Jeder Chor, der etwas auf sich hält hat Bachs Weihnachtsoratorium im Programm – dementsprechend häufen sich solche Aufführungen in der Vorweihnachtszeit. Der Bayerische Rundfunkchor macht mit dem eher unbekannten Mysterium „Verkündigung“ von Walter Braunfels eine löbliche Ausnahme.
Weihnachtswunder
Im 1937 vollendeten Mysterium nach dem Schauspiel „L’Annonce faite à Marie“ von Paul Claudel zeigt sich Walter Braunfels tief geprägt vom christlichen Glauben. Moralisches Fehlverhalten, Bestrafung, Leid und Schuld auf sich zu nehmen, davon handelt die im mittelalterlichen Speyer angesiedelte Fassung des Mysterienspiels. Der deutsche Komponist, Musikpädagoge und Pianist kleidet sein Werk um das Weihnachtswunder eines wiedererweckten Kindes in spätromantische Klänge.
Gnade des Verzeihens
Aus Mitleid hatte Violaine den am Aussatz erkrankten Dombaumeister Peter geküsst, war selbst erkrankt und wurde von der Familie und ihrem Bräutigam Jakobäus verstoßen. Jahre später sucht ihre Schwester Mara die schwerkranke, erblindete Violaine in der Weihnachtsnacht auf. Mara hatte Jakobäus geheiratet und ein Kind geboren, das jetzt tot in ihren Armen liegt. Doch an der Brust der jungfräulichen Violaine erwacht es zu neuem Leben und seine Augen sind nun nicht mehr dunkel wie die von Mara, sondern blau wie die von Violaine.
Münchner Aufführung
Das Mysterienspiel wird im Prinzregententheater und vom Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Ulf Schirmer zur Aufführung gebracht. Den Chorpart übernimmt der Bayerische Rundfunkchor München, der von Stellario Fagone einstudiert wurde. Unter den weiblichen Soloparts sind Hanna Schwarz als Mutter, Juliane Banse als Violaine und Janina Baechle als Mara hervorzuheben. Die männlichen Solorollen bestreiten Robert Holl als Andreas Gradherz, Adrian Eröd als Jakobäus und Mathias Klink als Peter von Ulm.
Sohn kunstinteressierter Eltern
Walter Braunfels wurde 1882 in Frankfurt in eine besonders kunstinteressierte Familie hineingeboren. Seine Mutter, Helene Spohr, war mit dem Komponisten Louis Spohr verwandt und mit Clara Schumann und Franz Liszt befreundet. Neben Jura und Wirtschaft studierte er bereits als Zwölfjähriger am Musikkonservatorium von Frankfurt und später in Wien und München Klavier und Komposition. Nach einer Verwundung im Krieg konvertierte Braunfels zum Katholizismus und verfasste zunehmend geistliche Werke. In Köln war er, mit Unterbrechungen während des Zweiten Weltkriegs, Direktor der Musikhochschule, wo er 1954 verstarb. Seine Mysterienoper „Verkündigung“ war die erste Komposition seiner Jahre der inneren Emigration während der Nazizeit.
Kompositorisches Schaffen
Braunfels Werke sind sehr vielfältig und umfangreich: zahlreiche Opern, Orchesterwerke, Chöre sowie Lieder, Kammermusik und Werke für Klavier. 1920 kam sein Durchbruch als Komponist mit seiner Oper “Die Vögel” nach Aristophanes. Neben Franz Schreker und Richard Strauss zählte er zu den meistgespielten deutschen Opernkomponisten. Er selbst sah sich als spätromantischer Komponist in der Nachfolge von Hector Berlioz, Richard Wagner, Anton Bruckner und Hans Pfitzner. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sein Stil von der musikalischen Avantgarde als nicht mehr zeitgemäß empfunden. So geriet der Komponist schnell in Vergessenheit und wurde erst in den 90er Jahren wieder entdeckt.
Weitere Informationen
Walter Braunfels "Die Verkündigung" Mysterienspiel in vier Akten op. 50
Prinzregententheater 8. Dezember Prinzregentenplatz 12 81675 München
Tel.: 089 2185–02 E-Mail: info@theaterakademie.de