Justinus Pieper trifft ... Christian Glass

Der Galerist Christian Glass

Christian Glass ist ein Galerist mit Geschmack. Seine kleine, aber feine Galerie liegt in der vornehmen Pariser Straße in Berlin-Wilmersdorf. Hier hat er mit steigendem Erfolg junge Künstler ganz unterschiedlicher Richtungen im Programm.  

Die Hintergründe

Globe-M: Herr Glass, warum sind Sie Galerist?
Christian Glass: Das hat sich so ergeben. Das hängt auch mit meinem Werdegang zusammen. Ich bin gelernter Komponist, ich habe Komposition in Bremen bei Younghi Pag-Paan studiert. Wir waren damals im Studium sehr am interdisziplinären Arbeiten interessiert, vor allem mit der Zeitmedienklasse. Bild und Klang standen für mich schon damals gleichwertig gegenüber.
Es gibt Schlüsselmomente, die mich zu diesem Studium geführt haben – und dann die Bildende Kunst zum Zuge kommen zu lassen.
Ein wunderbares Schlüsselerlebnis war mein erster Kontakt zu John Cage. Mein Bruder und ich waren Wandern in den Dolomiten und auf dem Rückweg haben wir in München Station gemacht und sind ins Haus der Kunst gegangen. Und da wurde gerade eine Ausstellung gezeigt mit Werken aus dem hauseigenen Bestand, kuratiert von John Cage. Das war mein allererster Kontakt zu dieser Szene. Es muss Ende der Achtziger gewesen sein, ich war vielleicht 15 Jahre alt.

Globe-M: Was hat Sie da so fasziniert?
Christian Glass: Ich bin in klassischer Musik erzogen worden. Ich war damals zum ersten Mal mit der Idee konfrontiert, dass man Zufall – Random – gestalterisch einsetzen kann und dabei Neues und in seiner Neuheit ungesehen Schönes hervorbringen kann, motivisch oder auch formal. Dass sich dieser formbildende Gedanke auf weite künstlerische Bereiche übertragen lässt, sei es ein Musikstück oder eben die Konzeption einer Ausstellung. Ich habe auf einmal ein ganz anderes Gefühl für Form bekommen. Das war erst mal schockierend. Und dann aber auch faszinierend. Mit Cage habe ich mich dann lange auseinandergesetzt.

Globe-M: Schockierend, weil es nicht formal war?
Christian Glass: Im herkömmlichen Sinne nicht formal. Konkret: Cage hat den Bestand des Museums genommen und durch ein Zufallsprinzip neu angeordnet. Und dann hing ein Alter Meister neben einem hochabstrakten Gemälde. Das musste auch, wenn ich mich richtig erinnere, jeden Tag neu ausgewürfelt werden und dann auch neu gehängt werden. Das war wahnsinnig aufwändig. Das war einer meiner ersten Kontakte zur zeitgenössischen Musik – und auch übergreifend zur Bildenden Kunst, zum Happening und Fluxus.

Globe-M: Nun ist das ja schon eine Weile her – die Galerie hier aber ist recht neu. Dazwischen war das Kompositionsstudium – und dann?
Christian Glass: Ich bin vor neun Jahren nach Berlin gekommen – habe damals in einer Künstlerkommune im tiefsten Osten gewohnt.

Globe-M: Wo?
Christian Glass: In Schöneweide. Das ist ganz beliebt bei Künstlern, da gibt es Platz und vor allem bezahlbaren Platz für Ateliers.
Dann habe ich ein zweites Studium angefangen: Musik und Medien an der Humboldt-Universität plus Philosophie. Da habe ich mich dann noch mal anders mit Bildauffassung und Bildrezeption auseinandergesetzt und die Theorie gelernt.

Der Gründer - Keine Scheu vorm Risiko

Globe-M: Und dann kamen Sie auf die Idee, eine Galerie aufzumachen. Ist ja auch ein Risiko.
Christian Glass: Ja. Ja. Ja. Das ist wohl wahr. Ich bin allerdings nicht mit dem Gedanken, dass das ein Risiko sein könnte, da rangegangen und das war vielleicht auch ganz gut so. Sonst hätte ich es vielleicht nicht gemacht.
Aber ich bin froh, die Räume hier gefunden zu haben. Etwas ab vom Galeriehaupttrampelpfad Mitte, aber vielleicht ideal, um zu starten und ausprobieren zu können. Ich habe in meinem Freundeskreis eine Menge Künstler, Musiker, Maler, Bildende Künstler und anfangs stand der Gedanke im Raum, mit ihnen diesen Ort zu teilen, zu bespielen. Aber dann musste ich mich entscheiden, soll dies hier nur ein Projektraum sein, oder doch eine Verkaufsgalerie? Entschieden habe ich mich für letzteres, sonst wäre der Spaß nach einem halben Jahr zu Ende gewesen. Denn die Kosten läppern sich natürlich.

Kriterien

Globe-M: Nach welchen Kriterien suchen Sie die Künstler aus, die bei Ihnen ausstellen?
Christian Glass: Ich fahre zur Zeit noch nicht so das ganz spezielle Programm. Ich mache also nicht nur Installationskunst oder nur Foto, oder überhaupt kein Foto und nur Klanginstallation. Ich lasse das offen, und will das noch gar nicht festlegen. Ich bin ja in der glücklichen Lage, das alles ausprobieren zu können.

Globe-M: Sie nehmen aber nicht nur Ihre Freunde…
Christian Glass: Nein, das hat sich auch weiterentwickelt. Das waren am Anfang, also vor einem halben Jahr noch so, das hat sich aber verselbständigt.

Globe-M: Können Sie schon sagen, was wohl die Kriterien an Kunst und vielleicht auch an Künstlern sind, die einen Verkaufserfolg vielleicht nicht garantieren, aber doch beschleunigen mögen?
Christian Glass: Also ich glaube, dass ein hohes Maß an Professionalität dazugehört. Nicht nur, dass einfach jemand sagen kann, er habe einen wunderbaren Traum, sondern der Künstler muss sich auch selbst organisieren können und sollte strukturell denken und arbeiten können. Und das auch auf Zeit! Also nicht auf eine Ausstellung hinproduzieren – das kann er machen, wenn er berühmt ist, aber nicht vorher. Vorher muss ein Konzept da sein.

Globe-M: Auch Geschäftstüchtigkeit.
Christian Glass: Ja. Eine Selbstvermarktungsprofessionalität. Und ein gewisses Maß an positivem Denken – ich mein das nicht esoterisch, sondern als Wille, dass es klappt! Nicht herangehen und sagen, das läuft eh alles nicht.

Aus dem Nähkästchen

Globe-M: Haben Sie diese Erfahrungen schon bei Künstlern gemacht?
Christian Glass: Ich habe Einiges erlebt in diesem halben Jahr!

Globe-M: Erzählen Sie mal!
Christian Glass: ….

Globe-M: Sie möchten dabei natürlich keinen Namen nennen.
Christian Glass: Na, wenn auf den allerletzten Drücker hier Kunst ankam und dann noch in der Galerie gerahmt und auch geschnitten wurde, gleichzeitig der Künstler aber eine außerordentliche Ansprüchlichkeit mir gegenüber an den Tag legte – das hat mich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs geführt, vor allem wenn das ein oder zwei Tage vor der Vernissage stattfindet. Das geht nicht! Positiv aber ist, dass es Künstler gibt wie Remo Lotano oder William Dimmitt, auch ein Amerikaner, ich weiß nicht, ob da ein Zusammenhang besteht, die beide ganz professionell und strukturiert arbeiten. Mit denen macht das Arbeiten Freude. Auch mit Larissa Aharoni, die Künstlerin, die ich im Oktober ausstelle. Die hat einen guten Background, hat an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert, war Meisterschülerin bei Prof. Herold und und und.

Erfolgsregeln und der Umgang mit Konkurrenz

Globe-M: Also jemand, der das Handwerk beherrscht, weil er es gelernt hat. Gibt es ein paar Spielregeln, vielleicht sogar Grundregeln des Erfolgs, die man auch als Galerist beherzigen sollte, vielleicht muss?
Christian Glass: Ja. Ich glaube, man muss seinerseits strukturiert und bei der Sache konzentriert sein. Und sich von irgendwelchen Stressmomenten nicht durcheinanderbringen lassen. Selbst immer im Zeitrahmen bleiben, gerade mit der Presse. Da gibt es ja einen langen Vorlauf und Deadlines. Wenn man das nicht einhält wird man abgestraft. Es gibt ja noch 500 andere Galerien in Berlin.

Globe-M: Das Problem Konkurrenz. Wie arrangieren Sie sich mit andern Galeristen, gerade hier in der Straße?
Christian Glass: Sehr kollegial. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen von der Galerie gegenüber, das ist ja eine alteingesessene Galerie. Da gibt es auch keine Konkurrenz, wir koppeln unsere Ausstellungseröffnungen immer. Der Kollege macht aber auch ein ganz anderes Programm.

Globe-M: Streut dieses kollegiale Moment auch weiter, also auf andere Galeristen in der Umgebung?
Christian Glass: Eigentlich nicht, leider. Vielleicht liegt das auch ein bißchen an mir. Ich komme, seit ich hier arbeite, viel weniger raus, in die Szene, das muss sich ändern. Das geht wegen der Messe im Moment nur schwer.

Globe-M: Laden Sie die doch mal ein.
Christian Glass: Ja. Da gibt es eine Kooperation mit der Galerie Brockstedt, die den nächsten Galerierundgang Charlottenburg-Wilmersdorf am 28.10.2010 organisiert. Allerdings die so genannten  A-Galerien, die in der Fasanenstraße Richtung Ku’ damm angesiedelt sind, die beteiligen sich da nicht dran, denen ist das einfach wurscht. Noch! 

Globe-M: Ketzerische Frage: Wieviel Prozent nehmen Sie?
Christian Glass: Ich mache fifty-fifty. Das ist fair. Obwohl es auch andere Deals gibt. Ich kann mittlerweile beides verstehen. Ich weiß ja, was das für ne Arbeit ist, im Betriebsablauf, kritische Momente oder Phasen zu überbrücken. Man weiß ja auch nicht im voraus, wie sich eine Ausstellung verkauft.

Globe-M: Was möchten Sie mit Ihrer Galerie erreichen?
Christian Glass: Ich möchte meinen Enthusiasmus behalten und auch weitergeben. Mein einziges Programm ist: Es muss auch mir gefallen. Ich muss dahinterstehen können. Der Enthusiasmus, den ich den Werken entgegenbringe, möchte ich behalten. Dass ich nicht eben nur verkaufe, sondern auch dahinter stehe. Dass ich auch mal was eher Schwieriges, Ungefälliges bringen kann.

Globe-M: Sie sind von Hause aus Komponist, also Experte für Klanginstallationen. Und sonst? Nach welchen Maßgaben und Kriterien qualifizieren Sie die übrige Kunst?
Christian Glass: Das ist ein ganz großes Erfahrungswissen. Ich wüsste auch nicht, wo man das studieren könnte. Die meisten sind ja ohnehin Quereinsteiger. Oder sie kommen aus einer Galeristenfamilie, klar, das kommt auch hin und wieder vor.

Globe-M: Ich finde ohnehin, Sie haben eine glückliche Auswahl getroffen. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Justinus Pieper.

Christian Glass und seine Galerie im Internet:

www.galerie-glass.de

Expertenstimmen Archiv