Kunstkritik, das ist heute oft ein Teil der Werbung im Kulturbetrieb. Der Kritiker als Mitglied der Szene oder als provozierender Bösewicht. Dass Kritik aber mehr sein sollte, das finden die Initiatoren des Art Critics Award, der soeben zum vierten Mal vergeben wurde. Wir sprachen bei der Preisverleihung in Wien mit dem Laudator Diedrich Diederichsen.
globe-M: Was ist das besondere an diesem Preis, und warum sollte er weiterhin vergeben werden?
Diedrich Diederichsen: Dieser Preis hat verschiedene angenehme Seiten. Eine wesentliche ist, dass er den Begriff Kunstkritik nicht für eine klar gegebene abgeschlossene Sache hält, sondern ihn bei jeder Preisverleihung neu definiert. Der Ausgangspunkt ist nicht: es gibt ein ewiges Feld der Kunstkritik, und das bringt immer wieder neue Kritiker oder Kritikerinnen hervor, und denen gibt man einen Preis. Sondern jedes mal wird definiert, welche Subdisziplin, welche bestimmte Funktion der Kunstkritik gefragt ist, und auf diesem Gebiet wird nach jemandem gesucht. Das ist eine sehr intelligente Vorgehensweise, und deswegen sollte der Preis weiter vergeben werden.
globe-M: Die Zahl der publizierten Kritiken hat durch die technischen Möglichkeiten enorm zugenommen. Gibt es dennoch zu wenig Kunstkritik?
Diedrich Diederichsen: Der Punkt ist nicht die Quantität, sondern: gibt es genügend Kunstkritik, die darüber nachdenkt, was sie macht, die weiß, was sie tut und auch versucht auf die Verhältnisse so einzuwirken, dass sie eben bestimmen kann, was sie tut. Das ist eigentlich die Frage. Es gibt jede Menge Leute, die in Ausstellungen herumlaufen und dann sehr deskriptiv beschreiben, was sie da erlebt haben und vielleicht noch einen, meistens positiven, Satz am Schluss über die Gelungenheit schreiben. Das sind meist freundliche Kritiken und sicher 80 Prozent der Textmenge, von der Sie sprechen. Dann gibt es so eine Art 'Automatismus des Kritischen', der sich auf die andere Seite stellt, aber auch nicht viel bringt, weil alle Urteile schon vorentschieden sind. Es gibt sehr wenig Leute und sehr wenig Formen von Kritik, in denen man überrascht wird, unterhalten wird.
globe-M: Sie haben den Preisträger herausgehoben als einen "Kritiker der Kunst".
Diedrich Diederichsen: Mit "Kritiker der Kunst" habe ich gemeint, dass er eben nicht nur kritisch oder rezensierend einzelnen Kunstwerken gegenüber tritt, sondern dass er das Kunstsystem oder den Kunstbetrieb als Ganzes kritisiert. 'Die Kunst' verstanden als eine Institution, die man nicht einfach als gegeben hinnimmt und dann auf die jahrhundertelange menschliche Tätigkeit der Malerei oder so etwas verweist, sondern sie als eine konkrete, in einem gegebenen gesellschaftlichen Kontext fungierende Institution beschreibt und als solche kritisiert. Das halte ich für eine Voraussetzung von guter Kunstkritik, und es gibt nicht sehr viele Leute, die das leisten.
globe-M: Was sollte Ihrer Meinung nach mehr kritisiert werden? Der Kunstbetrieb oder die Inhalte?
Diedrich Diederichsen: Die Art und Weise, wie Normalität im Kunstbetrieb zustande kommt. Die Art und Weise, wie Routinen entstehen, die einem nicht mehr auffallen – das ist das, was ursprünglich einmal mit Reflexivität als Ideal von Kritik gemeint war. Kritiker beschränken sich jetzt häufig darauf, Bemerkungen darüber zu machen, unter welchen Bedingungen sie etwas gesehen haben. Es müsste weiter gehen! Es sollten nicht die Bedingungen, unter denen etwas entsteht betrachtet werden, sondern die Bedingungen, unter denen das entsteht, was einem nicht mehr auffällt. Das ist eigentlich die Aufgabe einer avancierten Kunstkritik.
globe-M: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Roland Opschondek
Foto: oro
Weitere Informationen
Zur Person:
Diedrich Diederichsen
Zu den Preisträgern:
Der Art Critics Award 2011 geht an den Theoretiker, Kurator und Kunstkritiker Christian Höller, der Junior Art Critics Award an Ines Kleesattel
Die basis wien ist ein Dokumentationszentrum zur aktuellen Kunst in und aus Österreich unter Berücksichtigung internationaler Kontexte. In analoger und digitaler Form werden Materialien zur Kunstproduktion, Präsentation und Rezeption archiviert. Die daraus gewonnenen Informationen werden in einer kostenfrei zugänglichen Online-Datenbank publiziert.
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Cooles Interview!
Cooles Interview! Merci.
Irena