Lesebühnen gibt es wie Sand am Meer und in Berlin wie Pauschal- touristenhandtücher auf Liegestühlen nahe des Pools. Alles besetzt. Und ähnlich, wie in Hamburg nahezu jeder Stadtteil einen eigenen Poetry-Slam hat, gibt es in Berlin in jedem Kiez mindestens eine Lesebühne.
Für Nicht-Kenner der Bühnenliteraturszene sei erläutert: Lesebühnen haben feste Autorenensemble und treten regelmäßig auf, manchmal laden sie Gäste ein. Poetry-Slams hingegen haben Wettbewerbscharakter und wechselnde Teilnehmer.
Vorlesen als Show
Ansonsten geht es aber mehr oder minder um das Gleiche: Vorlesen als Show. Und zwar möglichst Texte, die das Publikum allein beim Zuhören begeistert. Und der Erfolg gibt ihnen Recht: Lesebühnen haben richtige Fanstrukturen entwickelt, viele Gäste kommen zu jedem Termin.
Poeten auf der Bühne
Die poetischen Bühnenshows sind ein Ur-Berliner Format, der Begriff entwickelte sich dort gegen Ende der 90er Jahre, um dem, was dort schon seit Längerem passierte, endlich einen gemeinsamen Namen zu geben. Als erste Lesebühne gilt die "Höhnende Wochenschau", die im Mai 1989 das erste Mal stattfand und sich damals noch nicht als Lesebühne begriff, sondern als nicht-gedrucktes Wochenmagazin. Der größte Name unter den Autoren der ersten Lesebühne war wohl Wiglaf Droste. Erst traten sie in Berlin-Schöneberg auf, später zogen sie nach Kreuzberg um.
Reformbühne Heim & Welt
Von den Lesebühnen der ersten Stunde existieren längst nicht mehr alle. Sehr erfolgreich ist die 1995 gegründete "Reformbühne Heim & Welt" in Berlin-Mitte, die im berühmten "Kaffee Burger" jeden Sonntag nach der Tagesschau antritt. Jakob Hein und Heiko Werning sind wohl die berühmtesten der festen Mitglieder der nach eigener Aussage "ältesten Lesebühne der Welt".
Chaussee der Enthusiasten
Und auch wenn der Name des Formats ja fast schon bieder klingt, übertreffen die Lesebühnengruppen sich gegenseitig bei ihrer kreativen Namensgebung. Ob "LSD - Liebe statt Drogen", "Die Surfpoeten" (beides Berlin-Mitte), "Vision & Wahn" (Prenzlauer Berg), "Die Brauseboys" (Berlin-Wedding) oder auch die "Chaussee der Enthusiasten" (Berlin-Friedrichshain), die unter anderen Jochen Schmidt, der auch in der in Berlin trainierenden deutschen Autorennationalmannschaft spielt, gegründet hat. Jochen Schmidt ist wie einige andere der Lesebühnenpoeten auch außerhalb seines Kiezes im Literaturbetrieb erfolgreich.
Jeder Stadt seine eigene Lesebühne
Genau wie das Format selbst: Inzwischen hat jede Stadt, die literarisch etwas auf sich hält, auch mindestens eine Lesebühne.
Für all jene, denen die Comedy-Shows zu klamaukig, zu anspruchslos und zu wenig authentisch sind, denen aber die Literaturhaus-Wasserglas-Lesungen gleichzeitig zu öde sind, all jenen sei ihre regionale Lesebühne wärmstens ans Herz gelegt.
Auf dem Bild: Die Autoren der "Reformbühne Heim & Welt".
Von links nach rechts: Jürgen Witte, Bov Bjerg, Wladimir Kaminer, Falko Henning (als Comicheft), Jakob Hein, Michael Stein (als Hockender), Ahne.
Jeden Sonntag im Kaffee Burger: www.kaffeeburger.de