ein Paar, das in allen Szenen auftaucht und deren Leben und Beziehung der Kosmos ist, in dem Dali und Buñuel ihren Assoziationen freien Lauf lassen. Die expliziten Aufnahmen von Gewalt mögen heutige Sehgewohnheiten kaum mehr erschüttern, vor über 80 Jahren lösten sie ein erdrutschartiges Presseecho aus. Neben der Zerschneidung eines Augapfels zeigen die Künstler eine beginnende Vergewaltigung, eine abgetrennte Hand sowie zwei Klaviere, in denen Eselskadaver liegen.
Die bildhafte, exakte Darstellung der Traumwelten sorgte für ein Umdenken in der Kunstszene, die bis dato der Abstraktion verpflichtet war und beflügelte Dalis Karriere, der zu einem wegweisenden Künstler der Pariser Surrealistengruppe werden sollte. Beflügelt von diesem produktiven Zusammenwirken, drehten beide zwei Jahre später mit „Das goldene Zeitalter“ einen 60-minütigen Tonfilm.
Bildgewaltige Gesellschaftskritik
Obgleich auch „Das goldene Zeitalter“ mitunter mit dem Arrangieren von Traumsequenzen spielt, hat der Film eine klare Handlung und eine zielgerichtete Aussage. Auto Buñuel prangert damit die bürgerliche, christliche Moral an und orientiert sich in der Handlung an „Die 120 Tage von Sodom“. In dem Roman des berühmt-berüchtigten Marquis de Sade zelebrieren vier gesellschaftliche Würdenträger eine mörderische, exzessive Orgie.
Wie de Sades Text, so war auch „Das goldene Zeitalter“ ein Werk, das auf Tabubrüche angelegt war und sein Ziel keineswegs verfehlte. Der Film sorgte nicht nur bei den Anhängern der rechtsextremen „Action francaise“ für Empörung, sondern wurde bereits nach wenigen Aufführungen mit einem staatlichen Aufführungsverbot belegt. Der moralisierende Rundumschlag von Buñuel und Dali ging jedoch, wie auch sein Vorgänger, als einer der kompromisslosesten Filme aller Zeiten, in die Geschichte ein.
In der aktuellen DVD-Fassung glänzen die bejahrten Bilder, ohne dass dies auf Kosten des ursprünglichen Charmes des historischen Materials geschieht. Sogar auf einem Flachbildfernseher verlieren filmische Meisterwerke wie diese nichts von ihrer Wirkkraft. Als Bonus erhält man außerdem noch die sehr informative Dokumentation „A propósito de Buñuel“.
Erschienen bei Pierrot Le Fou / Al!ve