Lücke im Detail - Der Künstler Christian Haake

Christian Haake, Der gefangene Floh, 2010 (Ausschnitt)

Der Bremer Künstler Christian Haake baut Werke der Wahrheitsbeschaffung. In Cuxhaven stellt er erstmals zusammen mit Horst Müller aus.

– Weißt du noch, was du morgen getan hast?
– Nein, ich erinnere mich nur an gestern und die Tage davor.
– Und was morgen war, weißt du nicht mehr?
– Ich muss es vergessen haben. Soviel vergisst man.
– Und gestern?
– Ich weiß noch genau, wie es war.

Wer sagt, dass wir die Zukunft nicht kennen?! Vielleicht haben wir nur vergessen, was passiert, passieren wird, passiert war? Vielleicht sind wir nur auf halben Weg in die Gegenwart stecken geblieben?
Vergessen ist gut. Es macht uns überlebensfähig. Es schafft die Lücken, in die sich die Wirklichkeit einnistet. Die Wahrheit ist keine Tatsache, sie ist eine Konstruktion, eine Wirklichkeitsbeschaffung. Und das Erinnern eine Wirklichkeitsbeschaffungsmaßnahme. Natürlich nur, wenn wir auf eine Lücke des Vergessenen stoßen. Und wenn das Stopfen der Lücke für die Gegenwart (oder die Zukunft?) wichtig ist.

– Was hast du gestern zwischen dem ersten und dem zweiten Schluck Tee gemacht?
– Einen Menschen umgebracht.

Eine Irritation. Da stimmt doch etwas nicht! Zwei Menschen versuchen sich zu erinnern. Sie kommen ins Gespräch. Nur so finden sie die Wahrheit (nicht DIE Wahrheit!), sie treten in die Lücke wie in einen Fettnapf. Jeder für sich bricht sich einen Teil von ihr ab, bricht sich einen ab, und nur für diesen Moment erzählen sich nur diese zwei Menschen Wahrheit, wenn der eine nicht widerspricht und der andere sagt: »Ich stimme dir zu, Hand drauf.«

Andererseits würde ein Anderer das aber auch ganz anders sehen.

Der Bremer Künstler Christian Haakes schafft in seiner Arbeit feine Meisterwerke dieser Wahrheitsbeschaffung. Mit ungeheurer Präzision hat Haake in seinem Atelier Miniaturbilder des dreidimensionalen Raums gebaut: eine Messie-Wohnung, eine Küche, Ladenfassaden, einen Wohnwagen, eine Euro-Palette, eine Anzeigetafel, einen Ticket-Schalter. Die Objekte sind meist verkleinert – eine Modelleisenbahnwelt denkt man im ersten Moment, mit viel Mühe liebevoll zusammen gebastelt. Aber das stimmt nicht. Etwas stimmt doch da nicht!

Schrankwand, Drei-Sitzer-Sofa, Sessel, Fernseher, Kommode, Aquarium, Bügelbrett – das alles sieht so realistisch aus. Nur auf 30 x 64 x 125 cm verkleinert. In dem Chaos von »less mess« von 2007 finden neben anderem eine vertrocknete Yuccapalme, eine ausgerissene Tür und ein Dutzend Puzzle-Spiele Platz. Monate lang hat Haake an seiner Abschlussarbeit für die Hochschule der Künste Bremen, wo er bei Yuji Takeoka studierte, gesessen. Aber wo ist der Fehler?

Es gibt Betrachter, die behaupten, hier und da würden die Proportionen nicht zueinander passen. Und vielleicht erkennt der ein oder andere in der leeren Miniatur-Brötchentüte auf dem Sofa die Tüte vom Bäcker um die Ecke, aus der sie gebastelt wurde. Gleichzeitig ist da das Erstaunen über die zahlreichen Details in dieser Arbeit mit dem Untertitel »ein Lageplan, ein Ort von Verwahrlosung und Organisation«: auf dem Wohnzimmertisch liegen unter anderem eine Fernsteuerung, ein überquellender Aschenbecher, eine Plastiktüte mit Graubrot (in Scheiben!) und auf dem Sofa liegen verstreut benutzte Q-Tips – alles nicht mehr als zwei Zentimeter groß. Die Arbeit eines Maniacs.

Natürlich gibt es keinen Fehler! Kartographen machen keine Fehler! Das Unbehagen ist dennoch spürbar. Christian Haake sagt, er arbeite aus der Erinnerung. Dieses Zimmer des Messies hat es nie gegeben, geschaffen wird es aus der Intuition des Künstlers – Vorurteile und Erinnerungen schafft – aber gerade dadurch entstehen die Lücken, die sich die Wahrheit als Besetzer, als Nestbeschmutzer der Wirklichkeit sucht. Der Künstler arbeitet allein, sägt hier und feilt dort. Bis es ihm passt. Er sagt: »Das ist eine Sache zwischen mir und der Arbeit. Ich will eine eigene Form der Echtheit erzeugen, die mehr erzählt als malerische und maßstabsgetreue Modellbauten.«

Erst dann kommt der Zweite, der Betrachter, ins Spiel, der – wiederum im Einzelgespräch – die teuflischen Lücken zu schließen versucht und dann darin nichts anderes als eine realistische Darstellung der Wirklichkeit sehen kann. Gerade weil er allein gelassen wird. Und sich an neunzig Prozent dessen, was er gesehen hat, nicht erinnern kann: die Farbe des Schubladenknaufs, die Schramme an der Tür – wie kommt die Farbspur hinter das Regal, wie viele Seiten Zeitung liegen auf dem Tisch?

– Ich habe einen Menschen umgebracht.

Fehler machen Fehler. Das ist mein Platz für die Wirklichkeit.

Christian Haake arbeitet im Bremer »Viertel«, wo er sich einen kleinen Atelierraum mit einem Kollegen teilt. Gerade hat er dort nicht so viele Arbeiten auf Lager. Die Werke seiner ersten Galerieausstellung in Hamburg sind alle verkauft. Sein »Trailer« und eine neue Arbeit zeigt er gerade im Kunstverein Cuxhaven zusammen mit Horst Müller als »Fisherman’s Friends«. Nächste Woche fliegen Haake und Müller nach Riga, wo sie sich mit anderen Bremer Künstlern auf einer Ausstellung präsentieren.

Christian Haake trägt ein weißes Hemd und blaue Jeans. Er hat einen Zettel an die Tür geklebt, dass ich um die Ecke gehen soll. Kurze Zeit später kommt Horst Müller, im Anzug, weißes Hemd, elegant. Die beiden kennen sich seit fast zehn Jahren. Sie sind sofort im Gespräch, erzählen von Arbeiten und blättern in Katalogen. Kunsthistorische Epochen fliegen vorüber. Bezüge hier und dort. Zu den neusten Arbeiten und zu früheren Arbeit…

Es war Horst Müller, selbst Künstler, dem Christian Haake das erste Mal seine Kunstmappe zeigte, als er nach seinem Studium der Kunstwissenschaft und der Philosophie überlegte, Freie Kunst zu studieren: „Ich wollte später nicht sagen, ich habe es nicht probiert.“ Horst Müller bekommt leuchtende Augen und gerät ins Schwärmen, als er von diesen frühen Arbeiten aus Christian Haakes Mappe spricht. Großartige Arbeiten, an die viele Künstler nach ihrem Studium nicht rankommen würden, sagt er. 2003 hat Haake dann bei Yuji Takeoka das Kunststudium begonnen.

– Was ist das Maß aller Dinge?
– Die Verdopplung.
– Sag das noch mal!
– Die Verdopplung.

Horst Müller verdoppelt, spiegelt, verzerrt und dehnt Gegenstände und Bilder, manchmal bis zur Unkenntlichkeit (»Zwei Berliner«), gelegentlich zum Schmunzeln (»Lampe, die eine Lampe beim Leuchten beleuchtet«), nie bis zur Zerstörung, immer halten der Gegenstand oder das Bild es gerade noch aus in ihrem Zustand. Müller nennt sie »Überschaubare Gegenstände« oder »Vorposten«. Einmal hat er zwei Spielzeug-VW-Käfer auseinander genommen und so Boden an Boden wieder zusammengesetzt, dass beide Fahrzeuge zusammen vier Räder umschließen, auf denen sie nicht fahren können. Durch diese materialisierte Spiegelung entsteht ein Stillstand, der Käfer liegt auf dem Rücken, W erscheint wie die Verdoppelung von V: VW.

Ein anderes Mal stellte er seine Fotokamera dicht vor den Spiegel, so dass das Kameraobjektiv mit seinem Spiegelbild zusammenstößt, beide Objektive zielen in den dunklen Schlund des anderen, die Kamera photographiert in sich selbst hinein, bannt das Dunkle in sich aufs Negativ, eine Dunkelkammer ohne Tür. Wenn man dieses Foto schießen würde, erhielte man ein schwarzes Malevitsch-Viereck. Bei Müller sieht man jedoch dieses Konstellation ohne den Spiegel auf einem riesigen Digitaldruck mit viel Weiß. Erst wenn man die Augen schließt, erscheint das negative Nachbild, wird das Weiße auf der Gehirn=Netzhaut Schwarz.

In diesem Jahr haben Christian Haake und Horst Müller in Cuxhaven zu ihrer ersten Kooperation gefunden. Der Kunstverein dort hat Christian Haake eingeladen, dann hat Christian Haake Horst Müller dazu eingeladen (nicht nur weil die Postleitzahl ein Palindrom, eine Spiegelzahl ist) und Horst Müller hat im Gegenzug Christian Haake zu seiner Ausstellung in der Galerie für Gegenwartskunst in Bremen eingeladen.

Blickfang der Ausstellung in Cuxhaven ist Haakes neustes Werk »Der gefangene Floh«. Ein Rechteck im Ausstellungsraum gibt den Blick frei auf ein kleines verschrobenes Dachzimmer. Bücher liegen vor einer Matratze, vor einem Ofen kippt ein Zeitungsstapel um, unter der Decke hängt ein Regenschirm. Es ist niemand da. Der Bewohner hat sich seine Jacke und seine Stiefel geschnappt und ist ausgeflogen. Ganz anders als auf dem berühmten Vorbild von Carl Spitzweg: »Der arme Poet«. Was mag den Künstler zum Aufbruch getrieben haben? Oder kehrt er gleich ins Bild zurück, mit Schlafrock und -mütze?

– Was ist das Maß aller Dinge?
– Das Gefühl.

In Bremen zeigt Christian Haake erstmals seit der Art Cologne ein »Blister«, eine Plastikverpackung für Lebensmittel: goldene, verwaschen spiegelnde Pixel, je kaum fünf Millimeter im Quadrat. Mit einem feinädrigen Passepartout hebt Haake jedes einzelne Pixel aus seiner Grüner-Punkt-Existenz in die edle Sphäre der Minimalart. Beim Betrachten spürt man die millimetergenaue Präzision, mit der Haake die Abstände im Papier berechnet hat. Die Brandflecken an den Schnittkanten stammen vom Laser, mit dem das Passepartout zugeschnitten wurde. Es hat lange gedauert, bis die richten Maße gefunden waren. Diese MATHEMATISCHE Präzision ist für Haake ungewöhnlich. Sein Werkzeuge sind sonst Uhrmacher- und Goldschmied-Werkzeuge, sein Maßstab das Gefühl.

Seit fünf Jahren zeichnet er »Millimeterpapier«. Nach Gefühl. Jeder Millimeter ist »geschätzt«. Drei bis vier Stunden sitzt er an einem Blatt, zeichnet ohne Lineal, mit einem roten Fineliner, nur mit einer Glasscheibe, Millimeterlinie um Millimeterlinie, ohne nachzumessen. Und nimmt doch Maß, das Maß des Feudalherren, das herrschende Maß des Mittelalters, die Sprachverwirrung der Längenmessung, das egoistische Maß. Herrscher über jeden Millimeter.

Im Schaufenster von Haakes Atelier stehen ein paar ältere Miniatur-Modelle: ein Waschbecken, ein Kühlschrank und ein ganz liebevoll gestalteter blauer Wäscheständer, der aussieht, als hätte ihn der Messie aus »less mess« noch nicht in seine Wohnung geschleppt. Als Haake den Rolladen herunterlässt, verschwindet dieses Paralleluniversum der Wirklichkeit.
Dann ist wieder alles eins zu eins.

Bis 3. Oktober 2010

Christian Haake & Horst Müller – Fisherman’s Friends
Kunstverein Cuxhaven
Segelckestr. 25
27472 Cuxhaven
www.kunstverein-cuxhaven.de
 

Bis 2. Oktober 2010

Horst Müller – Headwaters
Galerie für Gegenwartskunst Barbara Claassen-Schmal
Bleicherstr. 55
28203 Bremen
www.galerie-fuer-gegenwartskunst.de
 

Vom 14. Mai bis 31. Juli 2011

stellt Christian Haake in der Bremer GAK aus.
www.gak-bremen.de
 

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