Im letzten Teil der Serie über Arno Schmidt und den Schauerfeld-Blog begibt sich die Autorin in die Tiefen einer online geführten Diskussion über ein Buch und einen Autoren. Und findet darin jede Menge Lesenswertes.
III Arno Schmidt ist schon mal einen Streit wert
III.I
„Ich weiß nichts über Arno Schmidt“, gesteht Blogger Stefan Mesch in einem seiner ersten Einträge auf Schauerfeld.de,
„Hier mitzubloggen fällt mir schwer, so lange ich 15 Essays über Arno Brandner schreiben könnte, aber bei Arno Schmidt nicht mal die Lebens-Eckdaten und literarischen Bezugspunkte kenne.“.
Arno Brandner, das ist ein Figur aus der ARD-Dailysoap „Verbotene Liebe“, Schauspieler Konrad Krauss spielt den Bauunternehmer seit der ersten Folge, die am 2. Januar 1995 lief. Der Literaturkritiker und Autor Stefan Mesch hat laut eigener Angabe 1425 Bücher bisher in seinem Leben (und er ist Jahrgang 83!) gelesen.
Mit Arno Schmidt hat er anfangen, als er gefragt wurde, ob er bei Schauerfeld.de mitbloggen würde.
Jan Süsselbeck, der seine Doktorarbeit über Arno Schmidt schrieb, kommentiert mit folgender Anekdote:
„Mir begegnete ZT [Zettel’s Traum] kurioserweise das erste mal auf Ibiza, als mein Vater mich mitnahm zu einem Mann aus der dortigen deutschen evangelischen Gemeinde, einem Aussteiger, der früher Lufthansa-Pilot oder so etwas Ähnliches gewesen war. Der wohnte am Ende irgendeines versteckten Feldweges in einem maurisch-weißen Landhaus. In einem kleinen Seitengelass, das früher vielleicht einmal ein Hühnerstall gewesen war, befand sich dort ein an eine Kapelle gemahnender Raum, in dessen Mitte “ZT” aufgebahrt war. Ziemlich beeindruckend! Ich war damals allerdings noch Abiturient in Barcelona, das muß also etwa 1992 gewesen sein – und ich las nur eine Seite in diesem monströsen Buch, auf der offenbar pornografische Dinge, nunja, “verhandelt” wurden, wobei ich nicht die Hälfte von dem, was da stand, genau verstand. “Wie gut”, dachte ich damals, “dass ich in meinem geplanten Germanistik-Studium nicht alles lesen muss. Davon werde ich tunlichst die Finger lassen!” Nun ja. Wenn es doch so einfach gewesen wäre!“
Das wiederum kommentiert Ann Cotten, die im analogen Leben eine der wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartslyrikerinnen ist, folgendermaßen:
„Die Welt war tatsächlich fester vor dem Internet. An deinem Posting, Stefan, ist es schön zu sehen, dein Kopf, und meiner auch, sind angeschlossen an ein kommunizierendes System von Virtualität. Die Grenze, die zwischen mir und der Natur, oder dem Asphalt, der Luft, diesen Sachen halt, besteht, besteht nicht zwischen mir und Texten, Ideen, Webinhalten, Namen, Vorstellungen. Je mehr ich mich an diesen nichtmateriellen Dingen orientiere, deren Substanz nicht zu unterscheiden ist von den nichtmateriellen Dingen in meinem Kopf, – naja, desto weniger kann ich mir vorstellen, wieviel absonderliche Arbeit es einmal bedeutete, sich eine solche virtuelle Umgebung zu schaffen.“
III.II
Stefan Mesch berichtet nur kurze Zeit später auf Schauerfeld.de, was bei seinem Amazon-Account, der anhand seiner online dort angeschauten Bücher (die zu dem Zeitpunkt größtenteils von Arno Schmidt waren) für Einkaufsempfehlungen auftauchten:
„Ich lud die Amazon-Startseite neu. Und sah zum ersten Mal eine seltsame Kategorie. Unter "Inspiriert von ihren Stöber-Trends" bot man mir einen Gourmet-Hamburger von OTTO an, extra-kleine Kondome, Luft-Erfrischer mit Bacon-Aroma, ein Mittel namens "Sweet Release Me" ('Haben Sie es satt, dass das Sperma Ihres Partners abscheulich schmeckt?") ... und einen Keuschheitsgürtel. "Das wird noch Leute ruinieren!", grinste Freund Martin K. 2007 und zeigte mir die personalisierte Werbung in seinen iGoogle-Account: "In ein paar Jahren sagen wir dann über Konkurrenten: 'Nee, der ist schon ganz nett … aber kuck dir mal an, was die ihm für Anzeigen schalten! Neulich war sein ganzer Account voller Werbung für Puppen. Und da fragt man sich ja dann schon, ob man mit so jemandem… noch Umgang haben will!'" Also: "Benimm dich, Kind! Was sollen sonst die Algorithmen Amazons von uns denken?" Programme, Cluster, Literaten-Landkarten haben ihren Sinn. Aber wenn ich ein Buch suche, suche ich… ein Buch. Keine Metall-Schlinge für meinen Penis. Bei Thalia fragt auch keiner, ob Leute Katzenfutter wollen statt Donna Leon. Auch, wenn da sicher Korrelationen sind.“
III.III
Am 13. Oktober bloggt Ann Cotten auf Schauerfeld.de:
„Heute will ich nur Gutes an “Zettels Traum” finden. ... Der Autor verzichtete auf einen Haufen Leben, um lieber (natürlich war eben DAS sein Leben) diesen Haufen zu produzieren, der eigentlich wirkt wie ein erstickter Hilfeschrei eines Medinawurms in einem Wirtskörper, der ihm nach und nach ekel wird, ohne den sein Leben aber bald beendet wäre. Während er noch überlegt, welche Konsequenz er hier ziehen soll, gebärt er und gebärt und gebärt, wie einer, der kotzen muss: Jedesmal, wenn Wasser auf das Geschwür kommt, stülpt sich sein Uterus hinaus und entlässt tausende Larven. Die Erlösung davon kann nur durch einen Menschen geschehen, den der Parasit irgendwie stört. Kunstvoll muss er ihn auf ein Stäbchen wickeln, während er ihn langsam, etwa 10 cm pro Tag, herauszieht, das kann Tage und Wochen dauern.“
Während man (ich!) hier sehr geneigt ist, allein diese paar Sätze von Ann Cotten großartiger zu finden, als alles, was Arno Schmidt je zusammenschreiben könnte – ohne jemals Arno Schmidt wirklich gelesen zu haben – folgt nur wenige Tage später der Literaturwissenschaftler und Journalist Alexander Wasner:
„Die Moderne hat dem Menschen das Recht erkämpft, sich auszukotzen”, hat Davila gesagt. Ich nutze meine Rechte. ... zwischen den Stacheldrähten der ersten Seite durchgeschlüpft, nur ein bisschen eingelesen – also, tut mir ja leid. Ich wäre gerne Fan von sowas, ich möchte wirklich wieder Teil einer Geistesbewegung sein – aber das hier ist schon arg geschmacksnervenaufreibend ... Und dann bin ich in dieser Kameradschaftsabendsprache gelandet, in der erschreckend schmissigen Überschlauheit Arno Schmidts. In den doppeldeutigen und deshalb leider so gerne anzüglichen Kalauern (“Nougut=Stange”). Ich will ja nicht in den Raum treten und gleich lospinkeln. aber wenn auf Seite 13 das Zinnbecher-Gelage vom Holzbrettchen losgeht, wird mir schlecht. Das ist deutschtümelnd, und da können noch so viele Kühe am Rand freundlich gegen anmuhen (ja, sowas gefällt mir auch) – das ist arrogant-ratlose Formspielerei, Spezialistenzeug, das muss man nicht mögen, da darf man mindestens mal mit kämpfen. ... Das riecht streng nach Herrenumkleide, das spülen auch die Interpunktions-Tsunamis nicht weg (die an Frische durch die mittlerweile verbreiteten Emoticons stark verloren haben. Punkte zwischen Klammern und Bindestrichen findet man heute ja relativ normal :-)). Frontsprache in Zeiten des Internets, sperrig ist kein Ausdruck dafür. Immerhin: Man kann bei Schmidt vielleicht etwas lernen, was Simultaneität angeht – er ist in diesen noch nicht beendeten Gründerjahren des Internets nicht der schlechteste Sparringpartner. ... Das Ganze erinnert mich, und da wird Schmidt dann doch für mich interessant, an meinen Großvater, den Kriegsveteranen, der mit so wenig Gliedmaßen wie Selbstmitleid von der Front kam. ... Er nutzte seine Exaktheit leider nur philatelistisch, zählte die Zähne seiner Briefmarken, schaute Stempel an, trauerte den verlorenen Ostgebieten als möglichen Sammelgebieten hinterher – und war still. Kein Wort über seine Fronterlebnisse. So, genauso kommt mir Schmidt vor ... Ich bin mir nicht sicher, ob da noch Denkbewegungen auftauchen, die mir imponieren.“
Daraufhin folgt wenige Tage ein Leserkommentar in eitelster Kleinschreibung von Klaus Pauler:
„werter herr wasner :: zumindest gilt unter (den meisten) AS-lesern der satz von h.g.wells “die welt ist groß genug, daß wir alle darin unrecht haben können”. darf ich sie höflich darauf aufmerksam machen, daß sie mit ihrem beitrag von der zu verteilenden welt weit mehr in anspruch nehmen, als ihnen auch bei großzügigster bemessung zugestanden werden dürfte. in aller ruhe :: klaus pauler.“
BAM! Man bedenke: Diese Menschen haben studiert und sie streiten sich – online, öffentlich, schriftlich – über ein BUCH!
Nur wenige Tage vorher haben sich Jan Süsselbeck und der "Multifunktionsautor" Alban Nikolai Herbst schon bis ins Persönlichste auf Schauerfeld.de beschimpft.
In seiner einleitenden Erklärung, worum es im Schauerfeld.de-Projekt geht, schreibt der Initiator Guido Graf:
„Es gibt keine Vorgaben. Fast alles ist erlaubt.“
Und wünscht sich ausdrücklich Kommentare und Diskussionen.
„Das ganze Schauerfeld-Projekt, so will mir, der ich von Die Dschungel mich hierher verirrt habe, scheinen, ist nur darauf angelegt, möglichst viele Bluthunde auf den armen Arno Schmidt zu hetzen, nicht obwohl, sondern weil er sich nicht mehr wehren kann ... Im Grunde ist "Zettel's" Traum natürlich eine Zumutung ... Außerdem ist, eine Binse natürlich, der Text immer schlauer als der Autor, andernfalls sich eine Diskussion ja auch kaum lohnen dürfte.“
kommentiert Norbert W. Schlinkert, selbst promovierter Literat, aber kein offizieller Schauerfeld.de-Blogger am 12. Oktober.
III.IV
Schauerfeld.de zu lesen – und dafür druckt man diesen Blog, der inzwischen knapp 100 Din A4 Seiten, Schriftgröße 10, umfasst, am besten aus – ist selbst für eine verhältnismäßig belesene Person ein wenig wie einen mitternächtlichen Polittalk zu gucken, bei dem man weder Ahnung vom Thema hat noch die Gäste oder den Moderator kennt.
Oder wie eine Folge einer themengebunden Daily-Soap zu gucken, die schon seit Jahren läuft, von der man aber noch nie etwas gehört hat.
Oder sich an einen Stammtisch eines Echsenzüchtervereins zu setzen.
Und Schauerfeld.de ist eines auf jeden Fall: Unterhaltsamer zu lesen als Arno Schmidt.
Oder, um es mit den Worten von Ann Cotten zu sagen:
„Päh! Ich spucke. Hab eben an diesen Schmidt gedacht. Kleiner Widerling. Es wird zu viel über ihn geredet. Er würde sich freuen. Fleiß zeugt Fleiß. Ich stelle mir ihn wiedergeboren als jährlich eifrig wieder aufschwellende Tomate in seinem eigenen Garten vor.“
Zum Mitlesen: www.schauerfeld.de
Das Buch zum Blog:
Arno Schmidt: Zettel's Traum: Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV/1. Studienausgabe
1536 Seiten, 198,00 Euro
Suhrkamp Verlag Berlin, Oktober 2010