Wer in Kombinatorik bewandert ist, der sollte sich einmal das Programm von 48 Stunden Neukölln vornehmen. Es gibt 88+34+32+40+36+20+33 Orte, an denen durchschnittlich zwei Veranstaltungen pro Tag stattfinden. Mit ein klein wenig Rechenkunst kommt man schnell auf unglaubliche Mengen an Kunst- und Kulturveranstaltungen, die man an diesem Wochenende von Freitag 19 Uhr bis Sonntag 19 Uhr in ganz Neukölln sehen kann. Die Kulturarbeit wird in diesem (von der BZ gerne "Problembezirk" genannten) Teil Berlins groß geschrieben. Mit seiner Mischung aus Studentinnen, Migranten, MultiKulti, Altberlinerinnen und und und bietet er allerdings eine wahnsinnige Vielfalt, die mit einem solchen Festival herausgekitzelt werden soll. Organisiert wird dieser organisatorische (und rechnerische) Wahnsinn vom Kulturnetzwerk Neukölln e.V.
Ein Rechenbeispiel
Eine beispielhafte Tageskombination, die man am gestrigen Samstag (26.06.) hätte erleben können, sieht so aus: mittags ein Ausstellungsbummel die Karl-Marx-Straße entlang. Im saalbau neukölln werden exemplarisch die Lebensgeschichten verschiedenster Neuköllner Bewohner und Bewohnerinnen gezeigt: Bunte Tapelinien auf dem Boden führen zu Fotos aus den Erinnerungsbeständen dieser BürgerInnen und zeigen die Stationen ihres Lebens - alle enden in Neukölln: von exotischen Familienfeiern bis hin zu gemütlichen Balkonfotos von um die Ecke, hier wird die Geschichtsträchtigkeit (im doppelten Sinne) von Neukölln spür- und erlebbar.
Kunst für nen 10ner und Bergwandern am Kaufhaus
Drei Straßen weiter ist ein temporäres Kunstkaufhaus im früheren Aldi eingerichtet. Hier gibt's Kunst am laufenden Meter: Auf langen Rollen, die mit Schnüren an der Decke befestigt sind, sieht man expressionistische Bilder oder witzige englische Gedichte. Für 10 Euro pro Einheit sind sie zu erwerben. Die Bilder sind von recht unterschiedlicher Qualität, aber die Idee Kunst und ihren Wert auf Discounterniveau herunterzubrechen, ist ein unterhaltsamer (und irgendwie auch neukölln-naher) Kommentar zum aktuellen Geschehen auf dem Kunstmarkt. Am C&A entlang gibt es einen Holzpfad vor Bergkulisse, die urbane Bergwanderung für Zwischendurch. Am frühen Abend kann man beispielsweise in eine Putzperformance auf dem Karl-Marx-Platz hereinschneien. Mit clownesken Bewegungen hüpfen zwei aufgedrehte Akrobatinnen in einem mit Waschmittel abgezirkelten Kreis herum und schwenken ihre Besen. Am Rand dieser improvisierten Bühne hockt ein Mann mit Shisha und schaut ihnen kritisch zu - das Publikum bei 48 Stunden Neukölln ist nicht nur das übliche Kunstauditorium, sondern die bunte Mischung, die den Stadteil ausmacht. Auch kulinarisch.
Was für eine Mischung! Auch beim Essen
Dieser Part der Neuköllner Mischung kommt beim nun schon zum zwölften Mal bei 48 Stunden Neukölln nicht zu kurz: So bekommt man zum Beispiel am Richardplatz, einem idyllischen Fleckchen mitten im alten böhmischen Teil von Rixdorf, so ziemlich alles, was die Menükarte Neuköllns zu bieten hat: vom fast schon klassischen Falafel und Couscoussalat bis hin zu mongolischen Teigtaschen mit Paprika und Gurken. Nach einer kleinen Stärkung geht es weiter mit Kultur. Im Fincan, im Körnerkiez, gibt es zur Prime Time um 20 Uhr "Tangocrash", einen berauschenden Mix aus lateinamerikanischen Tangoklängen, Jazz und Electronischer Musik. Das Publikum ist hingerissen, hier wird kaum gekommen und gegangen (wie es sonst bei vielen Veranstaltungen üblich ist), hier hören alle gebannt bis zum Schluss zu.
Neuköllner Nächte ...
Auf den Fußwegen zwischen den einzelnen Kiezen, kann man zwischendrin an fast jeder Ecke etwas entdecken: Alles ist deutlich durch auffällige 48-Stunden-Flaggen gekennzeichnet. Allein der organisatorische Aufwand gehört eigentlich prämiert. Hier ein Modelädchen mit abstrakt-mathematischen Kreationen und Lkw-Planen-Taschen, dort ein wenig Jazzmusik, die aus einer Kneipe dringt und an der nächsten Ecke Chorus Tatoo, wo man via Glücksrad eine erste Rate auf's nächste Tatoo oder einen Haarschnitt gewinnen kann. Man endet irgendwann mit kaputten Füßen und voll von neuen Eindrücken auf ein Bierchen in einer der Kneipen, die die letzte Lesung schon hinter sich haben oder sucht sich eine kleine Galerie, in der schranziger Ska gemixt mit französischen Akkordeonklängen gespielt wird. Eine Erkenntnis hat man gewonnen, egal für welche der Hunderte von Angeboten man sich entschieden hat: Die Neuköllner Nächte sind lang. Besonders in diesen 48 Stunden.
Bis heute Abend 19 Uhr gibt es noch jede Menge zu erleben. http://www.48-stunden-neukoelln.de