In jeder Generation wird eine Auserwählte geboren. Sie allein muss sich gegen Vampire, Dämonen und die Mächte des Bösen stellen. Sie ist Buffy, die Jägerin. Als Schäferin geboren, wurde sie von der Jungfrau Maria in den Krieg entsendet. Sie muss sich für Frankreich gegen die Engländer stellen. Sie ist Jeanne D’Arc, die Jungfrau von Orleans.
Der englische Thron ist besetzt von einer Königin mit anfechtbarer Legitimation. Sie muss ihren Machtanspruch gegen und für ihr Volk durchsetzten.
Sie ist Elisabeth, die Königin von England. Schottland ist nach dem Königsmord führungslos. Die Königin flüchtet nach England, wo man sie einsperrt, statt ihr zu helfen. Sie ist Maria Stuart, die Königin von Schottland.
Wie alles beginnt
„Buffy – im Bann der Dämonen“ („Buffy - The Vampire Slayer“) ist eine Fernsehserie, die Ende der 90er Jahre in Deutschland und den USA mit beeindruckendem Erfolg lief. Die Basishandlung ist schnell erzählt: Buffy Anne Summers ist ein ganz normaler Teenager, bis sie erfährt, dass sie von höheren Mächten auserwählt und mit übernatürlichen Kräften ausgestattet wurde, um die Welt vor Vampiren und Dämonen zu retten. Gemeinsam mit ihren Freunden kämpft sie nicht nur gegen das Böse, sondern auch mit den Problemen des Erwachsenwerdens. Daraus entwickelte Erfinder und Regisseur Joss Whedon in 6 Jahren 144 Episoden in 7 Staffeln, die Millionen von Zuschauern und unzählbare Fanclubs fanden, diverse Doktorarbeiten und eine eigene Comicreihe nach sich zogen. Der Autor und Popkulturexperte Dietmar Dath verfiel Buffy sogar derart, dass er 2003 das Grundlagen-Werk „Sie ist wach. Über ein Mädchen das hilft, schützt und rettet“ schrieb.
Zitate über Zitate
Was die Serie für Kultur- und Medienwissenschaftler so faszinierend macht, ist Buffys Verpflichtung gegenüber der Mediengeschichte. Die Serie steckt randvoll mit Zitaten und Referenzen zu anderen Erzeugnissen der Popkultur und spielt diese Bezüge offen aus: Da regt Buffy sich schon mal darüber auf, dass sich plötzlich alles so anfühlt wie bei Dawsons Creek oder Beverly Hills, 90210. Oder sie sagt zu ihrem Freund, er solle nicht so tun, als sei er Fox Mulder, sie sei ja auch nicht Dana Scully. Und Buffy überschreitet Genre-Grenzen derart systematisch, dass verzweifelte Fernsehzeitschriften in den späten 90ern zu Wortungetümen wie „Teenie-Action-Horror-Scienefiction-Romantic-Comedy-Krimi-Serie“ griffen.
Der Trend zum Blutsaugen
Das Vampire – und Vampirjäger – dankbare Figuren sind, zeigt auch der aktuelle Erfolg von Stephenie Meyers „Twilight“-Romanen, die die Geschichte des Vampirs Edward und seiner Beziehung zu der Highschoolschülerin Bella erzählen. Meyers Bücher stürmen die Bestsellerlisten und bleiben dort. Der Vampir ist ein Archetyp oder, wie Schreibschullehrer sagen würden, ein Master Character. Eine Figur, die sich immer wieder erzählen lässt und die absolut zeitlos ist. Ihr Konflikt – Biss oder stirb! – verliert nie an Gültigkeit, genauso wenig wie der Konflikt, den die Figuren mit den Vampiren haben, die ihnen nahe stehen.
Auch schon zu Schillers Zeiten
Aber was um alles in der Welt hat eine Vampirjägerin mit Schillers Frauenfiguren zu tun? Was Buffy-Exegeten bislang entging: das Teenagergirl ist eine Meta-Schiller-Figur, in deren Charakter alles zusammenläuft, was Schiller von einer „schönen Seele“ erwartet, und die noch darüber hinausreicht. Denn hätten Johanna, Elisabeth und Maria sich bereits an Buffy orientieren können, wäre manche Katastrophe verhindert worden. Wenn Buffy sich aber als Meta-Schiller-Figur verstehen lässt, hat schon Schiller offensichtlich zeitlose Charaktere und Erzählungen, sogenannte Masterplots, geschaffen. Im 18. Jahrhundert konnte so eine Geschichte wie die von Buffy noch nicht erzählt werden. Aber: Hätte Schiller in den 90ern gelebt, hätte er vermutlich wie Joss Whedon Serien entworfen.
Das Gesetz der Serie & Das Sitzen zwischen den Stühlen
„Der tragische Dichter gibt also mit Recht den gemischten Charakteren den Vorzug, und das Ideal seines Helden liegt in gleicher Entfernung zwischen dem ganz verwerflichen und dem vollkommenen“ schreibt Schiller in seinem Aufsatz „Über die tragische Kunst“ und führt an Maria Stuart exemplarisch vor, was er meint. Sie ist im umfassenden Sinne des Wortes Mensch und in Schillers Augen vor allem: eine Frau. Maria beginnt als schwere Sünderin und endet durch Sühne in königlicher Anmut. An ihr demonstriert Schiller die drei Entwicklungsstufen, die er im 24. der Briefe „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ anspricht: "Es lassen sich also drei verschiedene Momente oder Stufen der Entwicklung unterscheiden, die sowohl der einzelne Mensch als die ganze Gattung notwendig und in einer bestimmten Ordnung durchlaufen müssen, wenn sie den ganzen Kreis ihrer Bestimmungen erfüllen sollen. [...] Der Mensch in seinem psychischen Zustand erleidet bloß die Macht der Natur; er entledigt sich dieser Macht in dem ästhetischen Zustand, und er beherrscht sie in dem moralischen Zustand." Bei dieser Entwicklung soll Maria Stuart, ganz im Sinne der Aristotelischen Dramentheorie, das größtmögliche Maß an Mitleid und Katharsis erzeugen: Ginge sie völlig unschuldig in den Tod, würde die Empörung über ihr ungerechtfertigtes Schicksal womöglich überwiegen. Hätte sie dagegen eindeutig das zeitliche gesegnet, wäre die Anteilnahme des Publikums zu schwach.
Schillers „gemischter Charakter“
Was für den „gemischten Charakter“ der Maria Stuart gilt, trifft auch auf „gelungene“ Seriencharaktere zu. Hanns-Otto Hügel, Professor für Popkultur, sagt, dass jede gute Serie von der Dialektik der Hauptfigur lebt. Entsprechend zerrissen ist Buffy: Lass ich die Menschheit im Stich und führe das Leben eines normalen Teenagers, oder folge ich meiner Bestimmung und jage das Böse? Nach diesem Prinzip ließ schon Schiller seine Johanna auftreten: Folgt sie ihrer Sendung oder entscheidet sie sich für das Leben einer normalen Frau? Auch sie durchläuft mehrere Stufen bis zur Erlösung, wenn es auch andere sind als die der Maria Stuart.
Johannas Bestimmung
Johannas charakterlicher Werdegang entspricht der ästhetischen Theorie, die Schiller in seiner Schrift „Über Anmut und Würde“ formuliert und die an Immanuel Kants kategorischen Imperativ angelehnt ist: Demnach soll der Mensch seine Neigung zugunsten seiner Pflichten zurückstellen, um Würde zu erlangen. Doch Schiller geht, vor allem was seine weiblichen Figuren betrifft, noch einen Schritt weiter: Höchstes Ziel ist Anmut als „der Ausdruck der schönen Seele“ und diese ist dort, „wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonisieren“. Heute würde man das wahrscheinlich als „mit sich im Reinen sein“ übersetzen. Und wenn man davon absieht, wie absurd Johannas Auffassung vom richtigen und vernünftigen Handeln ist, so ist sie am Ende durch ihren Kniefall vor Gott und dem Opfertod im Gefecht verklärt und vor Gott mit sich im Reinen.
Die Probleme einer Königin
Völlig anders erzählt Schiller da die Figur der Elisabeth. Sie folgt in allen Entscheidungen dem Willen des Volkes und des Parlaments, nie ihren eigenen Wünschen. Am Ende steht sie alleine da, weil sie reine Vernunftentscheidungen gefällt hat. Mit Elisabeth wollte Schiller zeigen, dass eine Frau in einer Männerrolle nicht glücklich werden kann. Und Buffy? Sie steht natürlich über dem Ganzen, da Whedon von Anfang an die Geschichte einer Jägerin erzählt, die, auch wenn es sie viel Kraft kostet, einen Mittelweg zwischen Vernunft und Sinnlichkeit findet.
Geschlechtskrankheit & Kant
Reine Vernunftsentscheidungen sind bei Schiller den männlichen Figuren vorbehalten. In seiner Abhandlung „Über Anmut und Würde“ unterscheidet er klar zwischen den möglichen Entwicklungen von Frauen und Männern. Dabei geht er von der gleichen Ausgangslage aus, die in groben Zügen auch Kant entspricht: Menschen sind Vernunfts- und Sinneswesen. Ein Individuum kann nach Schiller nur dann sittlich-moralisch, das heißt autonom und kraft der Vernunft handeln, wenn er seine Sinnlichkeit, also seine Neigungen, Triebe, Leidenschaften und Affekte kontrolliert. Damit entspricht er Kant, der sagt, dass die Umsetzung des kategorischen Imperativs beim Menschen am sinnlich-affizierten Willen scheitert. Auch Kant behandelt Frauen anders als Männer und schreibt in „Was ist Aufklärung?“, die Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, dieser Schritt zur Mündigkeit sei für das „schöne Geschlecht“ aber ohne Vormünder schwer und gefährlich.
Männer sind anders. Frauen auch
Schillers Absicht ist bei Frauen und Männern unterschiedlich: Frauen wie Maria Stuart widerstehen der Sinnlichkeit „oft mit heroischer Stärke“, handeln intuitiv und nehmen „das heldenmütigste Opfer“ auf sich. Dadurch erlangen sie Anmut. Schillers Männer hingegen beherrschen die Sinnlichkeit, indem sie sich an „Vernunftideen“ orientieren, nach der „höchsten Idee sittlicher Reinheit“ handeln und sich in unlösbaren Gewissenskonflikten verstricken. Als Lohn winkt die Würde, für Schiller „der Ausdruck einer erhabenen Gesinnung“.
Der Weg zur Anmut
Auch Buffy findet, und das nahezu von Anfang an, zur Anmut und zum Ausgleich zwischen Sinnlichkeit und Verstand. Als schlägkräftige Gegenbeispiele fungieren ihre Kolleginnen: Jägerin Kendra, die am Anfang der zweiten Staffel auftaucht, ordnet ihr ganzes Leben der Vampirjagd unter und kritisiert die laxere Buffy hart. Doch dann wird Kendra von der im Freudschen Sinn hysterischen Vampirin Drusilla hypnotisiert und ermordet. So was wäre Buffy nie passiert! Umgekehrt zeigt Joss Whedon, was Schiller wohl gern gesehen hätte, dass ausschließlich sinnlich motiviertes Handeln zum Tod führt: Faith, die Jägerin, die nach Kendras Tod in die Serie eingeführt wird, hält nichts von Regeln, handelt intuitiv und gewalttätig, betrachtet Männer als Spielzeug und wechselt aus Hass und Machtgier auf die Seite des Bösen. Das muss schief gehen. Am Ende steht Faith dann doch der moralisch überlegenen und schillernd anmutigen Buffy beim Kampf gegen das Böse bei.
Macht & Ohnmacht, Wahl & Freiheit
„Aus großer Macht folgt große Verantwortung“ stellt Superheld Spiderman fest. Auch das wusste Schiller schon. Die Geschichte wiederholt sich, die Ohnmacht angesichts der eigenen Macht scheint einer der großen Schillerschen Masterplots zu sein. Am offensichtlichsten ist das Problem bei Elisabeth. Zwar sagt Talbot, Graf von Shrewsbury und der zweite wichtige Berater von Elisabeth,im zweiten Aufzug zu ihr: „Sag nicht, du müsstest der Notwendigkeit gehorchen und dem Dringen deines Volkes. Sobald du willst, in jedem Augenblick kannst du erproben, dass dein Wille frei ist“. Elisabeth allerdings zieht aus dem Rat nicht die „richtigen“ Schlüsse und lässt Maria aus Angst vor Machtverlust trotzdem töten.
Schicksalsergeben?
Auch Johanna gesteht sich kurz vor Ende des Dramas ein: „Frommer Stab! O hätt ich nimmer mit dem Schwerte dich vertauscht! ... Wärst du nimmer mir erschienen, hohe Himmelskönigin! ... Musstest du ihn auf mich laden diesen furchtbaren Beruf, ... Ach! Es war nicht meine Wahl!“. Am Anfang ist ihre Widerstandskraft gegen die Entsendung noch sehr stark. Die heilige Mutter Gottes muss sie dreimal auffordern, bis Johanna wirklich ihrer göttlichen Pflicht folgt, und sie muss die Schäferin mit ihren eigenen Argumenten schlagen. Beim ersten Erscheinen der Jungfrau Maria antwortet Johanna ihr: „Wie kann ich solcher Tat mich unterwinden, eine zarte Magd, unkundig des verderblichen Gefechts!“. Doch beim dritten Mal verwendet die Mutter Gottes genau dieses Argument der Weiblichkeit gegen sie: „Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden, das harte Dulden ist ihr schwerstes Los, durch strengen Dienst muss sie geläutert werden, die hier gedienet, ist dort oben groß.“ Konnte die strenggläubige Johanna sich da noch gegen die Pflicht entscheiden? Wohl kaum.
Entscheidungen gegen die Pflicht?
Ähnlich ergeht es Buffy. Als Buffys Mutter Joyce Ende der zweiten Staffel von der Berufung ihrer Tochter erfährt, will sie, wie Vater Thibaut der Johanna, ihr das Wahrnehmen dieser Aufgabe verbieten. Buffy allerdings nimmt den Streit mit ihrer Mutter in Kauf und sagt immer wieder: „Ich bin die Auserwählte, ich muss das tun“. Antwortet Joyce Summers, „Du solltest bei mir bleiben, davon wird die Welt schon nicht untergehen“, weiß es die Tochter besser. Allerdings kann Josh Whedon sich nicht allein auf die Kraft religiöser Vorstellungen stützen und muss zu einer „Was wäre wenn...“-Folge greifen, die in düsteren Farben ausmalt, wie die Welt ohne Buffys Eingreifen aussähe.
Das absolut Böse
Mit dem absolut Bösen hat Joss Whedon für Buffy natürlich den perfekten Antagonisten gewählt. Nie würde man anzweifeln, dass Buffys Auftrag zu vernachlässigen wäre oder sie sogar auf der falschen Seite kämpfen könnte. Zu Recht anders lesen zeitgenössische Theatermacher die „Jungfrau von Orleans“ und halten das Stück durchaus für nationalistisch und ressentimentgeladen, zumal es auch schon in diesem Sinn inszeniert wurde. Schillers Johanna, eine religiöse Fanatikerin, vergleichbar etwa mit islamischen Terroristen? Im Buffy-Mythos wird erzählt, die historische Johanna sei auch eine Jägerin gewesen und genau wie Buffy von einer höheren Macht mit dämonischen Kräften und hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet worden, um die Welt vom Bösen zu befreien. Allerdings habe Jeanne d'Arc ihren Auftrag falsch verstanden und sei deswegen auf die Engländer losgegangen. Hier schließt sich der Kreis zu Kendra: Während Jeanne d’Arc rein vernunftorientiert gehandelt und nicht auf ihr Herz gehört hat, fällt Buffy Entscheidungen mit Herz und Kopf, gewinnt am Ende ihre Freiheit und den Kampf gegen das Böse.
Selbsterkämpfte Erlösung & selbstverschuldete Verdammnis
Jedem, was er verdient. Bei Schiller wird Charakterschwäche bestraft, ideal-weibliches Handeln belohnt. Elisabeth ist die große Verliererin, obwohl sie politisch gesehen gewinnt und am Leben bleibt. Sie hat ihre Konkurrentin Maria Stuart durch einen Justizmord aus dem Weg geräumt und den Mord einem anderen in die Schuhe geschoben, hat taktiert und gelogen, um vor dem Volk gut dazustehen. In einem Brief an Goethe bezeichnet Schiller sie als „königliche Heuchlerin“. Ihr Mangel an menschlicher Größe lasse sie auch ihr Amt als Herrscherin nicht sinnvoll ausführen. Eine Frau wie sie kann bei Schiller am Ende nur alleine dastehen. Maria Stuart und Johanna dagegen sterben in Anmut. Sie waren mit sich selbst im Reinen. Und Buffy? Sie zieht das große Los und wird am Ende der Serie von ihrer Berufung befreit. Die letzte Einstellung der Serie, ähnlich der Regenbogenverklärung der Johanna, ist ein seltenes und ehrliches Lächeln von Buffy. Nun darf sie ein normales Mädchen sein und ein Frauenleben führen. Auch bei Joss Whedon zählt Anmut, egal wie unemanzipiert er seine Heldin enden lässt. Aber: Buffy lebt. Das hat Schiller sich noch nicht getraut.