Der Kulturwissenschaftler Merlin Schumacher legt mit Der Popkultur- Kalender ein Popnerd-Kompendium vor, das an Faktenwissen seinesgleichen suchen dürfte. Aber die Fakten sind eigentlich nur Verzierung. Übrigens: Diese Rezension wird gnadenlos subjektiv sein. Denn der Autor des Popkulturkalender sitzt in unserem Büro kaum fünf Schritte von mir entfernt.
Trotzdem ist dies keine Gefälligkeitsrezension: Ich habe schon gute Freunde mit schlechten Texten ohne mit der Wimper zu zucken verrissen, und unsympathische Menschen mit guten Texten gelobt, obwohl ich ihnen lieber eine reingewürgt hätte: Ich behaupte nicht, objektiv zu sein. Aber ich bin subjektiv aus den richtigen Gründen, hoffe ich. Weil ich als Mensch, und als Rezensent – vorausgesetzt, das ist nicht sowieso dasselbe – finde, dass sich ein Blick in den Popkulturkalender lohnt. Soviel nur vorweg. Eigentlich beginnt die Geschichte und damit die Besprechung mit diesen NEON-Spinoff-Büchern namens Unnützes Wissen.
THIS! IS! SPARTA!
Viele meiner Freunde haben diese Bücher neben der Toilette liegen, und sie funktionieren ungefähr genauso wie Zeitschrift selbst: Man blättert rein, liest ein bisschen, denkt: „Aha. Interessant“, und wenn man sich fünf Minuten später fragt, was man eigentlich gelesen hat, hat man es bereits wieder vergessen.
Der Popkulturkalender tut, als funktioniere er auch so: Jeder Tag ist Jahrestag von irgendetwas, und im Popkulturkalender steht's, jeweils mit kleinem Begleittext. Eine zufällige Auswahl: 22. Mai: Veröffentlichung des Pac Man-Arcade-Automaten in Japan 1980, 9. September: Schlacht bei Thermopylen 490 v.Chr., 25. April: Erstveröffentlichung des Romans Robinson Crusoe 1719, usw., usf.; 367 Tage lang (Schaltjahr plus Bonustrack).
Marty! We've gotta get back to the future!
Ein kurzer Blick zurück: Der Popkulturkalender entstand, so Schumacher auf einer Lesung, eigentlich als Facebook-Format. Es war der Jahrestag von irgendetwas, der Entdeckung des Lasers vielleicht, oder der Geburtstag von Ozzy Osbourne, und Schumacher postete es. Und am Tag darauf einen anderen Jahrestag. Und noch einen. So lange, bis Facebook zu klein wurde für die Texte, die er dazu schrieb, undDer Popkulturkalender ein Blog wurde. Schlussendlich wurde daraus ein Buch. Anfangs war der Kalender genau so wie diese Unnützes Wissen-Bände als Ansammlung von Fakten angelegt. Im Blog gab es noch ein paar Videos dazu, interessant, ja, aber im Grunde eher nutzlos. Solange, bis Schumacher begann, seine Diplomarbeit zu schreiben. Der Popkulturkalender ist die eine Seite davon, die andere ist eine - nicht veröffentlichte - Reflektion darüber.
Luke, I am your father
Wir spielten oft Guitar Hero in dieser Zeit, in Schumachers Wohnzimmer, das vollgemüllt war mit Büchern von Medien-, Zeichen-, und Kulturtheoretikern, und während dieser Zeit entwickelte sich die These, dessen probeweise Bestätigung der Popkulturkalender ist. Dass populäre Kultur und Popkultur unterschiedliche Dinge sind: Populäre Kultur ist die massenweise produzierte und konsumierte Kultur. Popkultur, das sind die Sätze, Bilder, Szenen, die sich durch die Medien, durch die Kulturprodukte hindurch tradieren, die immer wieder aufgegriffen werden. Einfach gesagt: Der Satz „Ich bin dein Vater, Luke“ ist nicht nur ein Satz. Vielmehr assoziiert er ein ganzes Epos, andererseits lässt er einen Rattenschwanz an Weiterführungen, Parodien, Varianten entstehen. Popkultur ist, was bleibt, was immer wieder hervorgeholt wird. Oder anders ausgedrückt: Dass das Pferd aus Rambo III dasselbe ist wie im dritten Teil der Indiana Jones-Reihe, stünde in Unnützes Wissen, aber nicht im Popkulturkalender. Dafür allerdings Shakespeares Sturm oder ein altes russisches Volkslied namensKorobeiniki , den meisten Menschen besser bekannt unter dem Namen Tetris A-Thema.
It's all just bricks in the wall
Das ist die These, um die Der Popkulturkalender sich rankt, obwohl sie nie explizit ausgeführt wird: Dass bestimmte Kulturprodukte zu Popkultur werden können, unabhängig davon, wo sie herkommen. Solche nämlich, die immer wieder aufgegriffen werden, die immer wieder weitergeführt werden. Ein wenig erinnert das an die Mem-Theorie von Richard Dawkins, die besagt, dass Meme – kleinste Gedankeneinheiten – sich durch Kommunikation vervielfältigen und entwickeln. Und was den Popkulturkalender nun von Bänden wieUnnützes Wissen unterscheidet, ist, dass er keine Sammlung von zufälligen Fakten und Daten ist, sondern eine Sammlung dieser Stückchen, dieser Meme: Der kleinen Stückchen, aus denen immer wieder Filme, Musikstücke, Bücher etc. zusammengesetzt werden, oder die zumindest darin vorkommen. Der Popkulturkalender möchte – und ist es in weiten Teilen auch – eine Sammlung dieser Bausteine sein, wenn möglich sogar bis zu ihrer Herkunft vordringen.
Stop! Hammertime!
Selbstverständlich ist dafür irrsinnig nerdiges Popkulturfaktenwissen erforderlich, und das hat Schumacher. In den kleinen Texten – selbst oft Variationen des jeweiligen Themas – spannt er teilweise geradezu halsbrecherische Verlinkungen quer durch Kulturen, Zeiten, Medien, um am Ende an einem Punkt herauszukommen, der wahrscheinlich selbst der härteste Fan so noch nicht kannte. Der wirklich interessante Punkt am Popkulturkalender sind aber gar nicht die Fakten oder die Faktensammlung, der interessante Punkt ist auch nicht die Sortierung nach Daten, nach Jahrestagen: Beides ist nur Mittel zum Zweck. Der interessante Punkt ist, dass Schumacher diese kleinsten Bauteile der Popkultur benennt und auffaltet, sie zurückführt, und damit im Grunde zeigt, wie komplex das Netz gesponnen ist, das uns jeden Tag umgibt, das uns so selbstverständlich ist, dass wir es kaum noch wahrnehmen. In Der Popkulturkalender nimmt Schumacher es wahr, und zeigt, dass es sich lohnt, die Augen beim Fernsehen auch mal offen zu halten. Oder sich zumindest einmal zu fragen, warum genau die Handlung von Der König der Löwen der von Hamlet so eigenartig ähnlich ist. Das ist der eigentliche, der schöne Effekt des Buches: Man kann mit ihm einen Schritt zurücktreten aus der Popkulturverwertungs- und Wiederverwertungsmaschinerie, und den Blick ein wenig langsamer, weiter schweifen lassen über die schillernden Netze der Popkulturverknüpfungen. Selbstverständlich ist Der Popkulturkalender in dieser Hinsicht nicht komplett – wie könnte er auch? Aber es ist ein beispielhafter Anfang, und nach der Lektüre fällt einem das Weitergehen, das Selbersehen, fällt einem der Weg in Richtung Unendlichkeit der Verknüpfungen, Varianten, Vertauschungen, Verdrehungen und Weiterspinnereien vielleicht ein wenig leichter.
Weiterführende Informationen
Merlin Schumacher: Der Popkulturkalender. Jeden Tag ein Häppchen Popkultur
Salzhemmendorf: Blumenkamp 2011. 238 Seiten. 15 Euro
Das Blog zum Popkulturkalender
Die Facebook-Seite zum Popkulturkalender
Der Popkulturkalender beim Verlag Katrin Blumenkamp, mit Leseprobe