Weltstadt mit Herzal

Roland Opschondek am 16.10.2011
Als bewährtes Mittel gegen Liebeskummer wird auch auf der Oidn Wiesn HERZAL in Lebkuchenform verabreicht.
Als bewährtes Mittel gegen Liebeskummer wird auch auf der Oidn Wiesn HERZAL in Lebkuchenform verabreicht.
Wird fehlen: Fassechtes Augustiner-Bier im Steinkrug
Wird fehlen: Fassechtes Augustiner-Bier im Steinkrug
Wird nicht fehlen: Studiokamera im Traditionszelt
Wird nicht fehlen: Studiokamera im Traditionszelt
Werden fehlen: die Wirtsleute vom Schönheitskönigin-Zelt
Werden fehlen: die Wirtsleute vom Schönheitskönigin-Zelt
Werden nicht fehlen: die Dialektfragebögen des FBSD
Werden nicht fehlen: die Dialektfragebögen des FBSD
Wird fehlen: Hofbräu-Märzenbier in Tonkrügen. Alle Fotos: oro
Wird fehlen: Hofbräu-Märzenbier in Tonkrügen. Alle Fotos: oro

Kaum war das Münchner Oktoberfest und sein Anhängsel Oide Wiesn vorbei, blickten Betreiber und Besucher sorgenvoll in die Zukunft. Jetzt wurde beschlossen: die Neuschöpfung Oide Wiesn kann im nächsten Jahr nicht stattfinden,

sie ist mit dem Bayerischen Zentral-Landwirtschaftsfest (ZLF) nicht vereinbar.

Tradition und ihre Pflege – das ist so eine Sache. Kaum macht man etwas zwei, drei mal hintereinander, kann schon eine neue Tradition entstehen. So dachten auch die Verantwortlichen für die Oide Wiesn dem mit 500 000 Besuchern erfolgreichen Aufguss der historischen Wiesn vom Jubiläumsjahr 2010. Das große 5000 Personen-Zelt nannte man hoffnungsvoll Tradition, das kleinere Kultur-Zelt (1000 Plätze) Zur Schönheitskönigin – in Anknüpfung an das Münchner Platzl (heute Hardrock-Cafe) und dessen Volkssägerin Bally Prell.

Teilzeittrachtler und Traditionalisten

Das durch Zaun und Eintritt abgegrenzte Areal am südlichen Ende des Oktoberfests wurde so 2011 wieder zum erfolgreichen Rückzugsort für Biertrinker und Brauchtumsfreunde. Selbstausgrenzung zur Erhaltung der vielbeschworenen, aber leider verlorenen Münchner Gemütlichkeit. In diesem Bajuwarischen Dorf war man geschützt vor den Nachfahren der Römer und anderen Spinnern. So wollte man es auch im nächsten Jahr halten.

Den Bauern geopfert

Jedoch: andere haben eine noch längere Tradition und pflegen sie auch! Seit über 200 Jahren feiert der Bayerische Bauernverband sein Zentrales Landwirtschaftsfest, wenn auch nur alle vier Jahre, aber gerade auf dem Territorium der Oidn Wiesn. Versuche, die beiden Feste zu verbinden oder wenigstens die zwei Zelte in das Landwirtschaftsfest zu übernehmen, sind gescheitert – überwiegend wegen logistischer Probleme.

Nun wird die neu inszenierte Wiesn-Tradition jäh wieder ausgebremst, und man muss sie 2013 wieder neu knüpfen. Schade, aber verständlich. Viele, denen das Oktoberfest mehr Ballermann und Ballermadl als Bayerisches Volksfest geworden ist, kamen seit letztem Jahr zögerlich wieder auf die Wiesn zurück, aber eben nur auf die historische.

Gewinne und Verluste

Einiges der Oidn Wiesn wird also im nächsten Jahr fehlen: "stadelfreie" Bierzelt- und Tanzmusik, dazu passende Tonkrüge für das Bier, und die Tanzböden zum selbertanzen.

Weniger vermissen wird man die Fernseh- und Radioberichterstattung aus den Zelten. Sogenannte Medienpartner überfrachten die beiden Zelte zusehends mit ihrer Vorstellung von Volkskultur, und Live-Berichte passen das Fest der eigenen Inszenierung an. Im Traditonszelt kamen sogar Studiokameras zum Einsatz – mit Kameraleuten in Lederhosen-Tarnung!

Bayerisch? Bitte beiläufig!

Nicht nachtrauern wird man 2012 auch dem Stand des FBSD: Förderverein Bayrische Sprache und Dialekte. Rührend die Versuche, den bayerischen Dialekt mit Fragebögen erlernen zu lassen in einer Stadt, deren Dialekt ausgestorben ist und ersetzt wurde durch Dialekte aus der ganzen Welt. Verordnen kann man Dialekt nicht und schreiben auch nicht. Die peinlichen Speisekarten der neubayerischen Traditonswirtshäuser oder die Namensgebung Oide Wiesn sind beste Beispiele dafür.

Seid nicht zu allen Musikanten freundlich.

Nicht fehlen werden auch die Musikdarbietungen der Traditionsmixer im Nachmittagsprogramm des Schönheitskönigin-Zeltes.
Vermutung: so, wie die Radlertrinker eigentlich kein Bier mögen, die Kaffee-Latte-Käufer eigentlich keinen Kaffee, so mögen die Tradimixer eigentlich keine normale Volksmusik. Zwangsläufig entsteht musikalischer Kitsch, wie beispielsweise bei Jodelfisch.

Wiesn ist Macht

Peter Reichert, der Musikant und Wirt (Seehof am Ammersee, Starnbräu, Bad Tölz), war erstmals Wiesnwirt im Kulturzelt Zur Schönheitskönigin: ein pralles Programm – von Bally Prell-Nachahmerinnen bis zu den Wellbuam wurde auf die Beine gestelllt. Angeblich über 500 Musikanten sollen in gut zwei Wochen hier gespielt haben. Schon wird über eine Vergrößerung der Zeltkapazität nachgedacht.

Wird die historische Wiesn in den nächsten Jahren zur Ausweitung der Bierkampfzone beitragen oder kann sie sich ihre Eigenheiten bewahren?
Nach der Pause geht es weiter, bleiben Sie dran!