Aus Picassos Bücherkiste

„Kunst ist nicht dazu da, um Räume zu füllen“, hatte Picasso 1943 dekretiert. Sondern Bücher, könnte man inzwischen hinzufügen. Zu sehen sind Picassos bibliophile Fantasien jetzt in München.

Picassos Buchkunst

Zwischen 1905 und 1973, seinem Todesjahr, gestaltete der spanische Malerstar mehr als 150 Bücher, von denen das Ehepaar Brandhorst über einhundert zusammengetragen hat: Noch bis zum 6. März 2011 sind diese Preziosen unter dem Titel "Picasso Künstlerbücher" in der Münchner Sammlung Brandhorst zu sehen. 

Wer bislang glaubte, Picassos Ruhm gründe vor allem auf seiner Malerei, wird von der Münchner Ausstellung eines Besseren belehrt: Die Buchillustrationen nehmen einen beachtlichen Teil im Oeuvre des schnellarbeitenden Spaniers (1888-1973) ein – von den 2.022 grafischen Arbeiten, die er im Lauf seines Lebens gestaltete, enstanden 813 für Bücher. Sie geben beredt Auskunft über Picassos enges Verhältnis zu zeitgenössischen und klassischen Schriftstellern – darunter Honoré de Balzac, Paul Eluard und Tristan Tzara – und zu den wichtigsten Verlegern und Druckern seiner Zeit. 

Minimalistische Kaltnadelradierung neben dynamischem Pinselstrich

Vom winzigsten Leporello (gerade mal 21x40 Millimeter) bis zu einem gigantesteken „Fall des Ikarus“ für den UNESCO-Sitz in Paris reichen die Formate. Ebenso umfassend ist die Vielfalt druckgraphischer Ausdrucksweisen, derer sich Picasso bediente: Sie reichen vom Steindruck über Radierungen bis hin zu Ätzverfahren. Manchmal malte der Meister auch direkt auf die Seiten der Bücher: So entstanden einzigartige Widmungsexemplare. 

Glanzstücke der Ausstellung sind winzigste Faltbücher aus den sechziger Jahren, zu denen Picasso minimalistische Kaltnadelradierungen lieferte; daneben die im gleichen Raum gezeigten Blätter, auf denen sich Meister avantgardistischer Typographie - wie der österreichisch-deutsche Dadaist Raoul Hausmann - neben Picassos Drucken austoben durften. Auch zu André Bretons berühmter „Anthologie des Schwarzen Humors“ gestaltete Picasso Radierungen und Aquatinta-Drucke. Sogar eigene Gedichte aus der Hand des Künstlers sind zu sehen. Der letzte Raum der Ausstellung bleibt Pierre Reverdys „Totengesang“ (mit Lithographien Picassos) vorbehalten, das als einziges Buch – in schmalen Stehvitrinen – vollständig gezeigt werden kann. 

Ausgeklügelte Ausstellungsarchitektur

Ein einziges, allerdings verständliches Manko hat die Ausstellung: Man darf die Bücher nicht anfassen. Die fehlende Haptik wird durch eine ausgeklügelte Ausstellungsarchitektur ersetzt, die in Zusammenarbeit mit den Architekten des Museums enstand. Sie sorgt dafür, dass die Bücher in abgedunkeltem Ambiente gleichsam im Raum schweben.

So kommen auch Picassos einzeln gehängte Skizzen zur „Tauromaquia“ (einem klassischen Lehrbuch für Stierkämpfer von 1796) bestens zur Geltung. Auch qualitativ ein echtes Highlight: Die getuschten Arenafantasien lassen Picassos dynamischen Pinselstrich besser zur Geltung kommen als seine Radierungen, deren dürre Linien sich immer wieder in verwundenen Ungenauigkeiten verlieren. 

Ab April 2011 in Dresden

Wer keine Möglichkeit hat, nach München zu reisen, kann sich am opulenten Ausstellungskatalog (herausgegeben von Armin Zweite und Nina Schleif, Hirmer Verlag) sattsehen, der mit 200 eigens angefertigten Aufnahmen in Picassos Künstlerbücher eintaucht. Oder der Kunstliebhaber kommt im Frühjahr in die sächsische Landeshauptstadt: Die Ausstellung wird nämlich ab April 2011 unter dem Titel „Pablo Picasso. Andere Seiten“ im Dresdner Kupferstichkabinett zu sehen sein.

Weiterführende Informationen
http://www.museum-brandhorst.de/

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