Merkel, Westerwelle, Guttenberg: Alle waren sie da. Mit salbungsvoller Miene wallten die Amts‑ und Würdenträger vergangene Woche auf den grünen Hügel in Bayreuth, die Wagner-Festspiele zu eröffnen.
Wagners komisches Potential
Neben einem runderneuerten „Lohengrin“ ist seit einigen Tagen auch der „Ring“ zu belauschen. Eigentlich schade, dass alle ihre Feiertagsgesichter aufgesetzt hatten – dabei blieb Wagners komisches Potential in den letzten hundertfünfzig Jahren mehr als einmal unausgeschöpft.
Wenn es nicht der Meister selbst besorgte: Nicht nur die Verwandlungsalbernheiten im „Rheingold“ oder den Küchenschmarrn im ersten Akt des „Siegfried“ („Braten briet ich mir selbst: / deinen Sudel sauf' allein!“) kann man kaum ernst nehmen. Auch das mitunter schmerzliche Stabreimgeklapper – so heißt es in der „Walküre“: „Wer so die Wehrlose weckt, dem ward, erwacht, sie zum Weib!“ – legt den Verdacht nahe, dass der ganze hoch-heroisch-hymnische Hall des Leipziger Opernhelden von Zeit zu Zeit einen tüchtigen Stich verdient hätte.
Nestroy Altwiener Eskapaden
Johann Nestroy zückte jedenfalls als Erster die Nadel: Sein „Tannhäuser“, eine „Zukunftsposse mit vergangener Musik und gegenwärtigen Gruppierungen“ aus dem Jahr 1857 war direkt auf Wagners gleichnamiges Musikdrama gemünzt. Im Wiener Volkstheater, als dessen reinste Inkarnation Nestroy noch heute verehrt wird, waren derlei Parodien überaus häufig.
Nach Nestroy sollte die Handlung seiner verbesserten Gesangsposse „gleichzeitig in mehreren Jahrhunderten“ spielen, „der erste Aufzug an einer Champagnerquelle, der zweite anderswo und der dritte nach dem zweiten.“ Wiener Schmäh prallte da auf Leitmotivik, es gab Schrammelquartett statt Sängerkrieg, und die Venusgrotte wandelte sich zu einem Beisl in der Wiener Vorstadt.
Nestroys Besetzung bestand neben einem hanswurstigen Landgraf Purzl aus dem schlimm verballhornten Wolfram von Dreschenbach samt komplettem Feenballett. Aufs Korn genommen wurde auch Wagners Konzept der Zukunftsoper, weil man bei der, so heißt es in Nestroys Libretto, „am schnellsten seine Stimm ruinirt”.
Burleskes aus dem Haus Straus
Knapp fünfzig Jahre später nahm Oscar Straus den bunten Faden wieder auf und brachte 1904 die burleske Operette „Die lustigen Nibelungen“ auf die Bühne, die nicht nur auf übertriebene Deutschtümelei, sondern vor allem erneut auf Wagners Opern zielte.
„Er sieht so miesepetrig aus, und nicht wie sonst so munter – was hat er bloß, was hat er bloß, der gute König Gunther?“
Ja, was hat er nur? Angst hat er!
Gunther will die schlagkräftige Brunhild freien – doch die hat bislang alle Bewerber einfach totgehauen. Allein Siegfried, der Schaumweinfabrikant, kann dem Kraftweib beikommen – und darf Gunter später noch einmal beistehen, als es im ehelichen Bettgemach nicht so recht klappen will. Alles in rollenden Walzern, Märschen und Couplets serviert.
Als der Schwindel auffliegt, einigt man sich – anders als im Original – auf eine friedliche ménage à trois: Am Ende müssen sich Kriemhild und Brunhilde ihren Siegfried teilen: Kein Wunder, dass die slapstickartige Parodie deutscher Heiligtümer und Klischees in der NS-Zeit rasch verboten wurde.
Scherzworte der Paragraphenreiter
Doch auch der Faschismus hatte Spaß mit seinem Wagner: So verfasste Ernst von Pidde 1933 eine eher steifleinene juristische Abrechnung mit Richards „Ring“, in der Siegfried und Co. neben „Diebstahl, Verschleppung, Brandstiftung, Blutschande, Vergewaltigung und Entführung“ ein ganzer Strauß an Straftaten nachgewiesen wird. Und mit entsprechendem Sühnemaß versehen.
Nur die Rheintochter Floßhilde kommt ungeschoren davon und darf, vermutlich, ihre Hände in Unschuld waschen – oder im Rheingold, je nachdem.
Dergleichen bürokratischer Simplicissimus-Humor wird das neue Deutschland wohl mächtig amüsiert haben. Und auch das Deutschland 2010 – von Piddes „Richard Wagners ‚Ring des Nibelungen’ im Lichte des deutschen Strafrechtes“ ist, gähn, jedenfalls noch immer erhältlich.
Loriots Miniwagner
Erst nach der Wiedervereinigung gab es dann Erfreulicheres: 1992 schuf Loriot, unter dem Pseudonym Vicco von Bülow inzwischen in Ehren ergraut, den „Der Ring an einem Abend“. Loriots Digest-Fassung vermag es, den „Ring“ klug ein wenig schmaler zu drehen und dabei die wichtigsten Stellen zu bewahren.
Geschickt wird die entstandene Schnipseloper mit neuen Texten zusammengehalten, aus denen der Zuhörer beispielsweise Wissenswertes über die zwei Riesen Fafner und Fasolt („Bauunternehmer mit der Schuhgröße 58“) und Wotans Gattin Fricka erfährt („Sie neigt dazu, Dinge zu verurteilen, die anderen Freude machen: Zum Beispiel Ehebruch“).
Loriots Miniwagner jedenfalls zeigt, dass Götter auch nur Menschen sind. Was Menschen bekanntlich am liebsten hören.
Rosendorfers Ressentiments
Ganz aktuell darf man sich an Herbert Rosendorfers Buch „Richard Wagner für Fortgeschrittene“ (2008) halten, von dem es auch einen eher humorigen „Bayreuth für Anfänger“-Band gibt.
Rosendorfer erteilt Wagner, dem „sächselnden Denker in Barett und Bratenrock“ (W. Goertz), eine tüchtige Abreibung: Kein Charaktermangel bleibt da unerwähnt, die Kleinwüchsigkeit des Komponisten muss genauso herhalten wie Verschwendungssucht, Antisemitismus und Speichelleckerei. Über den Schriftsteller Wagners schreibt der Schriftsteller Rosendorfer, dessen Geschriftstellertes sei „schwerfällig, staubtrocken, ausufernd, milde gesagt: schwer lesbar.“
Aber seine Opern, die liebt Rosendorfer offensichtlich.
Scherz zum Schluss:
Und wer’s jetzt ganz genau wissen will, der muss wohl Andrea Schneiders – Luft holen – „Geschichte und Dokumentation Wagnerscher Opernparodien im deutschsprachigen Raum von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkrieges“ aus dem Jahr 1996 konsultieren.
Noch einer da?
Prima, jetzt kommt nämlich der Insiderscherz zum Schluss. Und der geht so:
Wotan: Was für Eier möchtest du zum Frühstück?
Erda: Weiche, Wotan, weiche –