Züchtigung der Naturgewalten

Paula Birnbaum am 05.02.2012

Im Treppenhaus der vor wenigen Tagen eröffneten Galerie alexanderlevy, vormals LEVY BERLIN, begegnen mir Hipster-Mützen, Nerd-Brillen in allen Variationen, der Prototyp der jungen Künstlermuse mit knallrot geschminkten Lippen und Vintage-Pullover unter Pelzen. Punishment I, die Vernissage der Einzelausstellung des 29-Jährigen Julius von Bismarck, zieht offensichtlich das typische junge Berliner Art-Publikum in Scharen an.

Martialische Allegorie

Der junge Künstler hat sich bereits einen Namen gemacht: So hat er im Dezember 2011 den ersten Kunstpreis der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) und der Ars Electronica erhalten. Während ich den Kunstpulk beobachte, lausche ich den Gesprächen und erfahre, dass von Bismarck für diese Ausstellung durch die Schweiz, Südamerika und die USA gereist ist, um an verschiedenen Orten „Vergeltungsschläge“ auszuüben. „Woran rächt er sich denn?“, mische ich mich in ein Gespräch ein. Inspiriert hat den Nachfahren des „Eisernen Kanzlers“ offenbar eine antike Anekdote über den persischen Großkönig Xerxes I. Dieser versuchte vergeblich eine Brücke über die Dardanellen zu bauen. Der König ließ das Meer mit dreihundert Peitschenhieben züchtigen. In seiner Hybris wollte er den Meeresgott Poseidon dafür bestrafen, dass die Brücke kurz nach dem Bau immer wieder durch Unwetter einstürzte.

Ein verzweifelter junger Mann – Julius von Bismarck – steht mitten im Meer und drischt mit einer Peitsche auf die Wogen ein. Oder peitscht das Meer ihn mit seinen bedrohlichen Wellen? Ein Kampf zwischen Mensch und Natur bis zur totalen Erschöpfung. Der Künstler verloren in der Weite des Meeres. Wäre dies keine Fotografie, wäre ich nur Beobachter dieser Szenerie, würde ich den Mann wahrscheinlich schlichtweg für wahnsinnig halten. Oder würde ich mich neben ihn stellen, um wütend ins Meer zu schlagen, mich ebenfalls verausgaben? Mich dem Unmöglichen stellen, den inneren Schrei der Machtlosigkeit gegenüber gewissen Grenzen hinausbrüllen? Da ist jemand, der rebelliert, der es wissen will: David zieht in die Schlacht gegen Goliath.

. . . und meditative Momente

Mein Blick wandert weiter: von Bismarck, die Peitsche schwingend, auf einem Felsen inmitten einer unendlichen Berglandschaft. Es ist die einzige Fotografie, die wirkt, als hätte der Künstler den Felsen bezwungen, als sei er Sieger im Kampf mit den Naturgewalten. Auf den anderen Fotografien wirkt er winzig, teilweise wie hinein retuschiert. Sein Aufbegehren gegen die unüberwindbare Größe der Natur scheint vergeblich, seine Mimik und Gestik schwankt zwischen Aggression und totaler Erschöpfung. Auf den Videoaufnahmen wird die bizarre Situation durch von Bismarcks ungewöhnliches Aussehen auf die Spitze getrieben: Ein groß gewachsener Mann mit langem Rasputin-Bart gleitet in königlicher Haltung auf einem Boot über einen See. Von Schwänen umringt peitscht er das Gewässer. Die Schwäne lassen sich davon allerdings nicht stören. Schönheit und Skurrilität vereint in einer fast schon meditativ wirkenden Natur, ebenso romantisch wie grotesk.

Die Galerie alexanderlevy beschreibt von Bismarck laut Pressetext als modernen Sisyphus, der die „Wertemuster“ der Gesellschaft hinterfrage. Man könnte auch sagen, ein moderner Don Quichotte, der gegen die Windmühlen unserer Zeit ankämpft.

Fotos: alexander levy und Julius von Bismarck

Biografie

Julius von Bismarck, geboren 1983, studiert seit 2009 bei Olafur Eliasson am Institut für Raumexperimente. 2008 gewann er mit seiner Arbeit "Image Fulgurator" die "Goldene Nica" der Prix Ars Electronica. Nach zahlreichen Ausstellungen an international renommierten Orten hat er Anfang Dezember 2011 als erster Künstler den Kunstpreis der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) erhalten.

Weitere Informationen

Punishment I

28. Januar – 24. März 2012

 

alexanderlevy

Öffnungszeiten:
Di – Sa 11 - 18 Uhr und nach Vereinbarung

Rudi-Dutschke-Str. 26

10969 Berlin

Telefon: +49-30-25 29 22 21

Website alexanderlevy (www.alexanderlevy.net)

E-Mail: info@alexanderlevy.net

 
 

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