Nikolai Tokarev: form follows function

Oh, was man nicht alles von ihm hört! „Funkelnde Brillanz – unwiderstehlich!“, flüstert die Konzertagentur uns in einer Werbebroschüre zu. Eine „Zaubervorführung“ mit „harmonisch und metrisch verschlungenen Melodieknäueln“, will uns ein solider Rezensent glauben machen, vergleichbar mit „Horowitz und Gould“. Wirklich?

Man sieht, Nikolai Tokarev, geboren 1983 in Moskau, ist einer jener Pianisten, die von der Konzertindustrie derzeit besonders konsequent vermarktet werden. So hechtet er von einer Stadt in die andere, um überall ausverkauft zu werden. Zwar möchte man Tokarev, anders als beispielweise David Garrett, nicht am liebsten gleich digitalisieren und auf „Pause“ stellen, doch sehen wir hier ein typisches Beispiel der Gattung "form follows function", wie es oft vorkommt, wenn das Image wichtiger wird als die Musik.

Tchaikovsky: Ausgewählte Jahreszeiten

Als Tokarev an einem Samstagabend im frühen Dezember ein weiteres Konzert im Münchner Herkulessaal gab, fühlte sich die Situation zunächst gar nicht mal so schlimm an. Den Anfang machten die „Jahreszeiten“ (op. 37) von Tchaikovsky, von denen er leider einige Monate ausließ, die vorhandenen jedoch sauber interpretierte. Man hatte zwar nicht den Eindruck, Nikolai Tokarev würde die Musik leben, doch solange er sie überzeugend simuliert und uns für einige Sekunden in höhere Sphären entrückt, ist alles in Ordnung. Ja, seine Seele scheint sogar eine überaus sensible Seite zu haben. Insbesondere der „März“ und der „Oktober“ befriedigten die Sehnsüchte unserer romantischen Sensibilität.

Pabst: Neues aus dem Fleicherhaus

Und dann – Pabst! – Wie ein Hackbrett! Ich muss doch sehr bitten! Dass es sich dabei um Variationen von Themen aus der Oper „Pique Dame“ von Tchaikovsky handelte, ist wohl weniger erwähnenswert als die Tatsache, dass man hier einen gefühllosen Fleischerlehrling zu hören bekam, der sich nicht zwischen Leberwurst und Blutwurst entscheiden konnte. Sicherlich ist der technische Anspruch des Pabst-Stückes nicht zu unterschätzen: es ist ein schwieriger Text und Nikolai Tokarevs technische Perfektion wurde hier gebührend ausgereizt. Der Mann ist, das muss man ihm zugestehen, ein Virtuose – doch was nützt es ihm, wenn er über das Virtuosentum nicht hinausgehen kann? Was ist der Inhalt seiner Musik? Ich bin mir nicht sicher, was genau das Publikum beklatscht hat, als es in der Mitte des Konzerts damit anfing, doch war Applaus das Letzte, was mir danach einfiel. Ich hielt mich mit Beifallsbekundungen zurück.

Rosenblatt: Die große Leere in uns allen?

Schließlich Alexander Rosenblatts Bearbeitungen von Tchaikovsky – diese orientieren sich an den russischen Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts: Dmitri Shostakovich, Igor Stravinsky, Sergei Prokofiev – und pervertieren Themen aus dem Ballett „Schwanensee“. Diese Stücke sind Tokarev gewidmet, doch vielleicht hätte der Pianist sich auf die wahren Meister der klassischen Moderne beschränken sollen. Stets fällt einem nämlich die mangelnde Originalität von Rosenblatts Bearbeitungen ins Auge. Witzig ist das ganze sicherlich, auch interessant, doch ernstzunehmen ist es nicht. Dennoch interpretiert Tokarev auch so etwas gekonnt, mit einer technischen Brillanz, die ganz typisch ist für jene moderne Klasse an Pianisten, die nicht den Inhalt, sondern die Form spielen – die keine Geschichte erzählen, sondern davon, wie lange sie die Technik geübt haben. Immerhin.

Aus Gründen der Kapitalerzeugung

Tokarevs Spiel ist eng verbunden mit der Atmosphäre, die die Rosenblatt-Bearbeitungen evozieren: eine zutiefst postmoderne spielerische Auseinandersetzung mit den Granden der Jahrhundertwende, die aber ironisiert werden und schließlich jeglichen Wert zu verlieren scheinen. So drückt denn Tokarev sein Innerstes aus: es ist leer und an den Kern der Musik reicht es nicht heran. Vielleicht braucht es noch eine Weile, bis Tokarev an persönlicher Reife gewinnt und uns hinreichend zu begeistern vermag. Bis dahin darf er sich in die Reihe der großen Pianisten nicht einordnen: weder zu den geschichtlichen wie „Horowitz und Gould“, die die „Klassikwelt erschütterten“, noch zu den zeitgenössischen Russen wie Jewgenij Kissin oder Grigorij Sokolov, die mich erschüttern.

Kommentare

Bild von Irena A.

Welche Monate hat er denn

Welche Monate hat er denn weggelassen? Etwa jahreszeitbedingt?

Bild von Irena A.

Ein seltsam anmutendes

Ein seltsam anmutendes Programm, findest du nicht?

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