Schon wenige Stunden nach seinem Konzert in der Münchener Residenz saß Denis Matsuev im Flieger nach Rom, wo er am folgenden Abend Rachmaninow spielen sollte. globe-M ist es dennoch gelungen, in dieser knappen Zeit dem russischen Starpianisten einige Fragen zu stellen.
globe-M: Das begeisterte Publikum im Herkulessaal ließ Sie erst nach der achten Zugabe gehen. Von der Stimmung her sah es nach noch mehr Zugaben aus, aber Sie haben das Publikum ganz schön aus dem Konzept gebracht, indem Sie nach einer Folge atemberaubend virtuoser Stücke eine reine Jazzkomposition vortrugen. Man konnte regelrecht sehen, wie verdutzt manche Zuhörer waren.
Denis Matsuev: (lacht) Ich liebe nun mal Jazz. Sagen wir mal so: Wenn die Klassik meine Frau ist, ist die Jazzmusik meine Geliebte.
globe-M: Was genau fasziniert Sie am Jazz?
Denis Matsuev: Es ist die hohe Kunst der Improvisation. Generell ist „Improvisation in der Interpretation“, wie ich es nenne, ein unerlässlicher Bestandteil meiner Konzerte. Wenn ich ein Stück spiele, geschieht es jedes Mal anders. Auch in einem Konzert mit einem Orchester muss es diese Freiheit geben. Die großen Dirigenten wie Valery Gergiev, Yuri Temirkanov, Zubin Mehta oder Kurt Masur, mit denen ich zusammenspielen durfte, besitzen die Gabe, solche Improvisationen des Solisten vorherzuahnen und das Orchester entsprechend zu lenken.
Denis Matsuev im Herkulessaal am 19. Dezember 2011. Foto © Thomas Straub
globe-M: Würden Sie gern selbst am Dirigentenpult stehen?
Denis Matsuev: Man muss alles zum richtigen Zeitpunkt tun, wenn man der jeweiligen Aufgabe gewachsen ist.
globe-M: Hatten Sie schon mal eine Gelegenheit, das auszuprobieren?
Denis Matsuev: Lustigerweise ja. Ich sollte vor einiger Zeit in Genf ein Konzert von Schostakowitsch zusammen mit dem Orchester des Mariinski-Theaters unter der Leitung von Valery Gergiev spielen. Gergiev wollte an diesem Tag aus Israel kommen, wo aber wegen eines starken Unwetters keine Maschinen starten konnten. Mir blieb praktisch nichts anderes übrig, als neben dem Solopart auch die Leitung des Orchesters zu übernehmen. Es ist ein hervorragendes Orchester und die Kommunikation zwischen uns funktionierte sehr gut. Trotzdem habe ich es mit dem Fachwechsel nicht eilig.
globe-M: Das Programm, das Sie jährlich absolvieren, ist beinahe übermenschlich. 165 Konzerte waren es in diesem Jahr, dazwischen nehmen Sie noch Platten auf und engagieren sich bei fünf verschiedenen Festivals und zwei Stiftungen, die Nachwuchsmusiker fördern. Woher nehmen Sie die Kraft dafür, denn richtige Pausen gönnen Sie sich offensichtlich nicht?
Denis Matsuev im Gespräch. Foto © Thomas Straub
Denis Matsuev: Die Wahrheit ist, dass ein Konzert mich nicht müde macht, sondern beflügelt – besonders dann, wenn das Publikum meiner Musik wirklich folgt. Für dieses Phänomen habe ich sogar das Wort „Konzerttherapie“ kreiert: Viele Zuhörer würden auch sagen, dass es ihnen nach einem Konzert besser geht. Und auch ich schöpfe Kraft und Inspiration aus der Kunst.
globe-M: Denis, wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Denis Matsuev: Auf der Bühne natürlich! Wo sonst…
Das Gespräch führte Victoria Belikova
Fotos von Thomas Straub
Wir bedanken uns bei Silke Zimmerman für die Ermöglichung dieses Interviews.