Who the f... is Arno Schmidt? Teil II

Jule D. Körber am 28.10.2010
Kühe in Halbtrauer. Radierung von Jens Rusch zu Arno Schmidts gleichnamiger Erzählung
Kühe in Halbtrauer. Radierung von Jens Rusch zu Arno Schmidts gleichnamiger Erzählung

Im ersten Teil der Serie über Arno Schmidt und den Schauerfeld-Blog hat die Autorin sich über die kulturellen Qualitäten Niedersachsens Gedanken gemacht.

Im zweiten Teil macht sie sich auf die Suche nach Gründen, warum ein Autor zum Literaturkanon zählen sollte.

II Arno Schmidt ist Kanonliteratur?

II.I

Am 1. Oktober 2004 strahlte das ZDF zur besten Sendezeit eine Sendung namens „Unsere Besten – Die Lieblingsbücher der Deutschen“ aus. Johannes B. Kerner – wer auch sonst – moderierte die Sendung, empfing „Stargäste“ wie Frank Schätzing, Alice Schwarzer und Ottfried Fischer und plauderte mit ihnen über ihre Lieblingsbücher.

Der Kern der Show war die Präsentation von Umfrageergebnissen. Das ZDF hatte in Kooperation mit über zehntausend Buchhandlungen in Deutschland gefragt: Welches ist ihr Lieblingsbuch? Nach wenigen Wochen standen über zwölftausend Bücher auf der Nominierungsliste und eine Viertelmillion Leser stimmten ab. Dann stoppte das ZDF die Auswertung.

Die Präsentation der Ergebnisse sorgte für einige Überraschungen, doch vieles war auch erwartbar: Auf Platz eins steht „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien, auf Platz zwei die Bibel, auf Platz drei „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett.

Nicht unter die Top 100 schaffte es ein Buch von Franz Kafka oder Bertolt Brecht, dafür waren aber Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann, Theodor Fontane und Umberto Eco recht weit oben vertreten.

Nicht weiter erwähnenswert scheint, dass es Arno Schmidt natürlich nicht unter die Lieblingsautoren der Deutschen schaffte, während John Irving gleich mehrmals vertreten war.

II.I.I

Als im Jahr 2000 die Weltausstellung Expo in Deutschland stattfand, traf sich die Welt in Hannover – manchmal schwingt sich eben auch Niedersachsen zu einer gewissen Wichtigkeit auf.

Der deutsche Pavillon hatte eine aus 2 900 Teilen zusammengesetzte gläserne Fassade und die Trägergesellschaft des Deutschen Pavillons verkündete damals, das Gebäude solle als „bewusste Distanzierung von der preußisch-starren Haltung der deutschen Vergangenheit und als Fortsetzung der demokratischen Tradition mit architektonischen Mitteln verstanden“ werden.

Das Motto des Pavillons lieferte der vormittelalterliche, christliche Philosoph Augustinus: „Zeiten sind drei: eine Gegenwart von Vergangenem, eine Gegenwart von Gegenwärtigem, eine Gegenwart von Künftigem.“.

Im Pavillon befanden sich 47 halbfertige oder fertige Gipsskulpturen und Büsten bekannter und weniger bekannter Deutscher, darunter Stofftierunternehmerin Margarete Steiff, Technoikone Dr. Motte, Tennisspielerin Steffi Graf und Hans Beck, der Erfinder von Playmobil. Auch hier suchten die Besucher Arno Schmidt vergeblich – wenn sie ihn denn überhaupt kannten.

II.II

Am 1. Oktober blogt Jan Süsselbeck auf Schauerfeld.de:

„Tatsache ist, dass damals, unter seinen [Arno Schmidts] Händen, das wahrscheinlich größte Fragment der Weltgeschichte entstand.“

II.II.I

Am 26. Oktober blogt Autorin Annett Gröschner auf Schauerfeld.de:

"Der Pappkarton mit Zettel’s Traum schlummert noch neben dem Schreibtisch. 1988 hätt’ ich gemordet dafür. Naja. Übertrieben. Aber ich kenne einen, der sich Zettel’s Traum vom Begrüßungsgeld gekauft hat. Ich glaube, das von seinem Freund musste er noch dazulegen".

II.III

»Ein Meisterwerk ist ein Buch, über das alle Welt spricht, das aber niemand liest.« Ernest Hemingway

II.IV

Wenn ich über Bücher nachdenke, die man angeblich gelesen haben muss, denke ich an meine leicht verzagte Mutter an einem weihnachtlichen Frühstücktisch. Meine Mutter ist sehr belesen und konsumiert Literatur wie andere Mütter Kochsendungen oder Dokusoaps.

Der Zauberberg, eine Leidensgeschichte

Ich fragte sie, was sie gerade lesen würde, und es kam im klagenden Ton die Antwort: Thomas Mann, der Zauberberg. Und dann ein kurzer Anfall. Hasstiraden. Ungehaltene Äußerungen darüber, wie lange sie sich jetzt schon mit diesem verdammten Buch quälen würde. Und es passiere einfach nichts, der blöde Thomas Mann komme einfach nie auf den Punkt, der Zauberberg sei geballte Langweile und Strapaze gleichzeitig.

„Warum liest du das dann?“, fragte ich sie leicht belustigt und sie antwortete: „Weil man das doch gelesen haben muss! Das gehört doch zur Allgemeinbildung!“.

Sie seufzte und las weiter – im Sommer war sie dann fertig, stellte es ins Regal, um es nie wieder in die Hand zu nehmen.

Bildungseitelkeitsgedünkel

Auf der Liste der beliebtesten Bücher der Deutschen hat es Thomas Manns Zauberberg auf Platz 22 geschafft. Meine Mutter und ich sind uns sicher, dass es praktisch niemand bis zum Ende durchgezogen hat und das es reines Bildungseitelkeitsgedünkel ist, dass es dieses Buch so weit nach oben in die „Charts“ geschafft hat.

Im nächsten Winter hat sie dann Tolstois „Anna Karenina“ gelesen, damit hatte sie fast schon ein wenig Spaß.

Ich überlege, ob ich es mir leisten kann, ihr Arno Schmidts „Zettel’s Traum“ zu Weihnachten zu schenken. Meine Mutter wäre bestimmt eine der wenigen Menschen auf dieser Welt, die es komplett lesen würde – nur, weil es Allgemeinbildung ist.

II.V

Am 2. Oktober zitiert Blogger Guido Graf auf Schauerfeld.de Arno Schmidt:

„Ich habe ... längst eine gründliche Abneigung gegen mich“

und Jan Süsselbeck kommentiert:

„Keine neue These: „Zettel’s Traum“ ist das Resultat einer schweren Krise“.

Das Buch zur Krise:

Arno Schmidt: Zettel's Traum: Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV/1. Studienausgabe

1536 Seiten, 198,00 Euro

Suhrkamp Verlag Berlin, Oktober 2010

und der Blog zum Buch:

www.schauerfeld.de

Teil I und Teil III der Serie hier und hier

Normal 0 21