„Gerufen“ – und damit entschuldigt

von Justinus Pieper

Dies ist die Ausstellung des Einerseits – Andererseits.
Einerseits – Schön. Eine Ausstellung, wie sie seit 1945 ff überfällig ist, wo man das Leid und den Horror der aus dem Osten grausam vertriebenen Deutschen peinlich weggeschwiegen hat.

Wo man dies gar als „berechtigte“ Sühne der sonst von Deutschen begangenen Greuel besserwisserisch und moralisierend und ganz schön anmaßend umgedeutet hat, auch und gerade deutscherseits auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Da ist es schon berechtigt, daß auch auf die positiven Leistungen der Deutschen gerade dort, wo später SS, SD und Gestapo besonders grausam gewütet haben, hingewiesen wird, ja, diese Deutschen im Mittelpunkt stehen und nicht haftbar gemacht werden für Dinge, die nicht sie begangen haben.

Ja, es haben Deutsche außerhalb Deutschlands gelebt, seit Jahrhunderten; Deutsche, die von der Erfindung des Nationalstaats überholt und irgendwann von seinen Exzessen überrollt worden sind. Diese Deutschen sind oft tatsächlich „gerufen“ worden. Aus handfesten Eigeninteressen der jeweiligen Herrscher übrigens. Gründe waren die Landesverteidigung, Sicherung der Militärgrenze, Urbar-Machung der einheimischen Wildnis, ganz allgemein ein Steuerzuwachs, Vermehrung des Bruttosozialproduktes, des Steuerzuwachses und damit damals auch automatisch des privaten Reichtums des Herrschers. Abgesehen von den Eroberungen des Deutschen Ordens und des Ordens der Schwertbrüder im Baltikum, wo sie bestimmt keiner gerufen hat, kamen die Deutschen „zivilisiert“ auf Einladung. Natürlich hat man auch ihnen allerhand versprochen: Aussicht auf ein besseres Leben, auf Zukunft, auf die ungestörte Ausübung ihrer (meist protestantischen) Religion, auf Steuererleichterung, auf weniger Schikane, auf ein Gelobtes Land, das sie mit ihrem Fleiß und ihrer Tüchtigkeit sich aufschließen konnten – ohne jemand anderem etwas wegzunehmen.

Dies war zumeist ein eher sachliches Durchdringen im Kampf mit den Widrigkeiten der  Natur (Dickicht, Krankheiten, Klima, Seuchen), andererseits mit den äußeren Feinden des jeweiligen Landesherrn und seiner autochthonen (also ursprünglich dort lebenden) Bevölkerung, eines Landesherrn, der die Siedler aus deutschen Landen oder besser aus Gegenden, in denen Deutsch als Muttersprache einer Mehrheit gesprochen wurde, ganz bewußt angeworben hatte, mit Vergünstigungen lockte und diese tatsächlich öfter auch einhielt.  Übrigens: Ab wann man von „Deutschland“ reden kann, ist ja immer noch in der Wissenschaft umstritten. 1803 ff gab Kaiser Franz die Krone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ab, und in diesem Römischen Reich lebten Italiener, Deutsche, Tschechen, Juden, Polen, Preußen, Württemberger, Sachsen, Bayern, Kroaten, Ungarn unter der nominellen Oberherrschaft eines Österreichers – was ist also damals „deutsch“?

Die Wanderung der Menschen aus deutschsprachigen Gebieten mit Kind und Kegel war jedenfalls keine national motivierte Eroberung („National“ war erst später dran, in Deutschland bekanntlich ja sehr spät, vielleicht zu spät, und deshalb besonders brutal).

Die Deutschen in ihrer neuen Heimat jedenfalls waren tüchtig und meistens auch erfolgreich, sie haben immer wieder mit segensreichen Erfindungen auf sich aufmerksam gemacht. Einige wurden über die Grenzen der neuen Heimat hinaus bekannt.  Sie haben dort wirklich etwas geleistet, waren oft auch geschäftstüchtig, wohl auch nicht selten zum Wohle der Menschen ihrer Umgebung jenseits ethnischer Zugehörigkeiten (Weinanbau im Kaukasus, Entdeckung der Mendel`schen Vererbungsgesetze in Brünn, Ausbau der Textilindustrie in Lodz etc.). Das macht die Ausstellung überdeutlich.

Damit kommen wir andererseits aber auch zu dem, was dieser Ausstellung fehlt, zum Beispiel:

Wer lebte da jeweils noch?

Und warum um Gottes willen leben die Deutschen da nicht mehr oder nurmehr vereinzelt?

Was ist denn da passiert? Was hat diese Jahrhunderte lange, ganz überwiegend friedliche Entwicklung in Siebenbürgen, im Banat, in Galizien, in der Bukowina, in der Gottschee, im Baltikum, in der Ukraine, an der Wolga, im Kaukasus  nicht nur gestoppt, sondern ungeheuer gewalttätig umgedreht?

Die verderbliche Halbbildung und die Minderwertigkeitskomplexe eines Adolf Hitler haben eine Jahrhunderte lange, friedliche Entwicklung erst maßlos und frevelhaft übertrieben und teleologisch (also auf ein Ziel hin) umgedeutet und dann Gegenkräfte hervorgerufen, die die Deutschen, v. a. wo sie in der Minderheit waren (aber auch sonst), kollektiv für diesen Scheißkerl (und andere mittlerweile deutsche und österreichische Scheißkerle)  haben büßen lassen. Dieser Hinweis fehlt zwar nicht ganz, aber man muß ihn schon sehr genau suchen.

Die seit dem 11. Jahrhundert in ihre neuen Heimaten gerufenen Menschen hatten keine Erweiterung des Deutschtums, keine Kolonialisierung ihrer neuen Wohnsitze und der in unmittelbarer Nachbarschaft wohnenden Menschen für „Deutschland“ im Sinn. Das haben Ideologen der pan-germanischen Bewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert, diese Menschen vereinnahmend, hineingedeutet, Adolf Hitler inklusive.
Aber man kann diese Geschichte der Deutschen außerhalb Deutschlands nicht nur aus der Perspektive ex post (also aus dem Nachhinein, aus späterer Perspektive, hier nach 1945) sehen. Das macht diese Ausstellung schon ganz richtig. Man sollte sie allerdings sehr wohl auch ein bißchen ex post sehen. Ein bißchen mehr als diese Ausstellung das tut, allemal!

Vielleicht ist diese Ausstellung dafür zu klein. Aber warum ist sie das? Das muß sie doch gar nicht sein!

Sicher will sie irgendwie trösten. Das kann man verstehen. Sicher ist sie zu betulich. Irgendwann verläuft sich die schöne Geschichte der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Ihr Schicksal (und die Verbrechen dann auch auf der anderen Seite) nach dem 8. Mai 1945 scheint nur in einer umfassenden Bevölkerungsstatistik am Ende der Ausstellung auf. Das läßt auch Platz für allerlei Dumpfes.

Und sonst? Es ist ein bißchen eine Kindergartenausstellung. Aber auch Kinder müssen noch ein bißchen mehr vermittelt bekommen als: Ach, schön war die Zeit, gut und tüchtig war der Deutsche, er hat mit seinem Fleiß und seiner Korrektheit stets ein Idyll geschaffen, auch jenseits seiner angestammten Gebiets-Grenzen, ein Vorbild allemal und allerorten. Nur leben tat er scheinbar im luftleeren Raum. Wenn das Miteinander mit anderen Ethnien so friedevoll war (mit den Juden in Cernowitz beispielsweise), warum liefert dann kein einziges Foto den schönen Beweis? Das wünscht man sich auch, das wäre beispielgebend für`s hier und Heute und würde so manchem Revanchisten auf beiden Seiten ein bißchen das Maul stopfen.

 

Kommentare

Bild von globe-M

Die Deutschen haben sich

Die Deutschen haben sich echt alles verdorben. In lächerlichen 12 Jahren wurde das jahrhundertlang Erarbeitete das Klo runtergespühlt. Hitler war ein Idiot.

Ein wunderbarer Text. Danke.

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