Unter Irren

Jan Fischer am 29.08.2011
Geeky Gisbert, Autor dieses Artikels / Foto: Marie von Borstel
Geeky Gisbert, Autor dieses Artikels / Foto: Marie von Borstel
The Devils Niece erfährt, dass sie den Titel gewonnen hat / Foto: Marie von Borstel
The Devils Niece erfährt, dass sie den Titel gewonnen hat / Foto: Marie von Borstel

 Aline Westphal alias "The Devil's Niece" hat für Deutschland die Luftgitarrenweltmeisterschaft gewonnen. globe-M Autor Jan Fischer hat sie nicht nur hinter, sondern sogar bis auf die Bühne begleitet.

 

Schon in der Luft geht mir der Arsch auf Grundeis. Unter uns der scheinbar endlose finnische Nadelwald. Irgendwann, vielleicht, landen wir. Vielleicht bin ich müde, vielleicht bin ich wirklich verrückt, so oder so: Es ist einer dieser Momente, in denen man alles, sein Leben, die Welt, einfach alles in Frage stellt. Ganz speziell frage ich mich, warum genau ich mehr Geld, als ich habe, unbedingt dafür ausgeben musste, nach Nordfinnland zu fliegen, nach Oulu, um dort Luftgitarre zu spielen. Aber das sind nur nervöse Zuckungen. Die verfliegen, als wir landen, das Gepäck holen und schon vor dem Ausgang aus dem Flughafen von einem Fernsehteam begrüßt werden: Das hier, denke ich, könnte Spaß machen.

Die Erschöpfung in unseren Augen

Wir kommen zu viert an, aber eigentlich sind wir immer zu fünft: Die Mitglieder der Luftgitarrenshow „Four versus Hellfire“, einer, wir es genannt haben, Luftrockoper. Die fünfte, Aline Westphal, treffen wir am Flughafen, sie ist schon vorgeflogen, um sich filmen zu lassen. Seitdem sie im Juli Deutsche Meisterin im Luftgitarrespielen geworden ist, musste sie ein Interview nach dem anderen geben. Das Medieninteresse wuchs enorm, solange. Schließlich fragte ein Fernsehteam an, ob sie eine Dokumentation über Aline drehen könnten. Irgendwie wurde der Spaß ein gutes Stück ernster. Dieses Fernsehteam jedenfalls holt uns jetzt am Flughafen ab. Sie wollen filmen, wie wir uns wiedersehen, die Umarmungen, vielleicht auch unsere Erschöpfung.

Studenten, Kneipen, Papierfabrik. Und Rock.

Als Deutsche Meisterin ist Aline für die Weltmeisterschaften gesetzt, wir anderen müssen uns erst noch qualifizieren. So wollen es die Regeln der World Air Guitar Federation. Die Meisterschaft findet schon seit 1996 in Oulu statt. Anfangs noch als Zusatzprogramm eines Musikvideofestivals, inzwischen ist es umgekehrt. Oulu ist eine ruhige Stadt, unheimlich ruhig, genau dort, wo die Ostsee endet. Am nächsten Tag wird es sonnig sein, direkt warm, und die ganze Stadt ist eingehült in den sanften Rauch der hier ansässigen Papierfabrik. Eine Menge Studenten, Eisfischen, Fahradwege, die laut Werbematerial auch im Winter befahrbar sein sollen, an jeder Ecke eine Kneipe, ein schreiender Männerchor: Das war's so ungefähr. Allein schon für die Qualifikationsrunde stauen sich die Menschen vor einem kleinen Laden namens „45 Special“ bis an die nächste Straßenecke. Die Bühne ist kleiner als mein Zimmer zuhause, und fast kann man den Schweiß in der Luft auf der Zunge schmecken. Heiß ist es, stickig auch.

Ich erkenne im Publikum ein paar der großen, alten Luftgitarrenlegenden: Hot Lixx Hulahan aus den USA steht direkt vor der Bühne, grinsend, ein Bier in der Hand. Ich weiß nicht, wie er richtig heißt, so, wie ich die meisten Menschen in den nächsten Tagen nur mit ihren Bühnennamen kennenlernen werde. Meiner ist Geeky Gisbert. Alines ist "The Devil's Niece" Die ersten fünf aus der Qualifikationsrunde dürfen am nächsten Tag auf die große Bühne. Es gibt 14 Teilnehmer, die sich noch qualifizieren wollen. Bewertet wird Luftgitarrenspielen nach der olympischen Eiskunstlaufskala, von einer vorher aus verdienten Luftgitarristen und Organisatoren ausgewählten Jury: 4,0 ist die schlechteste Note, 6,0 die beste. Gespielt wird ein selbstgewähltes Lied, das exakt eine Minute lang sein muss. Ich bin nervös, aber mittlerweile kenne ich das: Kleine, verschwitze Bühnen, das sind genau die Orte, an denen wir auch mit unserer Luftrockoper immer auftreten. Nervosität ist Energie. Bier auch, in diesem Zusammenhang jedenfalls. Ich trinke drei davon im Backstage, streng der „Drei-Bier-Regel“-folgend, die eine weitere Luftgitarrenlegende, Björn Türoque, aufgestellt hat. Wir alle trinken, und Aline schärft uns allen ein, uns zu qualifizieren, sie hätte keine Lust, das alleine zu machen, morgen, auf der großen Bühne.

Zittern und Zucken

Zwei aus unserer Gruppe sind auf den ersten beiden Startplätzen. Sie fahren die schlechtesten Wertungen des Abends ein. Ich bin später dran, auf dem siebten Startplatz, so ungefähr. Vor mir spielt ein Belgier in Hannibal-Lecter-Maske irgendeinen Zusammenschnitt von merkwürdigen Songs und explodiert dabei förmlich. Er bekommt die besten Wertungen des Abends. Als ich auf die Bühne muss, bin ich wieder Geeky, dieser bebrillte Typ, der sich durch seine Perfomance zuckt, dieses bewusst gesetzte Anti-Cool, weil alle anderen Luftgitarristen immer cool sein wollen. Geeky zittert, als auf er auf die Bühne geht. Das ist nur ein bisschen gespielt. Ich hebe den Arm, mein Song geht los, und dann merke ich nichts mehr: Die Füße tun automatisch, was sie tun müssen, die Hände spielen die Luft, und dann, irgendwann, hört das Lied auf: Die Leute mögen Geeky: Am Ende des Abends lande ich au dem zweiten Platz. Am Rande bekomme ich noch mit, dass eine Frau mit Plastikgesicht sich die Maske irgendwann auf der Bühne runterreißt, und ein anderer zu einem völlig zerfahrenen Song einen Flamenco-Gitarristen mimt. Die dritte unserer Gruppe, die in einem himmelblauen Prinzessinnenkleid eine Marionetten-Performance zu einem Metal-Song hinlegt, kann sich auch nicht qualifizieren: Aline und ich müssen auf der großen Bühne zu zweit für Deutschland antreten.

Arsch auf Grundeis. So richtig.

Am nächsten Tag poste ich auf Facebook: "Jan Fischer geht der Arsch auf Grundeis". Und dieses Mal stimmt es. Aline schreibt gerade ihre Diplomarbeit über die Kulturgeschichte der Luftgitarre. Sie erzählt mir, dass mindestens 3 000 Leute kommen, um zuzuschauen. Die Bühne besteht nicht einfach aus ein paar zusammengenagelten Podesten in einem miefigen Club: Es ist eine richtig große Konzertbühne, mitten auf dem Ouluer Martkplatz. Mittags werden wir eingewiesen: Die Luftgitarrenideologie wird wiederholt: Es gehe bei der ganzen Sache um den Weltfrieden: Wenn alle Menschen gleichzeitig Luftgitarre spielten, könne niemand mehr eine Waffe halten. Dann wird die Reihenfolge ausgelost, und uns wird mitgeteilt, dass das Warm-Up-Programm von der „finnischen Lady Gaga“ betritten werde. Ein paar Stunden später stehe ich im Kostüm vor dem Backstage-Zelt im nordfinnischen Nieselregen und rauche meine letze Zigarette. Die finnische Lady Gaga entpuppt sich als 16-jährige Gewinnerin der finnischen Ausgabe von Popstars. Sie hat eine Armada kleiner Mädchen auf den Martkplatz gelockt, die sich vor der Bühne die Seele aus dem Leib kreischen. Und der Medienzirkus läuft heiß: Ich drücke die Zigarette aus, habe ein Bier in der Hand und Kopfhörer in den Ohren, höre noch ein letztes Mal mein Lied, und versuche, im Regen meine Performance noch einmal zu üben. Sofort richten sich mindestens drei Kameras auf mich. Das Filmteam, das Aline begleitet, interviewt sie noch einmal in der Ecke, dann geht sie ins Zelt und zieht sich um. "Ich habe Angst", wird sie später sagen, während wir in einer Reihe stehen und darauf warten, von noch einem Fotografen portraitiert zu werden. "Dieser Ritt", sage ich zu Aline, "wird immer surrealer." Sie nickt. Alle hier sind irre, denke ich. Völlig bekloppt.

3000 Menschen, das macht matschig im Kopf

Ich muss als erster auf die Bühne, ich habe ein schlechtes Los gezogen, das heisst, ich habe keine Chance, völlig unabhängig davon, wie gut ich bin: Die erste Wertung von der Jury ist immer niedrig, sie müssen sich immer erst einpendeln. Vielleicht mögen sie auch nicht, was ich tue. Schwer zu sagen. Aline ist als elfte dran. Ich werde angekündigt. Ich gehe raus. 3 000 Menschen jubeln mir zu. Ich performe. Ich gehe von der Bühne, wo mich das Filmteam sofort überfällt, und mich fragt, wie es war. Ich sage so etwas wie: Überwältigend, jeder sollte das mal gemacht haben, und verkrieche mich hinten im Zelt, wo es das Bier gibt. Aline sitzt da, in ihren Strapsen, mit ihrem schwarzen Glitzerkleid. Sie starrt ins Leere, wie alle hier: Die Teilnehmer sitzen einzeln vor ihren Bieren, starren stumm auf den Bildschirm, auf dem man sehen kann, was auf der Bühne passiert. Der Gewinner vom letzten Jahr, ein Franzose namens Günter Love, geht irgendwann auf die Bühne, und bekommt schlechte Noten, trotz seiner zwei Backflips. Ein Amerikaner namens Nordic Thunder geht auf die Bühne. Er trägt lange Haare und ein archaisches Urmenschen-Oufit. Seine Wertung ist ganz gut. Und dann kommt Aline. Ich kenne die Performance, ihr Lied ist „The Pretender“ von den Foo Fighters, wir alle haben das monatelang geprobt. Aline ist gut, sie spielt präzise, sie bekommt den Sprung an der richtigen Stelle hin. Die Zeitlupensequenz sieht auch cool aus. Die 3 000 Leute jubeln, lauter, als je zuvor an diesem Abend. Aline bekommt eine der höchsten Bewertungen des Abends. Als sie von der Bühne kommt, umarme ich sie, sie ist etwas desorientiert: Wenn 3 000 Menschen einem zujubeln, macht das matschig im Kopf. Das Finale könnte man magisch nennen: Es folgt noch eine Improvisationsrunde, in der jeder Teilnehmer dasselbe Lied spielen muss. Aline gewinnt sie haushoch, und bekommt dann den Preis: die wunderschön designete, durchsichtige Plexiglasgitarre. Aber dieses glückliche Ende ist nur der Anfang: Dann geht die Arbeit erst richtig los: die Interviews, das klingelende Telefon, das Newsreel dreht sich unaufhörlich. Aber belassen wir es ein Mal beim Märchen, und schauen, was noch so passiert.

Weitere Informationen

Die Website der World Air Guitar Federation

Die Website der Luftrockoper "Four versus Hellfire"