Peter Lindbergh ist vermutlich der bekannteste Modefotograf der Welt. Er erschuf in seinen Bildern in den 90ern die Gattung der Supermodels. Das Schwarz-Weiß-Bild, in dem sich Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford nackt aneinanderschmiegen hat sich in das kollektive Gedächtnis der Welt gebrannt, es ist eine über das Modebusiness hinaus bekannte Ikone unseres Schönheitsideals geworden.
Dass dieses entstehen konnte, verdankt die Welt Lindberghs Jugend in Duisburg. Wäre er nicht im Ruhrpott der 50er und 60er Jahre groß geworden, sondern beispielsweise in den Hügeln von Beverly Hills - seine Vorstellung von Schönheit wäre sicherlich eine andere geworden. Die Hässlichkeit des Ruhrpotts prägt bis heute den Blick des Modefotografen: Schönheit in der vermeintlichen Normalität, der Vorzug des Unverstellten gegenüber dem Aufgesetzen, das ist die Ästhetik hinter Peter Lindberghs Fotografien.
„Wenn man sich selbst nicht mehr akzeptieren kann, hat man aufgehört zu leben.“
Die berühmten Modelle stehen Schlange, um von ihm geknipst zu werden: Kate Moss, Tatjana Patitz, Nadja Auermann, Milla Jovovich, Mariacarla Boscono, Versuchka, alle standen schon vor seiner Linse. Sein Lieblingsobjekt jedoch, so sagt der Fotograf, sei die heute 82-jährige Jeanne Moreau. Deren Portrait ist daher auch sein Favorit in der Ausstellung „On Street“, die heute abend im C/O Berlin eröffnet wird.
Bei 17-jährigen russischen Models mit Untergewicht gibt es noch nicht viel, was man fotografisch festhalten kann, im Vergleich mit dem gelebten Leben, welches im Gesicht der Moreau sichtbar wird. Deswegen wollte er unbedingt dieses„gewalttätig ehrliche“ Portrait der Moreau machen, ungeschönt, ohne Nachbearbeitung. Als Lindbergh sie um ihr Einverständnis bat, fragte sie verwundert, was er an diesem Bild denn bitte noch verschönern wolle. Die "Berufskrankheit Eitelkeit" scheint jedenfalls keine Spuren bei Jeanne Moreau hinterlassen zu haben.
Wenn die Leute auf den Bildern nicht nackt sind, dann ist es eben Modefotografie
So wurde er, quasi wider Willen, zum Modefotografen. Auf die Frage, was Schönheit für ihn sei, holt er nicht weit aus: Sensibel und intelligent müsse jemand sein, um schön zu sein also nicht die Frauen in den Hochglanzmagazinen nach der vierten Nachbearbeitung. Generell ist er gegen das Schönen von Bildern. Sein Kommentar zum Thema Photoshop fällt harsch und pointiert formuliert aus: Untalentierte Fotografen schießen ein Foto, welchem dann von einem Heer untalentierter Retuscheuren der Rest gegeben werde. Man sehe keine Haut mehr, keine Struktur, jede Pore werde nachträglich zugekleistert, weil sie auf den Bildschirm gezoomt wirke wie ein riesiges Loch. Schlimm, tragisch fände er das.
Auch superdünne Models dürfe man nicht idealisiseren. Größtenteils seien sie uninteressant für ihn, auch wenn es vorkomme, dass er „mit dünnen Mädchen“ arbeite, weil ihm deren Kopf gefällt. Die Gesamtheit eines Menschen interessiert ihn, nicht die Details. Er habe die Gabe, das Gesamtkunstwerk Mensch zu sehen.
Von Berlins irrer Ausstrahlung
Ein weiterer Teil der Ausstellung, neben seinen Portraits, ist der Stadt Berlin gewidmet. Die körnigen, unscharfen Schwarz-Weiß-Bilder spiegeln seine „nebülose Vorstellung von Berlin“ wieder, das er als junger Mann kennenlernte, als noch die Mauer stand. Eine „irre Aura“ hätte die Stadt für ihn gehabt, zur Zeit seines „eigenen Aufbruchs ins Leben“. Berlin stelle daher immer einen besonderen Platz für ihn dar. Deshalb hat er sich entschieden, für die Jubiläumsausgabe der deutschen Vogue im vergangenen Jahr, die Stadt seiner Erinnerung in den Fokus zu nehmen. Schwarz-Weiß-Fotografie ist für Peter Lindberg „paradoxerweise realistischer als bunt“. So hat er, seit er digital fotografiert, seine Anzeige immer auf schwarz-weiß eingestellt, auch wenn er für einen Kunden in Farbe schießt. Das Bild in bunt schreckt ihn ab.
Ausstellung Peter Lindbergh .
On Street Photographs and Films . 1980 – 2010
C/O Berlin
Postfuhramt
Oranienburgerstr. 35/36
10117 Berlin
25. September 2010 bis 09. Januar 2011
Eröffnung Freitag, 24. September 2010 . 19 Uhr
Öffnungzeiten täglich von 11 bis 20 Uhr