Ende Mai wurden bei einem Einbruch in ein Museum in Paris, Gemälde im Wert von 100 Millionen Euro gestohlen. Auch in anderen Ländern, wie der Schweiz, oder Norwegen gab es in den letzten Jahren spektakuläre Kunstdiebstähle. Globe-M befragte Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke zu den Hintergründen des Kunstraubs und den möglichen Gegenmaßnahmen.
LEUTE, DIE IHR HANDWERK VERSTEHEN
Fünf Fragen an Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke
Globe-M: Was vermuten Sie, passiert mit den gestohlenen Kunstwerken - in der Regel sind es Gemälde?
Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke: Es gibt zwei mögliche Varianten. Variante eins: die Kunstwerke dienen der Erpressung des Museums und des Herausschlagens von viel Geld. Variante zwei besteht darin, dass in der Tat, sich bestimmte Sammler auf illegale Weise Kunst besorgen und diese Kunstwerke dann sozusagen zum Privateigentum machen.
Globe-M: Wer sind die Auftraggeber?
Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke: Das ist schwer zu sagen. Man kann aus der Tatsache, dass die gestohlenen Kunstwerke nicht öffentlich zum Kauf angeboten werden können, entnehmen, dass es illegale Auftraggeber gibt.
Globe-M: Wer sind die Einbrecher?
Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke: Es ist davon auszugehen, dass es sich bei diesem "Auftragsvolumen" um Professionelle handelt. Professionell heisst, dass sie ihr Handwerk auch gelernt haben. Sie kommen zum Beispiel aus ehemaligen osteuropäischen oder anderen Geheimdiensten. Es handelt sich hier nicht um unerfahrene Räuber oder Einbrecher, sondern mit Sicherheit um erfahrene Leute, die ihr Handwerk verstehen. Handwerk heisst also auch: wie begeht man in sinnvoller Weise einen Einbruch. Wie überwindet man Sicherheitseinrichtungen usw.
Globe-M: Die Taten haben durch die EU-Erweiterung zugenommen?
Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke: Ja. Das ist eine Begleiterscheinung des Schengen-Abkommens. Es ist einfacher geworden, innerhalb der EU Güter, Dienstleistungen, Menschen über Grenzen zu transportieren. In diesem Rahmen nimmt Kunstdiebstahl zu und natürlich auch durch die Globalisierung.
Der Bereich Kunstdiebstahl, illegaler Kunsthandel wird in der Polizei heute sehr hoch eingeschätzt, auch auf der internationalen Ebene. Interpol hat eine eigene Abteilung dafür eingerichtet, auch Europol ist hier aktiv. Man muss davon ausgehen, Kunstraub ist Teil der organisierten Kriminalität. Kunstraub ist grenzüberschreitende Kriminalität. Das macht die Aufklärung natürlich schwer, kostenintensiv und personalintensiv, aber wir wissen, dass dieser Bereich wichtiger geworden ist, hier sind Millionen im Spiel, und von daher wird dieser Bereich polizeilich gesehen sehr ernst genommen.
Globe-M: Was unternimmt die Polizei dagegen? Oder ist hier eher die Politik gefragt?
Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke: Es handelt sich zunächst einmal um ein polizeirelevantes Delikt. Ein Raub ist ein Raub, der fällt in die Zuständigkeit der Polizei. Politisch, denke ich, kann man wenig tun, außer einer Stärkung der internationalen Polizeizusammenarbeit. Eine Rücknahme der Rahmenbedingungen ist für mich nicht denkbar, man kann Schengen oder die Globalisierung nicht zurücknehmen, das ist undenkbar. Von daher ist das eine Schattenseite der Globalisierung.
Globe-M: Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person
Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke lehrt an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, am Fachbereich Polizei- und Sicherheitsmanagement. Er ist ein international gefragter Experte für Politik der Inneren Sicherheit in Deutschland und Europa, Polizeiaus- und fortbildung im internationalen Kontext, sowie Politischer Extremismus, insbesondere Rechtsextremismus.
Publikationen (Auswahl):
Geschichte der deutschen Polizei vor und nach 1945: Kontinuitäten und Brüche, in: Bundeskriminalamt (Hg.), Das Bundeskriminalamt stellt sich seiner Geschichte. Dokumentation einer Kolloquienreihe, Luchterhand Verlag, Köln 2008, S. 37-62.
Politischer Extremismus. VS-Verlag, Wiesbaden 2006, 147 S. (= Reihe Elemente der Politik)Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2007 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung Bd. 621).
Globe-M sprach mit Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke am Rande der Tagung Das Verbrechen, die vom 4. bis 6. Juni in der Evangelischen Akademie Tutzing stattfand.
Interview: Roland Opschondek, Foto © oro