Der Architekt des Pergamon-Museums in einer überfälligen Ausstellung im Kulturforum am Potsdamer Platz: Die Kunstbibliothek Staatliche Museen zu Berlin und das Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin nehmen den 100. Todestags Alfred Messels zum Anlaß, den berühmten Architekten mit einer Einzelausstellung zu ehren.
Die Ausstellung im Kulturforum Potsdamer Platz bringt Messels Wirken mit über 350 sorgsam ausgewählten Exponaten wie Originalzeichnungen, Bauplänen, Fotographien oder Modellen auf zwei Ebenen zur Geltung. Die obere Ausstellungshalle ist Messels „Bauen für die Großstadt“, die untere seinem „Bauen für die Kunst“ gewidmet. Hier kommen Leute vom Fach ebenso auf ihre Kosten wie interessierte Laien.
Der bekannte Unbekannte
Alfred Messel ist einer der bedeutendsten deutschen Großstadtarchitekten. Er entwarf Museen, darunter das Pergamonmuseum, Villen und Finanzpaläste, aber auch Konsumtempel wie das Kaufhaus Wertheim/Leipzigerstraße sowie Reformwohnungsbauten für einkommensschwächere Schichten. Gleichwohl ist Messel ziemlich unbekannt. Das mag an dem von ihm bevorzugten Baustil liegen, der nach dem Ersten Weltkrieg so nicht fortgeführt wurde.
1853 wird Alfred Messel in Darmstadt als Sohn eines Bankiers geboren. Seine Ausbildung zum Architekten schließt er in Berlin ab. Mit noch nicht 30 Jahren gewinnt der junge Messel den Schinkel-Preis und kann sich durch das damit verbundene Stipendium Bildungsreisen nach Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien leisten. Doch die erhoffte Karriere kommt nur stockend in Gang, auch aufgrund antisemitischer Vorurteile gegen ihn.
Der Durchbruch: Zusammenarbeit mit dem Wertheim-Konzern
Das Geschäftshaus am Werderschen Markt wird sein erster Bauauftrag, das noch heute erhaltene Wohnhaus mit Volkskaffeehaus, heute Chausseestraße 105, folgt.
Seine Karriere kommt aber so richtig erst nach seiner Heirat 1893 in Schwung. Die Zusammenarbeit mit dem Wertheim-Konzern erweist sich für beide Seiten als Glücksfall.
Für den berühmten Konzern konzipiert Messel die ersten Warenhäuser in Deutschland, darunter in Berlin das Warenhaus Wertheim/Leipziger Straße, mit 336 m Fassadenlänge und 60 000 qm Verkaufsfläche das größte Europas. Vertikale Glasbahnen über sämtliche Stockwerke und gotische Pfeiler, die ebenfalls auf eine äußerliche Geschoßzusammenfassung abzielen, erinnern an eine gotische Kathedrale – und Tempel des Konsums soll und will Wertheim ja auch sein.
Das gelingt: Die auch baulich opulent ausgestatteten Warenhäuser der Wertheim-Kette sind eine Klasse für sich. Wie der spätere Reichsaußenminister und Reichskanzler Gustav Stresemann in einer ebenso scharfsinnigen wie verständlichen wissenschaftlichen Untersuchung bereits 1900 bemerkt: In solchen Palästen wird der Einkauf zum Ereignis. Geht frau zu Wertheim, zieht sie dafür ihr bestes Kleid an.
Weitere Kunden
Bald gewinnt Messel neue prominente Kunden: Die Familie Rathenau. Emil und später Walter Rathenau, der nachmalige Reichsaußenminister und Chef der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (AEG), schätzen Messels zurückhaltende, der Tradition verbundene Arbeit.
In ihrem Auftrag baut Alfred Messel das Verwaltungsgebäude der AEG am Friedrich Karl Ufer 2-4. Das Geschäftshaus der Nationalbank Behrensstraße 67-68 und sein schließlich auch zur Geltung kommender Entwurf zur Gestaltung des Pergamonmuseum folgen. 1999 wurde das Pergamonmuseum in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Dass er nebenbei noch Zeit für die Planung und Durchführung exquisiter Villen und Landhäuser findet, mag bei seinem Arbeitspensum kaum überraschen. Seine eben nicht neobarocken Landhäuser bleiben bis in die 1930er Jahre hinein stilbildend.
Warum?
Wirkungsmacht eines Profis
Alfred Messel kannte die Traditionen seines Fachs und versachlichte sie – wobei er allerdings auf Eklektizismen nicht verzichtete (von griechisch ek-legein – auswählen; im Eklektizismus werden also gewisse Elemente bestimmter Stile herausgepickt und verwendet). Die Ent-Traditionalisierung der Moderne der 20er Jahre, also der Verzicht auf jedwede überkommene Bautradition und auf alle historistischen Zitate hätte er aber wahrscheinlich nicht mitgemacht.
Sicher ist: Sein Können gab Berlin einen gewaltigen Schub nach vorn. Denn dieser Ausnahmearchitekt prägte die baulichen Voraussetzungen für das Großstadtgefühl Berlins entscheidend mit. Generell vermittelte sein Schaffen wesentliche Impulse für die Moderne.
Es selbst bleibt unzeitgemäß modern als Erneuerer einer Baukunst, die über ihn nicht mehr hinausging und als Wegbereiter einer Moderne, deren Richtung eine andere wurde.
Weitere erhalten gebliebene Bauten Alfred Messels in Auswahl:
• Das Großherzoglich Hessische Museum in Darmstadt
• Wohnhaus Wertheim
• Grabmahl der Familie Rathenau (Walther Rathenau, Chef der AEG, war Deutscher Außenminister, der im Vertrag von Rapallo mit der gleichfalls geächteten Sowjetunion die internationale Isolierung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg aufbrach und später von Rechtsradikalen ermordet wurde.)
• Gebäude des Lette-Vereins zur Förderung der höheren Bildung und Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts Berlin Schöneberg, Victoria-Luise-Platz 6
Weiterführende Literatur:
• Robert Habel: Alfred Messels Wertheimbauten
Gebr. Mann Verlag Berlin 2009.
• Gustav Stresemann: Die Warenhäuser – Ihre Entstehung, Entwicklung und volkswirtschaftliche Bedeutung; in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft; Berlin 1900.
Zu Walter Rathenau
• Harry Graf Keßler: Memoiren; Klett-Cotta Verlag Stuttgart 2008
Zur damaligen Zeit:
• Sebastian Haffner – Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg; Hamburg 1964.
• Ders.: Die verratene Revolution: Deutschland 1918 /19; Hamburg 1969.
• Ders.: Von Bismarck zu Hitler; München 1987.
• Ders.: Zwischen den Kriegen; Berlin 1997.
Alfred Messel – Visionär der Großstadt
Kunstbibliothek
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4. November 2009 bis 5. Februar 2010
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