Justinus Pieper trifft ... Uwe Steimle

Uwe Steimle

Uwe Steimle spielte in über 30 Folgen des unter seinem maßgeblichen Einfluß sozialkritischen Polizeirufs 110 den Kommissar Jens Hinrichs. Zudem hat sich Uwe Steimle als sächsischer Kabarettist einen Namen gemacht. Umwerfend komisch: Uwe Steimle als Günther Zieschong aus der Ostalgie-Serie des MDR. Mit seinem Programm "Hören Sie es riechen?" ist er an allen namhaften Häusern der Republik zu Gast, so auch bei den Berliner Wühlmäusen.

 

 Der kritische Kommissar

 

Globe-M: Sie haben einige Groupies in meinem Freundeskreis.  Und als Hauptkommissar im Polizeiruf finde ich Sie eine Wucht!

Uwe Steimle: Fand ich – Vergangenheit!

Globe-M: Na, es kommen ja immer noch Wiederholungen!

Uwe Steimle: Das lässt sich anscheinend nicht vermeiden. Das ist ja das Interessante beim Internet und beim Fernsehen, die Medien haben ja selbst im Schattendasein, wo manche hingesetzt werden, die Funktion, dass man doch nicht ganz in Vergessenheit gerät. Und ich sage, ungefragt, dass ich solche Rollen wie den Polizeirufkommissar nie für mich gespielt habe, sondern es ging mir immer um die Sache.

Globe-M: Wollen Sie das konkretisieren – die Sache?

Uwe Steimle: Da kann ich Ihnen als Beispiel sagen: Ich hab gestern in der Ankündigung gesehen, dass in Wismar die große Werft privatisiert wurde, an Spekulanten verkauft werde. Wenn ich höre, dass zweieinhalbtausend Arbeitsplätze an der Werft zur Verfügung stehen, dann ist das ganz schlimm – und solchen Themen hat sich der Polizeiruf oder der Tatort gewidmet – weil der muss die Gesellschaft immer kritisch begleiten. Und da muss man eben auch fragen, wie kann so was entstehen und das nicht nur verpacken in so lustige Begebenheiten wie „Um Himmels willen, Herr Pfarrer!“
Ich wünschte mir noch viel mehr die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Und da droben in Mecklenburg-Vorpommern – das ist eben nicht nur ein Anhängsel vom Stadtstaat Hamburg, sondern das ist eine Heimat für viele Menschen; und für viele Menschen ist auch die Arbeit Heimat – und das, find ich, geht mir sehr verloren! Also es geht nicht darum, über marodierende Banden aus Russland zu berichten, der Feind steht garantiert nicht hinter dem Ural!

Globe-M: Sie spielen an auf Ihre Auseinandersetzung mit ARD-Programmdirektor Volker Herres?

Uwe Steimle: Ach, nach anderthalb oder jetzt bald zwei Jahren auf eine Auseinandersetzung anzuspielen – ich sag’ s mal sächsisch – mir sind nicht nachtragend – aber wir vergessen auch nichts!

Der Vielseitige

Globe-M: Ein guter Spruch. – Herr Steimle, Sie sind ungeheuer vielseitig und in vielen Sujets erfolgreich – wären Sie womöglich noch erfolgreicher, wenn Sie sich auf eines konzentrieren würden, oder befeuert der Erfolg in einem Fach auch den Erfolg im anderen?

Uwe Steimle: Sowohl als auch – weil ich betrachte die Welt und auch mein Leben in allererster Linie als spielerisch. Und wenn ich das nicht mehr machen würde, wenn die Pflicht, die Ketten zu stark würden… Man hat ja in Deutschland die Schwierigkeit, wenn jemand sowohl Kabarettist ist, aber eben auch schauspielerisch unterwegs ist, dann weiß man immer nicht genau, ist der nun u oder e und dass auch u und e vielleicht auch ü werden könnte, darauf kommt gar niemand.
So habe ich grade in Österreich gedreht …

Globe-M: Geh hearns af, wo denn?

Uwe Steimle: In der Steiermark. Da gab es einen lustigen Film, der hieß: „Und Bollywood kam in die Berge.“ Zum Dodlachen.

Globe-M: Da wird wohl viel gesungen?

Uwe Steimle: Ja. Hindi, und Schuhplattler, das mischt sich dann, vor der Kulisse der Berge – zusammen mit Alexandra Neldel – herrlich. Ich könnte sicherlich erfolgreicher sein, aber ich bin jemand, ich warte immer ooch. Ich hab so ne Mischung zwischen selber losmachen und abwarten können, bis man gerufen wird. Ich bin ja noch ein Kind der alten DDR.

Globe-M: Das sagen auch die alten Griechen – in den richtigen Zeiten den Kairós abwarten können – das ist ja auch eine hohe Kunst.

Uwe Steimle: Ja! Ich bin aber auch zufrieden. Ich will nie vergessen: Ich habe Glück gehabt. Wie viele meiner Kollegen sind mindestens genauso gut und hatten nicht das Glück, dass sie berufen wurden, entdeckt wurden. Volker Herres… ich darf auch nicht vergessen, Doris Heintze, die mir die Möglichkeit gegeben hat und einen guten Blick gehabt hat und gesagt hat, den Steimle, den frechen Hund, den wollen wer ham.
Verstehen Sie? Es hat nie immer nur einer recht, und der andere nur unrecht. Und insofern – es geht mir gut und ich hoffe dasselbe auch von meinen Feinden.
(Heiterkeit)

 

Ganz wichtig: Freunde

 

Globe-M: Kommen wir zu Ihren Freunden: Wie wichtig ist Ihnen Freundschaft?

Uwe Steimle: Ganz wichtig. Vorhin ist ja grad einer gekommen, deshalb haben wir das Interview ja auch etwas verschoben. Freundschaft ist lebensnotwendig, ich bin ein Individuum, aber die andere Hälfte ist mindestens genauso wichtig – soziale Kontakte. Ich sag immer: Die größte Strafe ist Schweigen!

Globe-M: Das sagt meine Partnerin auch immer.

Uwe Steimle: Das ist wirklich so. Und da bin immer froh, wenn ich Freunde habe, wo man sich das von der Seele reden kann. Früher gab`s dafür nen Pastor, heute muss man schon weit gucken, bis man einen findet, der nicht nur einem zuhört, sondern einem auch uneigennützig hilft. Man hat ja gesagt, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Geisteswissenschaften sei. Und wenn Sie sich mal angucken, die wollen an das Gehirn ran. Und da werde ich ganz gläubig und sage: Herr! Das wird auch nicht geschehen, die werden nicht dahinter kommen, denn es ist jedes Individuum, jeder Mensch, so etwas Besonderes, dass man es nicht in eine Form pressen kann.

Globe-M: Ich hoffe das.

Uwe Steimle:  Ich hoffe das auch.  Es gibt doch nicht nur so Führungspersönlichkeiten, sondern es gibt tatsächlich auch Leute, die Führung benötigen – ich meine das jetzt im allerbesten Sinne. Es können nicht alle Superindividualisten sein, die alle selbst versichert sind – viele brauchen auch die Hilfe. Und wenn die Starken nicht mehr auf die Schwächern achten und ihnen helfen – dann stimmt hier was Grundlegendes nicht. Das ist auch mein Antrieb für Kabarett und auch generell für meine Arbeit, dass ich versuche – ich bin auch kein Gutmensch, um Himmels willen, ja, sich selber nicht so wichtig zu nehmen und ausgleichend zu wirken.
Mein Egoismus geht mittlerweile auch schon so weit, dass ich gewisse Dinge für mich behalte und gar nicht mehr ausquatsche, weil sobald man eine Idee hat, wird das sofort vermarktet. Wenn ich das aber für mich behalte und einfach lebe und gar nicht an die Öffentlichkeit damit gehe, dränge und rufe "ich ich ich!", sondern es selbst materialisiere und lebe und nicht darüber quatsche, dann ist damit mehr geholfen als andersrum
Deswegen suche ich auch wenig die Öffentlichkeit. Wenn ich sie doch finde, freue ich mich natürlich.
Medial – was heißt eigentlich medial, so ein Unwort! Was soll das sein?! Dass ich in den Medien vorkomme und die Häuser voll sind – da sag ich auch – danke dem Herrn!

Globe-M: Ja.

Uwe Steimle: Danke dem Herrn!

Globe-M: Ja. Gibt es Freundschaft auch unter Kollegen?

Uwe Steimle: Joo. Joo. Und jetzt wo ich wieder Filme drehen, noch mehr.
Im Januar, so es der Herr will, werde ich „Sushi in Suhl“ drehen.
Nu? Und da melden sich schon wieder Kollegen, von denen ich schon lange nichts mehr gehört habe.

Globe-M: Ist das dann noch Freundschaft oder nur Zweckfreundschaft?

Uwe Steimle: Ich weiß es nicht. Ich bin doch manchmal auch so. Die sind alle aus den Jugendtagen. Aus der Schule – und wenn ich die sehe, da ist mein Gehirn sofort wieder in denselben Strukturen von damals.
Das ist eigentlich auch irre. Das wird sofort aktiviert und ich denk dann wieder wie ein Siebzehnjähriger. Irre!

Globe-M: Fallen Sie dann womöglich. auch in alte Rollenmuster zurück?

Uwe Steimle: Ja. Und die ooch.
Bei Klassentreffen: Da sieht man erst, wenn man in das Gesicht von anderen sieht, wie alt man selber ist. Der Spiegel sagt nicht die Wahrheit. Alles Quatsch.

Globe-M: Man hat sich bei sich ja schon daran gewöhnt!

Uwe Steimle: Ja! Der Witz ist, wenn man eine Weile mit denen gesessen hat, werden die wieder jung.
Absolut irre.

Globe-M: Und Sie werden auch wieder jung?

Uwe Steimle: Ja! Lob der Dialektik!

 

...und die Krise?

 

Globe-M: Kennen Sie künstlerische Krisen, und wenn es nur ein Krislein ist – wie gehen Sie damit um?

Uwe Steimle: Ja.

Globe-M: Machen Sie einen Dauerlauf, oder, Sie sind ja gelernter Industrieschmied, betätigen Sie sich dann mit dem Hammer?

Uwe Steimle: Nein – wenn ich merke, ich komme in einer Richtung nicht weiter – dann betätige ich mich in einer anderen Richtung. Also wenn ich merke, ich komme mit dem Kabarett nicht weiter, dann setze ich mich hin und schreibe zum Beispiel an meinen Kindheits- und Jugenderinnerungen weiter. Denn man wird ja auch älter – selbst ich.
Gott sei Dank muss man ja sagen, denn sonst wär Schluss!
Man soll aber auch nicht verklären, nach dem Motto: Früher war`s schöner – aber noch früher war`s noch schöner.

Globe-M: Schöner Spruch. Befeuern Sie eher gesellschaftliche Veränderungen als Kabarettist oder sind Sie eher ein Ventil für den Ärger Ihres Publikums – und wird so der Druck dort nie groß genug, dass sich etwas ändert?
Oder haben Sie eher den Eindruck, dass Sie mit den im Polizeiruf oder von Herrn Zieschong angesprochenen Themen diese dann ins Bewusstsein der – reagierenden – Öffentlichkeit rücken? Und sich dann doch was ändert?

Uwe Steimle: Also … das ist komplex! Also erst mal glaub ich, dass ich mein eigenes Ventil bin. Das heißt, ich spreche nicht für irgend jemanden, sondern ich spreche in allererster Linie für mich und verpacke es dann in die Figur. Weil ich als gelernter Schmied aus dem Stahlwerk komme und weiß, wie man im Stahlwerk spricht. Und dass ich das immer noch kann, beweist möglicherweise, dass ich immer noch geerdet bin, mich mit diesen Problemen beschäftige. So wie ich immer noch behaupte, bei mir würde nur der Bundeskanzler werden, der mit 1500 Euro im Monat eine dreiköpfige Familie ernähren kann. Die anderen schwafeln von Dingen, von denen sie keine Ahnung haben. Ich würde auch dafür sorgen, dass im Bundestag zehn Arbeiter vertreten sind, die auch mal aus ihrer Sicht erklären können, um was es geht. Was uns das Genick brechen wird ist der Wachstumswahn. Und der Kapitalismus basiert nur auf Wachstum. Deshalb kann der Kapitalismus nicht das Ende der Fahnenstange sein.

Globe-M: Der Kapitalismus wird mit der globalen Naturzerstörung seine Grundlagen zerstören.

Uwe Steimle: Richtig! Wir können nur versuchen, dass wir das noch möglichst lange hinauszögern. Wie sagt Luther – wenn morgen die Welt zusammenbricht…

Globe-M: …werde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Uwe Steimle: Richtig – daran halte ich mich bis heute. Schön. - Wissen Sie was mich auch freut?

Globe-M: Bitte?

Uwe Steimle: Ich kann mich doch nicht hinstellen und sagen, ich verändere die Welt – was soll den das?! – Nee!! Ich bin doch auch nicht überheblich. Ich freue mich am allermeisten, wenn mir Leute entgegenkommen und feststellen – den Kommissar gibt es gar nicht mehr, da sagt jemand danke, was Sie gemacht haben – solche Kommissare gibt es gar nicht mehr im Fernsehen.
Wenn sich das Publikum bei mir bedankt, ist das für mich Lohn genug. Ich weiß doch nicht wie ich wirke. 
Ich habe einen wunderbaren Satz, den sollte sich jeder Künstler mal anschauen, der stammt von Glenn Miller: Der sagt: Ich habe zehn Jahre gebraucht um herauszufinden, was mein Publikum möchte. Denn ich bin für das Publikum da, und nicht umgekehrt. Die ermöglichen es mir, dass ich leben kann.

 

Unter Sachsen

 

Globe-M: Jetzt habe ich noch eine halbwegs persönliche Frage, Sie wohnen in Dresden.

Uwe Steimle: Grade so, am Rande, in Pillnitz!

Globe-M: Wo die Lebkuchen herkommen.

Uwe Steimle: Nee, das ist Pulsnitz! Pillnitz ist das Lustschloss von August dem Starken gewesen, wo die Gräfin Kosel residiert hat.

Globe-M: Man lernt nie aus. Sie kokettieren in ihren Figuren mit dem dort gesprochenen…

Uwe Steimle: Dialekt!

Globe-M: Richtig! Und das macht auch einen Teil des Reizes und Witzes dieser Figuren aus –

Uwe Steimle: Nu!? - Ehe ich es vergesse, habe ich herausgefunden, dass das Wort Hedgefonds aus Sachsen kommt.

Globe-M: Wie bitte?

Uwe Steimle: Hätt isch Fonds – bräucht ich nimmermehr zu arbeiten
Nu?

Globe-M: Ah, so ist das.
Uwe Steimle: So führt sich alles im Endeffekt auf das Sächsische zurück! Was übrigens auch stimmt, weil ohne das Sächsische hätte es die deutsche Sprache, das Hochdeutsch, nicht gegeben.

Globe-M: Sie meinen jetzt Luther –

Uwe Steimle: Nu?  Richtig! Wird immer so runtergeguckt auf die Zone, DDR, aus Sachsen…alles Quatsch – wer sich erhebt, wird fallen. Alles Quatsch. Immer schön auf dem Teppich bleiben. Und auch alle Dialekte lieben, die sind wichtig, weil Dialekt ist immer Heimat!

Globe-M: Als Sachse unter Sachsen, mit sächsischem Dialekt und sächsisch sprechenden Kabarettfiguren: Nehmen Ihnen das manche Ihrer Landsleute übel?

Uwe Steimle: Ja. Ja. Ich habe also nicht nur Freunde, also manche sagen, geh doch nach drüben, wo immer das sein soll, und die nehmen weniger das Sächsisch übel, sondern dass ich jemand bin, der immer noch in der Vergangenheit wühlt. Es gab nicht nur DDR, davor war auch noch was! Ich sag immer, wer nicht weiß, woher man kommt, weiß nicht, wohin die Reise geht.
Wenn man dumm geboren wurde, dafür kann man nichts. Aber wenn man auch noch dumm stirbt … Also im Humboldtschen Sinne hat man auch die Verantwortung, sich selbst zu bilden.
Der Staat hat mich nicht…! schreien viele. Na und? Ich bin auch nur ein Arbeiterkind – was heißt nur! Bis 30 kannste jammern, aber dann heißt es Arschbacken zu und los. Da rufen sie, oh mein Leben ist schief gegangen! Wer ist schuld – aber hallo – es wär doch Scheiße, wenn alles immer glatt liefe. Wenn immer alles glatt läuft, entstehen keine Persönlichkeiten! Wichtig ist nur, dass man nicht verbittert!

Globe-M: Das war ein schönes Schlusswort. Herr Steimle, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Justinus Pieper.

  

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