Seit einigen Jahren findet in Düsseldorf die Lesereihe „Lesung in der Klause“ statt. Globe-M sprach mit Organisator und Schriftsteller Sven-André Dreyer über seine Intentionen und die Zukunft des gedruckten Buches.
Globe-M: Herr Dreyer, können Sie sich mit ein paar Sätzen unseren Lesern vorstellen?
Sven-André Dreyer: Mein Name ist Sven-André Dreyer und ich wurde 1973 in Düsseldorf geboren. Ich wuchs in Bilk auf und besuchte das Comenius Gymnasium in Oberkassel. Später studierte ich, trotz einer schlechten Erfahrung mit dem Schulfach Deutsch und der dazugehörenden Lehrerin, Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Meine ersten eigenen literarischen Texte waren eigentlich ein Abfallprodukt und dienten ursprünglich einem anderen Zweck. Ich spielte in einer Band und keines der Bandmitglieder wollte die Texte für unsere Stücke schreiben. Nach einiger Zeit jedoch löste sich die Band auf und übrig blieben meine Texte, die nun ohne Musik waren – verwaist sozusagen. Später bemerkte ich, dass die Texte auch ohne Musik funktionieren – eigentlich noch besser als mit Musik.
Mittlerweile habe ich insgesamt vier Einzelveröffentlichungen, Lyrik und Kurzprosa, in den Verlagen Edition PaperONE („Sechzehn seltsame Stunden“ (2007), „Langsamland“ (2008), „Freizeichen“ (2009) und Hochroth („Regen im Zelt“, (2009)) verlegen können.
Globe-M: Seit wann organisieren Sie die „Lesung in der Klause“?
Sven-André Dreyer: Die Lesereihe „Lesen in der Klause“ wurde im Juni 2006, damals noch ohne Titel und in unbestimmter Ausgabenstärke gegründet. 2008 habe ich die Frequenz erhöht und 2009 zu einer monatlichen Veranstaltung ausgebaut. Nach einer geografischen Neuorientierung im Januar 2010 findet die Lesereihe „Lesen in der Klause“ nun sehr erfolgreich in Rocco’s Bar statt.
Globe-M: Welche Intention steckt für Sie hinter der Organisation der Lesungen?
Sven-André Dreyer: Einerseits versuche ich Autoren und Nachwuchsautoren ein Forum zu bieten, um ihre Texte in Form alternativer, moderierter Lesungen einem interessierten Publikum vorzustellen. Grundsätzlich ist dabei jeder Literaturstil willkommen, ob Lyrik, Kurzprosa oder Romanauszug – jedem Autor obliegt die Wahl des Genres, das er vortragen möchte. Ich versuche durch meine Autorenauswahl dabei jeden Abend zu einer gesunden Mischung werden zu lassen.
Zudem bin ich bemüht, dem Publikum in bis zu zwölf Ausgaben pro Jahr möglichst vielfältige literarische Unterhaltung zu bieten. Dank der Bezuschussung durch das Kulturamt der Stadt Düsseldorf in den Jahren 2009 und 2010 konnte ich zahlreiche Autoren und Autorinnen für die Lesereihe gewinnen, manche sind bereits etabliert, manche von ihnen noch unbekannt.
Globe-M: Die Lesungen waren immer sehr gut besucht. Was muss man tun, um unter kulturellen Standpunkten die Menschen dazu zu bewegen, zu einer Lesung zu gehen?
Sven-André Dreyer: Zunächst muss man versuchen, den Menschen die Angst und Scheu vor Lesungen zu nehmen. Viele haben Angst vor zu verkopften Lesungen á la der in Loriots Film „Papa ante portas“ dargestellten Lesung. „Krawehl, krawehl“, so dichtet der Charakter Lothar Frohwein in dem Film nach einem Schluck stillen Wassers auf einer Lesung des dortigen Kulturkreises – und genau so habe ich mir Lesungen auch immer vorgestellt: Horror. Ich möchte gern zeigen, dass Literatur, ansprechend und modern vorgetragen, auch Spaß machen kann, dass man dabei auch mal richtig ablachen kann. Mir war es von Anfang an wichtig, mit hohem Anspruch Literaten auszuwählen, die das Publikum mit ihren Texten einerseits auf hohem Niveau unterhalten, gleichzeitig aber auch zeigen, dass gute Literatur kein Hexenwerk ist, dass Autoren sind wie du und ich. Und ganz wichtig ist, dass man sich als Veranstalter selbst nicht ganz so ernst nimmt und Spaß an der Organisation hat, sonst ergibt das alles keinen Sinn.
Globe-M: Wie hat sich die „Lese-Kultur“ Ihrer Meinung nach in den vergangenen Jahren verändert?
Sven-André Dreyer: Lesen wird zunehmend, wie auch die Musik, durch die Lesecharts geprägt. Spiegel-Bestsellerliste und Literaturempfehlungen der einschlägigen Literaturpäpste geben vor, was das Volk zu lesen hat. Und was nicht. Die Leser geben sich meiner Meinung nach immer weniger Mühe, gute Literatur auch abseits der ausgetretenen Massengeschmackspfade zu konsumieren. Zudem werden Lesungen kaum noch besucht, wenn nicht irgend ein bekannter, von den Medien empfohlener Autorenname auf dem Plakat zu finden ist. Ich musste schon einen sehr sehr langen Atem beweisen, um die Lesereihe auch mit eher unbekannten Autoren etablieren zu können – aber es hat sich gelohnt. Zwischen stets gut besuchten Poetry Slams und ohnehin ausverkauften Lesungen der hiesigen Buchhandlungen in Düsseldorf funktioniert „Lesen in der Klause“ dank eines aufgeschlossenen Publikums mittlerweile auch sehr gut.
Globe-M: Stichwort iPad: Wo sehen Sie Bücher in zehn Jahren?
Sven-André Dreyer: Ich wage kaum eine Prognose abzugeben, denn wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass sich heute angeblich Musikbegeisterte nur noch MP3-Dateien aus dem Netz ziehen? Vielleicht wird in Zukunft Literatur auch nur noch in kleinen digitalen Schnipseln auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit auf einem Monitor in der Bahn konsumiert? Unaufdringlich und genauso schnell zu vergessen wie der letzte Download irgendeines hitparadenplatzierten Musikstücks? Vielleicht bin ich konservativ und zu romantisch, aber für mich gibt es nichts Größeres als ein gedrucktes Buch. Ein haptisches, visuelles und manchmal auch olfaktorisches Erlebnis, das noch nicht einmal Batterien braucht. Ich hoffe sehr, dass es auch in zehn Jahren Menschen gibt, die so ähnlich denken wie ich.
Globe-M: Herr Dreyer, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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