"Das von Thomas Olbricht konzipierte Ausstellungshaus me Collectors Room Berlin präsentiert ab Mai 2010 in wechselnden Ausstellungen die Olbricht Collection, eine der umfangreichsten Privatsammlungen Europas. Die Sammlung umfasst Arbeiten von Beginn des 16. Jahrhunderts bis zur jüngsten Gegenwartskunst.
Das Haus bietet der Olbricht Collection ein festes Domizil und in der Folge auch Raum für andere internationale Privatsammlungen." Soweit die Hauspostille auf Seite Eins.
Soll man darüber berichten? Soll man es ignorieren?
Würde ein derartiger Aufwand betrieben, wenn der Mäzen kein Wella-Erbe wäre? Also wenn weniger Geld dahinter steckte?
Wenn der ganze Krimskrams nicht von einem reichen Mann in Mitte gezeigt würde, sondern von Off-Künstlern in, sagen wir, Berlin-Hellersdorf? Obwohl es da schon wieder subversiv wäre.
Nichts gegen Berlin-Hellersdorf, aber da hätten die ganzen Wichtigtuer vom Fach doch noch nicht mal mit den Achseln gezuckt. Geschweige denn, sie wären hingefahren. Aber inmitten der Mitte-Galerien-Szene muss man ja noch nicht mal das Häppchen wegstellen, um geschwind mal rüber zu gehen.
Die ausgestellte Kunst, jedes Bild für sich, wäre als Kitsch abgetan worden, vergessen, in den Orcus … und fort!
Insofern ist das, was Thomas Olbricht, so heißt der Mäzen, macht, erfrischend neu und mutig. Obschon ich mit dem letzteren Qualitätsmerkmal in diesem Zusammenhang meine Schwierigkeiten habe. In Lebensgefahr wird der Mäzen sich damit nicht gebracht haben.
Die Frage in diesem Museum lautet: Wer darf was in der Kunst?
Darf man einen Schrumpfkopf ausstellen? Darf das dann Kunst sein? Darf ich gleich zu Beginn des kostenpflichtigen Museumsteils mit zu medizinischen Lehrzwecken aufgeschnittenen Elfenbein-Figurinen schwangerer Frauen mit herausnehmbaren Föten außerhalb medizinischer Lehrzwecke konfrontiert werden? Kann ich den Gedankengängen des Sammlers, seines Zeichens Nervenarzt, folgen, dies auszustellen aus Gründen der Dankbarkeit für sein eigenes Leben, seine Gesundheit? Sind da zu viele Deutungs-Ecken zu umfahren, ohne dass man gegen ein geschnitztes „Tödlein“ aus dem 16. Jahrhundert knallt?
Macht es mir Spaß, andere Museumsbesucher, ältere Ehepaare beispielsweise, an etwas erinnert zu sehen, wenn sie länger vor einem braunen Knetknoten aus halb-erigierten Penissen meditieren?
Politisch oder sonstwie korrekt ist hier, glaube ich, nichts. Frauenfreundlich, soweit ich sehe, auch nicht. Protest war aber auch keiner zu beobachten. Das traut sich im Museum in Deutschland niemand. Da lächelt man nur, artigunsicherverschämt, und vielleicht, aus Gründen der inneren Contenance, ein bißchen nachsichtig.
Ja, man kann es knapp abtun: Was gelangweilte Millionärssöhne so alles anstellen…!
Und achselzuckend wieder rausgehen und dieses Sammelsurium der Schrulligkeiten hinter sich lassen.
Oder man kann sich auf das hysterische Kunstgetue ein- und dann aufgeregt darüber auslassen. Und damit seine und anderer Leute Neurosen pflegen.
Oder man macht etwas in der Mitte.
Immerhin, und das ist praktisch: Es gibt zu essen (was man vor dem Rundgang tun sollte), man kann die gelungenen, großzügigen Räumlichkeiten mieten, und man hat einen hervorragenden Blick auf das benachbarte und sonntags im Akkord nicht schlecht bespielte Fußballfeld.
Nett sind auch die Rollbänke, auf denen man sich niederlassen und ein wenig hin- und herrollen kann.
Beispielsweise, um Renaissance-Prince Michael (Jackson) hoch zu Roß vor einem Schlachtfeld paradieren zu sehen. Herabschwebende Engel geben ihm Einflüsterungen. Ein Bild, vielleicht 6 x 5 Meter. Da wir uns in einem großartigen Loft befinden, passen die Dimensionen. Spätestens jetzt fällt auf: Alt und Neu werden hier kombiniert, das ist das Motto, zum Teil in ein und demselben Bild.
Gegenüber ein noch größeres Gemälde, mittig eine Art KZ-Norne, halbrechts die Ermordung Wallensteins von außerirdischen Butler-Klonen, ein Albtraum-Panoptikum mit grau- und grüngesichtigen Wesen. Man soll nicht werten, aber ich tu es doch, und sage mir: Ekelhaft. Meine Begleitung meint dasselbe. Wir rollen wieder zurück. Ich hätte nie gedacht, dass ich beim Anblick des gelifteten und getunten Michael Jacksons würde aufatmen können.
Von einem mittlerweile verstorbenen Münchner Maler habe ich einmal folgendes Bonmot gehört: Die Kunstszene mache es so wie die katholische Kirche: Da sie sich aus sich selbst nicht generieren bzw. ernähren kann, muss sie die Gesellschaft so konditionieren, dass die Gesellschaft diese Aufgabe übernimmt. Die Alimentation der Klöster und Priester hat so jedenfalls funktioniert. Spanien allerdings ging darüber mehrmals bankrott. Damien Hirst macht es besonders gewieft nach. Olbricht probiert es ebenso, nur mit deutlich mehr Einsatz von Eigen-Kapital.
Wenn nur mehr Olbrichts Sammlung aufregt, ist die Gesellschaft, auch wenn sie das nicht richtig zugibt, an einem bestimmten Punkt angekommen, an dem sie sich über so etwas aufregen kann.
Schon deshalb sollte man diese Ausstellung gelassen sehen.
Doch ein bißchen darf man sich schon fragen:
Müssen dafür wirklich 15 Millionen eingesetzt werden – soviel hat der ganze Museumsbau immerhin gekostet.
Jeder wie er kann, jeder wie er will, sicherlich. Aber wo ist das Verhältnis?
Diese Kunst hier ist nicht von praktischem Wert. Höchstens, wie der Mäzen zaghaft fordert, Jugendliche weg vom Computer, „weg von ihrer virtuellen hin zu einer real erfahrbaren Welt“ zu ziehen. Hier verwechselt er wohl etwas. Auch die virtuelle Welt kann mittlerweile real erfahrbar sein.
Im Interview, aus dem wir bereits zitiert haben, im Interview nämlich mit Karin Pernegger, Kuratorin Kunsthalle Krems – so viele Ks, das muss Absicht sein – lesen wir, worüber sich der Mäzen Gedanken macht. Er könnte, statt in das Kunstwerk zu investieren, auch „das Bankkonto auffüllen und das Geld an die nächste Generation weiter geben“, durchaus. „Aber dann fehlen das Leben und die Lebenserfüllung, die mir, neben der Fürsorge für meine Familie und den Menschen in meinem Umfeld, sehr viel bedeutet.“ Soweit der Mäzen. Auch dies ist in der Hauspostille, etwas weiter hinten, abgedruckt.
Er könnte, sage ich, einen Teil davon (beileibe nicht alles, wo blieben sonst er und das Kunstwerk und die nächste Generation), aber doch bitte, ein bißchen, auch an alleinerziehende Mütter oder an eine soziale Einrichtung, beispielsweise die „Arche“, in einem Berliner Randbezirk spenden. Nicht damit das Kleine überhaupt seinen Bildschirm kriegt, von dem er es mit seiner Kunst erst wieder wegbekommen muss. Sondern eine warme Mahlzeit.
Das meine ich mit „Verhältnis“.
Oder wäre das keine „Lebenserfüllung“ für ihn? Wenn er es doch tut, sollte man davon erfahren.
Olbrichts innerster Herzenswunsch lautet, wie er seiner Interviewerin Karen Pernegger offenbart: Dass „die Besucher … ein neues Erlebnis von Kunstschauen erfahren, eine Abenteuerreise durch Emotionen, die in Kunst wiedergegeben sind, zu erleben, um am Ende zu sagen: wow, das würde ich mir gerne noch einmal anschauen.“ Hoppla, das ist eine Aussage! Die macht den mitunter etwas naiv wirkenden Mäzen auf einmal wieder sympathisch. So was wollen wir doch auch! Unter dem Gesichtspunkt, wenn wir nicht „den moralischen kriegen“, kann das hinhauen, macht sein Museum Spaß.
Und im Ergebnis? Praktisch? Künstlerisch wertvoll? Im Mix, in der Zusammenschau ja, doch alleingenommen – ich denke nein.
Der Gedanke verfängt immer mehr: Dass Olbricht, der Mäzen, die Kunstszene auf den Arm nehmen wollte.
Ein teurer Spaß, der Laune macht, wenn man sich zynisch gibt.
Auch das ist spätrömische Dekadenz.
Aber bitte.
Kommentare
Man darf niemanden
Man darf niemanden Wohtätigkeit vorschreiben oder eine nützliche Tat gegen eine andere gute aufwiegen, finde ich. Ansonsten ein köstlicher Bericht. Vielen Dank!