„Das Altiplano ist ein wichtiges Kulturerbe Perus", weiß Ronald Sanchez. Der in Berlin lebende Künstler reflektiert seine Heimat durch Musik, Installationen oder Malerei und hält so die Traditionen der Anden und des Amazonasgebietes lebendig.
Globe-M: Sie bedienen sich als Künstler sowohl der Musik als auch der graphischen Künste, wie Malerei. Wie kam es dazu, dass sie verschiedene Mittel und Stile wählten?
Ronald Sanchez: Meine Wurzeln liegen ursprünglich in der Lyrik. Schon ganz früh entstand meine Idee, einen eigenen dichterischen Stil zu erschaffen, den ich „poesía crística“, auf Deutsch etwa „christlich-mystische Poesie“, nannte. In meiner Musik suche ich diese Präsenz dieses Dogmas, das uns die Nicht-Entscheidung des Am-Leben-Seins gibt. Als meine Dichtungen minimalistischer wurden, merkte ich, dass ich eine kreative Struktur erreicht hatte, die ich zunächst auf die Bildhauerei, später auf die Musik und schließlich auf die Malerei übertrug.
Globe-M: Ihr Künstlername bezieht sich auf eine Hochebene in den Anden. Ist dies eine biographische Reminiszenz? Was verbinden Sie mit dem Namen „Altiplano"?
Ronald Sanchez: Es handelt sich eher um eine geographische als um eine biographische Reminiszenz. Gleichzeitig ist es eine Art Bewusstseinszustand. Die peruanische Andenhochebene, das Altiplano, ist ein wichtiges Kulturerbe. Es ist das Gebiet, in dem die Melodien und die Musik des alten Perus bis auf den heutigen Tag erhalten und lebendig sind. Der Ayarachis-Stil, ein Musikstil, der mit dem Tod eines Inka oder eines Herrschers verbunden ist, wird seit Jahrhunderten gespielt. Das hat mich fasziniert. Ich bin immer auf der Suche nach vergessenen Klängen.
Globe-M: In welcher Weise ist ihre Kunst durch Peru beeinflusst?
Ronald Sanchez: Ich denke, es gibt geographische Portale oder Orte auf dieser Welt, an denen die Vibration der Wälder, des Gesteins und die geologische Beschaffenheit der Landschaft stärkere Kontraste bilden als an anderen Orten. In diesem Sinne bin ich von der inneren Spannung meines Landes beeinflusst – das tektonische Chaos Perus hat mich geprägt.
Globe-M: Sie benutzen traditionelle südamerikanische Instrumente, beispielsweise Holzflöten. Wie sieht Ihr Instrumentarium aus und woher bekommen Sie es?
Ronald Sanchez: Meine Sammlung besteht in erster Linie aus Blasinstrumenten wie den traditionellen Quenas, Zampoñas und Sikus. Ich besitze einige Nachbildungen historischer Instrumente, die in Städten oder Tempeln aus der Inkazeit gefunden wurden. Einige stammen sogar aus präinkaischer Zeit. Diese Instrumente wurden hauptsächlich aus Keramik, Knochen, Steinen, Federn, Samen, Blättern, Holz und Zuckerrohr hergestellt.
Globe-M: Viele Ihrer Musikstücke klingen, als entstammten Sie alten Überlieferungen. Woher stammt die Inspiration? Gibt es Vorlagen oder Traditionen?
Ronald Sanchez: Mein musikalisches Projekt Altiplano ist inspiriert von der Klangvielfalt der Anden und des peruanischen Amazonasgebietes. Wir beschäftigen uns mit den typischen Melodien jeder einzelnen Region. Es geht dabei hauptsächlich um die Elemente und um die rituelle Musik der alten Völker. Die zweite Quelle der Inspiration für Altiplano ist der deutsche Krautrock der 1970er Jahre, insbesondere die kosmische Musik, auch Berliner Schule genannt. Meine Begegnung mit dem ersten Album der Band Popol Vuuh, „Affenstunde" von 1970, löste einen starken Impuls in mir aus – ich begann, die Welt als vernetztes System zu begreifen. Ich spürte von Anfang an eine unmittelbare Verbindung zu den deutschen Musikern. Meine besondere Empfehlung: das Album „Tarot” von Walter Wegmüller.
Globe-M: Sie haben für die in Lima stattfindene Konferenz „Chachapoyas, Krieger der Wolken - Eine prähispanische Kultur der Extreme" die Musik komponiert. Wie kam es zu diesem Auftrag?
Ronald Sanchez: In Lima hat sich Altiplano neben einigen anderen bildenden Künstlern und Institutionen mit der klanglichen Inszenierung von Kunsträumen, Galerien und Museen einen Namen gemacht. Für den Chachapoyas-Auftrag haben wir uns auf die Instrumente konzentriert, die in den Ausgrabungsstätten gefunden wurden. Das war unser Ausgangspunkt für die Musikalisierung. Ich kannte die Gegend bereits sehr gut und konnte deshalb die Botschaft ihrer Erde in die Musik übertragen.
Globe-M: Sie wohnen derzeit in Berlin. Was gab den Ausschlag, in die deutsche Haupstadt zu ziehen?
Ronald Sanchez: Ursprünglich gab meine Freundin in Berlin den Impuls – sie ahnte von Anfang an, dass ich mit meinen künstlerischen Ausdrucksformen und meiner Arbeitsweise gut in die Stadt passen würde. Und sie lag richtig mit ihrem Rat. Durch die Motivation und emotionale Unterstützung habe ich mich bei meinem Umzug gut aufgehoben gefühlt und mich nach und nach in das Berliner Leben integrieren können.
Globe-M: Was ist das besondere an der kreativen Szene in Berlin?
Ronald Sanchez: Berlin übt eine starke Anziehung auf mich aus. Ich habe mich intensiv mit der kosmischen Musik beschäftigt, die ja aus Deutschland kam und insbesondere mit ihren Berliner Vertretern. Für mich hat diese Musik etwas sehr Sensorisches, und ich fühle mich wie ein Bürger unter vielen in diesem Haus, das im Kosmos verankert ist.
Globe-M: Sehen Sie Unterschiede oder Ähnlichkeiten zwischen dem Leben als Künstler in Berlin und dem in Lima?
Ronald Sanchez: Berlin ist ein riesiges kreatives Zentrum mit einem plurikulturellen Leben. Lima ist vergleichsweise winzig, sowohl hinsichtlich der Diversität als auch hinsichtlich der kreativen Fusionen.
Globe-M: An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell? Was sind ihre Pläne für 2011?
Ronald Sanchez: Ich hoffe, bald nach Berlin zurückzukommen und ein Album bei einem bekannten niederländischen Ambient-Label zu veröffentlichen. Außerdem plane ich, Kunst für große Räume anzubieten. Im Moment arbeite ich an dem dritten Album von Altiplano, das im Dezember erscheinen soll.
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