record of time

Feuerlöscher

Wo nicht viel passiert, passiert umso mehr
record of time in den Münchner Kammerspielen

Was passiert: Ein Mann und eine Frau schieben Gegenstände auf der Bühne hin und her: Unter anderem einen griechischen Gipskopf, einen geblümten Sessel und einen Feuerlöscher. Eine halbe Stunde lang. Das ist die „Story“ von „record of time“, einer Kooperation der Gießener Studenten Alexander-Maximilian Giesche und Lea Letzel.

Klingt nicht gerade nach besonders viel, könnte vielleicht nur ein weiteres Stück langweiliger Performance Art sein, moderne Kunst halt. Aber falsch gedacht. Das Stück hat einen ganz eigenen Humor und mehr Ebenen, als man auf den ersten Blick erfassen kann.

Denn Mann und Frau, genauso wie die Gegenstände, sind nicht nur real auf der Bühne, sie werden auf sich selbst projiziert: Die Performance wurde einmal abgefilmt und wird in der Aufführung 1:1 auf die karge weiße Bühne geworfen. So entwickeln sich auf der L-Förmigen Wand verwirrende, lustige, interessante „Dialoge“ – zwischen den echten Performern und ihren Abbildern. Diese Abbilder verändern sich natürlich, je nachdem wie nah oder weit sie bei der Aufnahme von der Kamera entfernt waren, während die realen Gegenstände und ihre Performer ihre Größe behalten.

Was Video kann

Es ist die erste gemeinsame Arbeit von Giesche und Letzel. Giesche, der bereits vor seinem Studium für die Münchner Kammerspiele Videoarbeiten produzierte, erklärt im Gespräch, was sein persönlicher Ansatz für die Performance war: „Seit ich damals für verschiedene Stücke Videos gemacht hatte, habe ich immer nach einer wirklichen Berechtigung für Video auf der Bühne gesucht. Ganz schnell stößt man da nämlich an Grenzen. Meistens sind die Videos für ein Stück nur dekorativ oder sie ersetzen gestrichene Szenen – das alles interessiert mich aber nicht wirklich.“

Seitdem sucht er nach der Rolle, die Video in einem Stück bzw. als Teil einer Inszenierung spielen kann. Seine erste unabhängige Videoarbeit bestand beispielsweise aus einer beweglichen Leinwand an Gummizügen, auf die sein abgefilmter Unterleib projiziert wurde.

Anfangspunkt von „record of time“ war eine universiäre Übung in Kopenhagen zum Thema „Masstab und Vorstellung“. Hier arbeiteten Letzel und Giesche zum ersten Mal zusammen. Unter diesen Vorzeichen entstand die Idee, einen Feuerlöscher zu filmen und mit der Größenveränderung zu spielen, die entsteht, wenn man im Film etwas auf die Kamera zubewegt – im Gegensatz zur live-Bewegung.

Wenn das Gehirn nicht mehr hinterherkommt

„Irgendwann schaltet das Gehirn ab“, sagt Giesche, „die Bühnenillusion wird fast real und man kapiert nicht mehr, was live ist und was nicht.“

Nach dem Workshop in Kopenhagen arbeiteten die beiden weiter und „record of time“ entstand, vor allem der Improvisationen. Vieles entwickelte sich über die visuelle Ebene, aber zeitweise nahmen Letzel und Giesche auch Texte dazu. „Wir haben 20 Seiten Text rausgehauen, die vom Gefühl her immer noch da drin sind, so dass es gut war, dass wir damit 5 Tage verdödelt haben. Es hat uns für die Chronologie viel gebracht. Jetzt ist nur noch ein Zitat von Rolf Dieter Brinkmann übrig, das ich einfach so vorlese.“

Außerdem beschäftigten sich Giesche und Letzel viel mit Loops, der Wiederholung von Dingen und Schleifen, die bestimmte Parts bilden. Das Auf- und Abtreten durch die echte und die gefilmte Tür (und deren Geräusche beim Auf- und Zugehen) wird beispielsweise nach und nach zur Soundspur des Ganzen. Aus der Abfolge der Bewegung und Verschiebungen formten sie die Choreographie ihrer Arbeit, die sich irgendwo zwischen Videokunst, Performance Art und rhythmischem Bildertheater bewegt.

Aber nicht alles in der Performance ist völlig durchchoreographiert: „Es gibt Momente, wo nichts festgelegt ist, da entscheidet sich manchmal erst mit dem Öffnen der Tür, welches Objekt man nun bewegt – das macht es spannend für uns und damit auch für das Publikum. Aber wir haben auch ein paar Cues, zum Beispiel im Sound, bei denen wir dann wissen: Das muss jetzt da hin.“

Verstecktes Ehedrama und viel Interpretationsraum

Die eigentlich fast simple Idee und die einfachen Vorgänge auf der Bühne bieten im wahrsten Sinn des Wortes Raum für viele Interpretationen: „Wir als Performer haben eine neutrale Haltung, wir bewegen nur die Objekte. Aber was ich öfter reflektiert bekam, nach unseren Aufführung, war, dass sich da für manche ein ganzes Ehedrama entfaltet, in dem zwei Menschen sich darum streiten, wie sie ihre Wohnung einrichten sollen.“

Ob nun Ehedrama oder Metareflexion über das Verhältnis von Theater und Video, ob Raumerkundung oder das konsequente Durchexerzieren einer Idee: Die Aufführung von „record of time“ in den Münchner Kammerspielen verspricht ein vielschichtiges Theater, in dem mehr als eine Perspektive verschoben werden wird. Auch wenn eigentlich nicht viel passiert.

Termine:
14. April 2010
20.00 Uhr

Weitere Informationen zum Performance

Kammerspiele München / Neues Haus
Tickets 9 € / ermässigt 5 €

 

http://www.muenchner-kammerspiele.de

Expertenstimmen Archiv