Egon Schiele

Ja, Egon Schiele ist ein Großer. Spätestens in dieser Ausstellung im Wiener Museums- quartier wird das dem Berichterstatter klar. Gleich das erste Bild auf der linken Seite zieht ihn sofort in seinen Bann. Ein in massigem Lila gehaltener Bildstock - mit ungeheurer Wucht wird der Betrachter in das Bild hineingerissen, einmal durch die Gasse gejagt und wieder herausgeschleudert aus dem kleinen Ort um Wien herum, Nußdorf oder Neuwaldegg.

Ein kleines Bild, das man lange nicht vergißt. Und das will etwas heißen, denn hier könnte man über jedes Bild einen ganzen Essay schreiben. Das unterscheidet Schiele von manchem heutigen hochgejazzten Künstler, dessen ganzes Lebens“werk“ mit einer einzigen Leerzeile zu beschreiben wäre.

Schiele hingegen rockt, Schiele knallt, und Schiele zeigt, dass man in 28 Jahren viel vollbringen kann.

Der Sammler

Prof. Dr. Ludwig hat das früh erkannt. Bereits in den 50er Jahren hat der spätere Namensgeber des Museums Schiele-Bilder gekauft, als der Expressionist Schiele bestenfalls als lokale Malergröße gehandelt wurde und alles andere als en vogue schien - und die Preise für seine Bilder tief im Keller waren. Das hat sich Gott sei Dank geändert, und Ludwig, eigentlich Mediziner, aber über die Jahre autodidaktisch zum international anerkannten Schiele-Spezialisten geworden, hat seine Sammlung mittlerweile in eine Stiftung überführt, aus der das Museum Ludwig im MUMOK hervorgegangen ist.
Hier werden ausschließlich Highlights gezeigt: Der halb sitzende, halb liegende gelb-grüne Männerakt auf schmutzig grauweißem Grund (und sonst gar nichts drum rum, was für damalige Verhältnisse beinahe revolutionär war), zeigt einen schreiend giftig wirkenden Körper – eben den Schieles – mit karminroten Körperöffnungen wie Brust, Nabel, Nasenlöcher, Augen, Mund und Ohren, seltsam verschränkt und abweisend, ohne Hände und Füße, um mit der Außenwelt in Kontakt zu kommen. Ein abgenommener Christus, das wütende Leiden eines an Haß und Wut und Ausgestoßensein leidenden Autisten, in der Abwehr auch seiner selbst gefangen.

Der Außenseiter

Ein Außenseiter war Schiele fast immer und überall: In Krumau, dem Heimatort seiner Mutter an der Moldau, entstanden Bilder von alten Häusern und Hauswänden und Ziegeldächern, ganze Häuserzeilen, grandios. Als neugierige bigotte Bewohner in seinem Garten eine nackte junge Frau Modell sitzen sehen, muß Schiele gehen. In Neulengbach, dem nächsten Aufenthaltsort des jungen Paares, wird Schiele sogar verhaftet und muß für einen Monat ins Gefängnis, obwohl der Verdacht des Mißbrauchs Minderjähriger bereits haltlos in sich zusammengebrochen ist. Wieder entlassen, nimmt er sich den berühmten Gustav Klimt zum Vorbild: Der erkennt alsbald das Genie des jungen Maler-Kollegen und nimmt ihn unter seine Fittiche.

Schiele setzt seinem Mentor und sich selbst ein unsterbliches Denkmal mit dem recht innig gehaltenen Porträt beider – irgendwo im Niemandsland.

Persönliche Dramen

Ein Drama deutet sich rechts daneben an im Porträt seiner Freundin Wally Neuzil: Sie, ursprünglich eine Muse Klimts, wird er verlassen, um eine nach bürgerlichen Maßstäben genehme junge Dame zu ehelichen: Edith Harms. Da ist der Künstler Schiele auf einmal kleinlich. Wally leidet furchtbar, geht als Krankenschwester an die Front, stirbt 1918 in Split am Scharlach. Sie hat Schiele nie wiedergesehen.
 
Eine Beziehung muß turbulent gewesen sein: Jahre vor der Trennung entsteht ein Porträt Wallys vor einer welken roten Rose auf gelbem (!) Grund, das halbe Profil des Malers schräg hinten über Wallys Kopf, die mit trauerverschleiertem Blick durch den Betrachter hindurchsieht…

Künstlerischer Erfolg und Tod

1918 gelingt Schiele der Durchbruch: Er darf an der 49. Ausstellung der Sezession teilnehmen und sogar das Plakat entwerfen (Das letzte Abendmahl). Eine Fülle von Aufträgen ist die Folge. Schiele arbeitet Tag und Nacht, Bilder von großer Eindringlichkeit entstehen. Ausstellungen in Zürich, Prag und Dresden folgen, auch sie große Erfolge.

Umgehauen aber hat den Berichterstatter das Porträt der sterbenden Edith Schiele, im 6. Monat schwanger. Wie Millionen andere ist sie an der Spanischen Grippe erkrankt, die im Winter 1918/19 weltweit viel mehr Menschen dahingerafft hat als der ganze Erste Weltkrieg. 1919 wird ihr auch der berühmte Soziologe Max Weber zum Opfer fallen. 

Ediths vor Erschöpfung verhangener Blick scheint zu sagen: Ich liebe Dich, Egon, (und du darfst mich in Gottes Namen auch noch porträtieren) aber ich kann nicht mehr, Du Guter, Lieber… Dem Berichterstatter krampft sich das Herz zusammen.
Einen Tag später ist sie tot. Da ist Schiele schon selbst mit der Krankheit infiziert. Am Morgen des 31. Oktobers stirbt auch er.

Da hatte der Frühvollendete bereits Hunderte unsterblicher Meisterwerke geschaffen.

Egon - Schiele - Ausstellung im MUMOK,
Museum Moderner Kunst
Museumsplatz 1
A 1070 Wien
täglich 10-18.00, Donnerstag bis 21.00
www.mumok.at
 
 
 
 

 

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