Fred Calmets malt das Internet.
Seine Gemälde sind ausschließlich von Blogs und sozialen Netzwerken inspiriert. Seit dem 1. Dezember 2010 zeigt die Seize Galerie in Marseille seine Ausstellung „Close-Up“.
Die Eröffnung wirkt eher wie ein offizielles Sit-In, bei dem sich alle kennen. Von irgendwoher hinter der improvisierten Bar am Ende des Ausstellungsraumes schallt Elektro. Es gibt Wein und Häppchen, ein bisschen Standard muss anscheinend sein. Die Seize Galerie, mitten im Studentenviertel der Stadt, hat die Größe eines durchschnittlichen Wohnzimmers. Es wird schnell eng. Die Gemälde von Fred Calmets wirken fast erdrückend. Es sind Close-Ups, überlebensgroße Detailaufnahmen von Frauen in Alltagsszenen.
Frauen und die Sterblichkeit
Calmets malt hauptsächlich Frauen und Totenköpfe. 1976 geboren, hat Calmets zunächst als Kulturvermittler in Poitier und als Grafikdesigner gearbeitet. Eigentlich kommt er aus der Graffitiszene, ist aber als Autodidakt zur Malerei übergegangen, auf die er seit 2009 seinen Schwerpunkt legt. Weiblichkeit fasziniere ihn schon immer, die Sterblichkeit erst seit kurzem. Anregungen für seine Gemälde holt er sich im Internet: Blogseiten und soziale Netzwerke wie Facebook sind seine Inspirationsquellen. Dabei wählt er seine Fotos intuitiv, er probiert alle möglichen Ausschnitte aus, schneidet sie zu, und erst dann beginnt er mit dem Malen. Oft verändert er kleine Details der Fotos: Er fügt Elemente wie Schlangenschlagringe oder Totenkopfknöpfe hinzu. Dadurch bekommen die Gemälde eine Note der Vergänglichkeit. Ein Thema, das sich auch in Calmets Mischtechnik findet: verlaufende Farben, dunkle Hintergründe und eben diese memento mori-Accecoires. „Carpe diem!“, erklärt Calmets.
Wir sind alle Voyeristen
Was passiert, wenn man Internet-Daten in die materielle Welt überträgt? Der Betrachter wird noch stärker zum Voyeristen. Calmets Stalkingreise konfrontiert ihn mit seinem eigenen Trieb dieser zwiespältigen Neugier. Sie ist befremdlich und verstörend, sie ist ein spannendes Machtspiel: Ich sehe was, was du nicht siehst. Grundsätzlich ist es möglich, dass jemand den Ausstellungsraum betritt und dort völlig überraschend das Gemälde eines Bekannten sieht. Calmets fragt nicht, ob er Bilder als Vorlage benutzen darf. Meistens erfahren die Menschen nicht davon, dass sie gemalt wurden, außer Calmets kennt sie persönlich.
Idealisiertes Jetzt
Calmets bestreitet nicht, die Frauen in seinen Gemälden zu sakralisieren. Durch das Leitmotiv der Vergänglichkeit bekommen die Gemälde ihre eigene Ästhetik. Sie sind intim und unpersönlich zugleich, sie zeigen nie ein Gesicht. Es ist entweder von einer Sonnenbrille verdeckt oder abgewandt, oder liegt einfach nicht im gewählten Bildausschnitt. Man sieht Nagellack, Fußknöchel und rote Lippen, Zigaretten, MP3-Player, Unterwäsche: ein Blick auf banale Alltagsgegenstände an Frauenkörpern. Bleiben Calmets’ Bilder also unverbindlich und oberflächlich? Dem ist zu entgegnen, dass Calmets so nah heranzoomt, dass der Betrachter die Dinge unter der Oberfläche zu erkennen glaubt. Calmets bringt die Fassaden zum Bröckeln: Die Brille wird zum Selbstschutz, die Zigarette zur Nervositätsgeste, der Kaffeebecher zum Lebensanker. Calmets Interpretation der Bilder im Netz provoziert geradezu eine inhaltliche Diskussion. Die Besucher bleiben lang. Sie reden, trinken Wein, sie fotografieren: Bilder, die sie dann am nächsten Tag auf facebook posten.
Weitere Informationen:
Die Ausstellung in Marseille kann noch bis zum 31. Dezember 2010 besichtigt werden.
Die Bilder sind auch auf Fred Calmets' Webseite zu finden.
Galerie 16
16 rue Fontange
13006 Marseille
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag von 11 Uhr – 19 Uhr