Tiefgründige Abgründe

Victoria Belikova am 31.08.2010
Krankenzimmer Nr. 6
Krankenzimmer Nr. 6
Underground
Underground
Quelle: http://kmbtheatre.kiev.ua/
Quelle: http://kmbtheatre.kiev.ua/

Mit  zwei Einaktern ging das Moskauer Gastspiel des Theaters „Kiev Modern Ballet“ zu Ende. Der junge Choreograf Radu Poklitaru widmet sich in beiden Stücken der philosophischen Suche und ist diesem Thema eindeutig gewachsen.

Enfant terrible des Balletts

Radu Poklitaru ist schon lange auf die Rolle eines „choreographischen Provokateurs“ festgelegt. Seine radikalen Experimente gelten klassischen Stücken, die er bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet und sie mitunter zu komischen und absurden Gags mutieren lässt. Seine „Carmen TV“, die als erste im Rahmen des Festivals „Summer Ballet Seasons“ gezeigte wurde, ist ein gutes Beispiel dafür. Seine Einakter „Krankenzimmer Nr. 6“ und „Underground“ zeugen aber davon, dass die Rolle eines feinsinnigen und nachdenklichen Regisseurs ihm viel besser steht.

Tschechows Handlung ausführlich übertragen

Das tschechowsche „Krankenzimmer Nr. 6“ zu Musik von Arvo Pärt wurde 2004 im Auftrag des damaligen künstlerischen Leiters des Bolschoi-Theaters inszeniert. Das Ballett hielt sich aber im Repertoire nicht lange, ein paar Jahre später entschied sich Radu Poklitaru, es in seiner Kompanie wieder aufzunehmen. Der Szenograph Andrej Slobin stellte auf die Bühne eine schief gewordene Remise, die sowohl Ragins Zuhause, als auch das Krankenzimmer oder die Stadtverwaltung verkörpert – also alle wichtigen Orte, an denen bei Tschechow die Handlung spielt. Der Schreibtisch, der sich gegen Ende zum Krankenbett transformiert, symbolisiert den Wahnsinn des Arztes.

Choreographie im Einklang mit Inhalt

Poklitaru organisiert das „Krankenzimmer Nr. 6“ nach allen Regeln eines Theaterspiels und lässt seine Tänzer gleichzeitig als Schauspieler agieren. Klare Dramaturgie, deutliche Bilder, sprechende Gesten, Text- Einsprengsel – der Choreograph setzt alle Mittel ein, damit der Ballettinhalt maximal verständlich wird. Die angestrebte Dramatisierung hat jedoch überhaupt keine nachteilige Auswirkung auf das Tänzerische der Aufführung. Die morbide, auf dem Unverständnis beruhende Welt der Bewohner des Krankenzimmers Nr. 6, fand ihre Entsprechung in der plastischen Sprache des Choreographen. Plumpe, mechanistische Bewegungen des Doktors und seiner Gleichgesinnten, die Ragin um den Verstand bringen, werden harmonischen, fließenden Duetten mit dem geisteskranken Iwan Dmitriewitsch gegenübergestellt. Die Seelenverbundenheit beider Protagonisten wird mit jedem neuen Körperkontakt stärker und mündet schließlich in einen gemeinsamen ausdrucksstarken Tanz.

Bosheit und Liebe im düsteren Verlies

Zwischenmenschliche Beziehungen erforscht Radu Poklitaru auch in „Underground“. An die Spitze seiner Inszenierung, deren musikalische Grundlage das Geigenkonzert des lettischen Komponisten Peteris Vasks bildet, stellt er als Motto den Satz von Jean-Paule Sartre „Die Hölle, das sind die andern“. Poklitarus Hölle ist ein unheimliches Verlies, in das unschuldige Menschen vom Krieg getrieben werden. Er bringt seine Helden in eine ausweglose Situation, in der das Streben nach Freiheit manchmal brutale Züge annimmt. Auf dem Hintergrund menschlicher Bosheit entstehen aber gleichzeitig aufrichtige Gefühle, die im Finale nicht nur diese Unglücklichen, sondern die ganze Welt retten.