Generationenkonflikt im Meistersinger

Pressefoto Bayreuther Festspiele 2011

Als „komische Oper“ bezeichnete Richard Wagner seine Meistersinger. Das Festspielpublikum auf dem Grünen Hügel nahm Katherina Wagners Inszenierung allerdings auch dieses Jahr mit wenig Humor. Seinem Ärger machte es in einer Form Luft, die mehr an die Prügelszene am Ende des zweiten Akts erinnerte als an im bürgerlichen Theaterbetrieb übliche Bekundungen des Missfallens.

Die Hausherrin sah sich einer geschlossen Front von geradezu hasserfüllten Buh-Rufen gegenüber. Selbst über das Ensemble verhängten die erbosten Zuschauer eine Art Kollektivstrafe: Zwar erhielten die Sänger, der Dirigent und wie in Bayreuth fast selbstverständlich der Chor warmen oder zumindest differenzierten Beifall, aber die Zahl der Vorhänge war auf das Allernötigste beschränkt.
Lag die Regisseurin mit ihrer Interpretation also vollkommen daneben, oder hatte sie doch einen Nerv getroffen?

Sarkastischer Seitenhieb

Richard Wagner hatte mit seinem Werk sarkastische Kritik am Kunstbetrieb seiner Zeit geäußert, auch wenn seine Oper im Nürnberg des 16. Jahrhunderts spielt. Seine Urenkelin Katherina setzt hier nahtlos an: Ihre Meistersinger sind die akademischen Vertreter eines Kulturestablishments, das pedantisch seine Interpretationshoheit verteidigt und sich dabei hinter Haufen von gelben Reclam-Heftchen verschanzt. Statt der Butzenscheiben-Romantik Alt-Nürnbergs zeigt sie im ersten Akt die Bildungsrituale und Institutionen dieser geschlossenen Gesellschaft: Muff unter den Talaren von tausend Jahren, strikte Disziplin und Drill bereits in der Singschule.
Allerdings nimmt sich die Regisseurin die Freiheit, das Stück um eine Kunstform zu erweitern: die Bildende Kunst. So ist Walter von Stolzing, ein „junger Ritter aus Franken“, nicht nur Poet, sondern vor allem Maler. Katharina Wagners Kunst-Aristokrat geriert sich als junger Wilder in Turnschuhen, der keine Gelegenheit auslässt, irgendeinen Gegenstand mit Graffitis zu überziehen. Der Ansatz, Stolzings unverdorbenes Talent und sein Rebellentum gegen jeglichen Akademismus zu visualisieren, stößt an Grenzen: Stolzings Kunstwerke überzeugen den Zuschauer nicht von seiner Genialität; als Regieanweisungen und Requisiten bleiben sie hinter der Tondichtung zurück, die Richard Wagner seinem Helden in den Mund legt. Stolzings geradezu manischer Aktionismus wirkt stellenweise schlichtweg Nerv tötend: Gerade im ersten Akt rivalisiert sein Gepinsel mit der Musik und lenkt von der Handlung ab.

Erstarrt in Traditionen

Talent allein genügt nicht, schon gar nicht in Stolzings Situation: Er hat sich in Eva verliebt, die Tochter des reichen Goldschmieds Pogner. Ihr Vater hat aber verfügt, dass sie nur einen „Meistersinger“ heiraten darf. Von deren hoch kompliziertem Regelwerk hat Stolzing keine Ahnung. Als er den versammelten Honoratioren eine erste Probe seines Könnens liefert, „versingt“ er, wie es in deren Fachjargon heißt. Sein schärfster Gegner ist Sixtus Beckmesser, nicht nur, weil er ebenfalls ein Auge auf Eva geworfen hat: Der Stadtschreiber symbolisiert den Typus des einflussreichen Kritikers, der zwar mit intellektueller Brillanz die Ungereimtheiten eines Kunstwerks gnadenlos ankreidet, aber selbst scheinbar nichts wirklich Neues schaffen kann.
Stolzings Chancen den bevorstehenden Sängerwettbewerb und damit die Hand Evas zu gewinnen, stünden somit denkbar schlecht, hätte er nicht einen wesensverwandten Verbündeten: den Meistersinger Hans Sachs. Der Schuster geht demonstrativ barfuss und seinem Brotberuf eher lustlos nach, trägt im Gegensatz zu seinen klein karierten Zunftkollegen lässiges Intellektuellen-Schwarz, ist passionierter Raucher und hämmert seine Verse in eine alte Schreibmaschine. Deren Geklapper dient ihm auch bestens, um das nächtliche Ständchen Beckmessers vor Evas Fenster respektlos zu kommentieren. Der Streit der Beiden eskaliert in einem öffentlichen Tumult, lustvoll inszeniert zwischen farbspritzendem Kunsthappening und Schwabinger Studentenprotesten.

Endgültig aus den Fugen gerät die althergebrachte Kunstwelt im dritten Akt. Zwölf deutsche Geistesheroen mit überdimensionalen, starr-bösen Gipsköpfen treten spärlich bekleidet auf: Goethe, Schinkel, Schadow, Bach, Kleist, Knobelsdorff, Hölderlin, Lessing, Beethoven, Dürer, Schiller und Wagner überwältigen Sachs. Hilflos muss er zusehen, wie sie ihn in einem dionysischen Cancan verhöhnen, im wahrsten Sinne des Wortes gefesselt durch seine Traditionsgläubigkeit.

Massengeschmack und Propaganda

Der folgende Sängerwettstreit auf der Festwiese, in älteren Inszenierungen gerne als Heile-Welt-Kirmes verharmlost, wird zum modernen Medienspektakel à la Bambi-Verleihung. Das Grande Finale moderiert ein geschniegelter Hans Sachs, der dem glücklichen Gewinner als Preis einen goldenen Hirsch überreichen wird. In Katherina Wagners Inszenierung erfahren die Protagonisten eine überraschende Entwicklung: Aus dem Kunstspießer Beckmesser wird der eigentliche Avantgardist. Seine Aktionskunst verstört das biedere Publikum auf der Festwiese ebenso wie die Gralshüter angeblicher Werktreue im Festspielhaus. Stolzing ist dagegen zum angepassten Karrieristen mutiert, der vom goldgerahmten Familienglück träumt. Nun bedient der einstige Rebell den Massengeschmack mit Liebesschmachtfetzen und viel Schmelz in der Stimme. Drapiert wird seine Darbietung mit einer puppenhaften Prinzessin und ihrem Traumprinzen an einem lächerlich kleinen Seeidyll: ein schöner Seitenhieb auf die medial inszenierte von und zu Guttenbergschen Freiherrn-Herrlichkeit.
Als sich Stolzing seiner künstlerischen Wurzeln besinnt, Preis und Meisterehren brüsk ausschlägt, dröhnt Sachs mit seinem berühmt-berüchtigten „Ehrt Eure deutschen Meister, dann bannt Ihr gute Geister“ dagegen: ein Diktum, das zur Steilvorlage für braune Kunstauffassung gerade auf dem Grünen Hügel wurde. Katherina Wagner inszeniert die Verwicklung ihrer eigenen Familie während des Dritten Reichs: Sachs ist ein maskenhaft ausgeleuchteter Demagoge, der Kunst als Propaganda missbraucht, während die Volksgemeinschaft auf der Festwiese im gleichförmigen Dunkel versinkt und monumentale Statuen im Stile Arnold Brekers aus dem Bühnenboden wachsen.

Katherina Wagners Inszenierung mag keine Jahrhundertaufführung sein, aber sie ist mehr als nur ein Gesellenstück. Während noch ihr Vater Wolfgang Wagner das konservative Bayreuther Publikum mit an Kitsch grenzender Mittelalter-Romantik sedierte, bürstet seine Tochter das Stück gegen den Strich: mit Tempo und revuehafter Dynamik, und vor allem mit Ironie und Sarkasmus. Vielleicht ganz im Sinne ihres Urgroßvaters Richard, der in seiner Autobiografie schrieb, „dass man dem deutschen Publikum doch wenigstens durch . . . Schaden zur Freude verhelfen könne“. Das derzeitige Hügelpublikum stimmt dem offensichtlich nicht zu, aber Theater und insbesondere das Musiktheater darf nicht als geriatrische Anstalt dahindämmern.

Weitere Informationen

Nächste Aufführungen: 12.08., 18.08., 24.08., jeweils 16:00 Uhr

Offizielle Homepage der Bayreuther Festspiele
 

Bild: Pressebild Bayreuther Festspiele 2011 (Enrico Nawrath), Die Meistersinger von Nürnberg, 1. Aufzug: Burkhard Fritz (Walther von Stolzing), Norbert Ernst (David)

 

 

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