Who the f... is Arno Schmidt?

Arno Schmidt ordnete seine Notizen in ausladenden Zettelkästen

In dem Weblog Schauerfeld.de lesen und diskutieren Schriftsteller, Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler Arno Schmidts Mammutwerk „Zettel`s Traum“, das der Suhrkamp-Verlag Anfang Oktober erstmals als „richtiges“ Buch herausgebracht hat. 1536 Seiten, im Pappschuber, knapp 200 Euro teuer.

Arno Schmidt schrieb in drei Spalten, mit zahlreichen Anmerkungen und in einer sehr eigensinnigen Rechtschreibung und Sprache. Allein das Setzen des Buches hat Jahre gedauert. Es wurde sehnsüchtig erwartet. Angeblich. Aber von wem bloß? Und wer war eigentlich Arno Schmidt? Muss „man“ den kennen? Und wie schreibt sich ein Autor eigentlich in den Literaturkanon ein? Eine kleine Reise in den deutschen Literaturbetrieb und die Frage, ob Pop eigentlich von populär kommt. Und die Erklärung, warum die Texte über ein Buch manchmal spannender sind als das Buch selbst. Teil I der kleinen Serie führt uns nach Niedersachsen.

I Arno Schmidt war Niedersachse

I.I

Stefan Raab präsentiert seit einigen Jahren den Bundesvision Song Contest – für jedes deutsche Bundesland tritt eine Band oder ein Musiker an, um als Gewinner wiederum beim Vorentscheid um den deutschen Platz beim Eurovision Song Contest zu singen. So jedenfalls lautete der Grundgedanke bei dem ersten Bundesvision Song Contest im Jahr 2005. Innerhalb kürzester Zeit mauserte sich Raabs Format zur Plattform für deutschsprachige Indiemusiker, die sonst nie für solche Einschaltquoten gesorgt hätten – schlicht aus dem Grund, weil sie nie im Fernsehen auftauchten. Eine Auftrittsmöglichkeit vor den Zuschauermassen eines Stefan Raabs für unpopuläre Popmusiker.

Und auch wenn zumeist die Musiker gewannen, die sowieso schon in den Charts vertreten waren – 2005: Juli, 2006: Seeed, 2007: Oomph!, 2008: Subway to Sally, 2009: Peter Fox, 2010: Unheilig – förderte Raab in seiner Sendung musikalische Schätze wie in diesem Jahr „Blockflöte des Todes“ aus Sachsen oder „Das Gezeichnete Ich“, das für Brandenburg antrat, zutage. Dabei dachte wohl der Großteil der durchschnittlichen Raab-Zuschauer bis dato, dass alle Musiker sich in Hamburg und Berlin verschanzen.

„Es gibt Länder, in denen richtig was los ist und es gibt Brandenburg. ... In Brandenburg ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt, was soll man auch machen mit 17, 18 in Brandenburg? Es ist nicht alles Chanel, es ist meistens Schlecker, kein Wunder dass so viele von hier weggehen ... Da stehen drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln, in Brandenburg ... ich fühl' mich heut' so leer, ich fühl' mich Brandenburg. In Berlin bin ich einer von drei Millionen, in Brandenburg kann ich bald alleine wohnen ... in Brandenburg soll es wieder Wölfe geben ... lassen Sie mich durch, ich bin Chirurg, ich muss nach Brandenburg. Nimm Dir Essen mit, wir fahr'n nach Brandenburg.“

So singt der Kabarettist Rainald Grebe und könnte damit theoretisch auch jedes andere der neuen Bundesländer meinen – was er teilweise auch tut, gibt es doch einen sehr ähnlichen Song über Thüringen und Sachsen.

Aber: Trifft das nicht auch auf Niedersachsen zu?

Magical Niedersachsen Tour

Jeder Teilnehmer von Raabs Bundesvision Song Contest stellt sich und sein Bundesland in einem kleinen Imagefilm – einem „Wahlwerbespot“ – vor. Für Niedersachen traten 2010 Bernd Begemann und Dirk Darmstädter an. Ihr Imagefilm nennt sich „Magical Niedersachsen Tour“ und führt „durch die Hotspots des popkulturellen Lebens Niedersachsens“.

Dirk Darmstädter trägt am Anfang des Films ein Kuhkostüm – jeder aufmerksame Arno-Schmidt-Leser wird darin einen Hinweis auf Arno Schmidts „Zettel’s Traum“ vermuten, fängt doch die erste Spalte der ersten Seite mit den Worten „:’Anna Muh-Muh !’“ an. Doch Bernd Begemann, der die „Magical Niedersachsen Tour“ mit einem blinkenden Plastikmikro in der Hand moderiert, klärt sogleich auf: „Dirk hat sich heute verkleidet als Niedie, das niedersächsische Wappentier“.

Mit drei nickenden Touristen im Gepäck fahren die Beiden durch Niedersachen, erst nach Delmenhorst, in die Videothek, in der Sarah Connor die Terminator-DVD auslieh, nach der sie sich ihren Künstlernamen gab – eine komplizierte Geschichte, die an dieser Stelle nicht weiter erläutern werden will.

Ein tanzendes Pferd

Dann fahren sie weiter nach Tötensen und halten an einer Hecke, hinter der Dieter Bohlen überfallen wurde. „Das ist wunderschöne Natur und Glamour Hand in Hand. Ein tanzendes Pferd, das ist Niedersachsen“, sagt Bernd Begemann und die Touristen staunen.

Weiter geht es zu einer in der Walachei stehenden Scheune, die angeblich der erste Proberaum der Scorpions war, und in den Supermarkt, in dem Lena Meyer-Landrut bis heute einkauft, „weil sie so natürlich geblieben ist“, wie Bernd Begemann erklärt.

Niedersachsen, kulturell irrelevant?

Niedersachsen, in seiner ganzen kulturellen Irrelevanz, gepresst in gute zwei Minuten.

Arno Schmidt wird nicht erwähnt. Ob das nur darin liegt, dass er Schriftsteller war und kein Musiker? Dabei hat Arno Schmidt sich mit der niedersächsischen Einöde beschäftigt wie kaum ein anderer, hat er doch einen guten Teil seines Lebens in der norddeutschen Tiefebene verbracht – vor allem in einem 150-Einwohner-Dorf namens Bargfeld und nach dem zweiten Weltkrieg einige Jahre in einem Dorf namens Cordingen, das so irrelevant ist, dass sich noch nicht mal ein Lokalpatriot (gibt es welche in Niedersachsen?) die Mühe gemacht hat, einen eigenständigen Wikipedia-Eintrag für das Kaff zu erstellen.

In genau diesem abgeschiedenen Örtchen lebte Schauerfeld.de-Blogger Jan Süsselbeck für ein knappes Jahr, um nach seinem „Berliner Germanistik-Examen mit einem Gnaden-Mini-Stipendium der Arno Schmidt Stiftung“ seine Doktorarbeit „Das Gelächter der Atheisten. Zeitkritik bei Arno Schmidt & Thomas Bernhard“ zu schreiben.

„In vielerlei Hinsicht für mich damals ein hochinteressanter Selbstversuch und eine quasi letzte Chance zur Promotion“,

schreibt er auf Schauerfeld.de und

„Auf der anderen Seite des Hauses war nur noch der dichte, tiefe Wald mit einem Warnschild, man solle die Wege nicht verlassen: Es drohten offenbar explosive Rückstände der früheren NS-Rüstungsindustrieanlage „Eibia“ im Unterholz. Bitterstes Niedersachsen also: SS-Volkstums-Sprüche an den hölzernen Dachfirsten der verbliebenen Bauernhöfe rundum, Abwassergestank aus dem Untergeschoss meiner Stipendiatenbude ohne eigene Wohnungs-Verschließmöglichkeit. Irgendwie ungut: Nicht nur ich hatte den Schlüssel zur Haustür im Untergeschoss, wo sich auch eine kleine Schmidt-Ausstellung und Gemeinderäume bzw. -Klos befanden, sondern wohl auch irgendwelche Cordinger Bauern, Honoratioren, Hochzeitsgesellschaften – was wusste denn ich, wer da alles reingerannt kommen konnte!“

Willkommen in Niedersachsen, dem tanzenden Pferd, der Heimat von Arno Schmidt.

I.II

Es ist nur wenige Monate her, da saß ich in einem niedersächsischen Ministerium zum Bewerbungsgespräch um eine Stelle, von der ich mir recht sicher war, dass ich sie nicht haben wollte. Dementsprechend schlecht vorbereitet hatte ich mich, nämlich gar nicht.

Im Gespräch ging es um Kulturförderung in Niedersachsen und ich wurde gefragt, welche Niedersächsischen Schriftsteller ich kennen würde. Hätte man mich nach Hamburg oder Berlin gefragt, ich hätte sofort etliche aufzählen können. Selbst aus Bayern fielen mir Schriftsteller ein. Aber Niedersachsen? Ich zuckte mit den Schultern.

Ich war meinen potentiellen Vorgesetzten sympathisch, so versuchten sie mir zu helfen. „Was ist zum Beispiel mit Finn-Ole Heinrich?“, fragten sie und ich sagte: „Der ist, soweit ich weiß, im Schleswig-Holsteinischen Teil der Hamburger Provinz geboren und lebt in Hamburg. Und nur, weil er andauernd niedersächsische Stipendien erhält und deswegen gezwungenermaßen zeitweise in Niedersachsen lebt, ist er noch lange kein niedersächsischer Autor“. „Aber er ist in Cuxhaven aufgewachsen“, bekam ich leicht empört als Antwort zu hören, „Und was ist mit Hanns-Josef Ortheil?“. „Also wirklich, der lebt in Stuttgart!“, antwortete ich, „Und nur, weil er in Hildesheim unterrichtet, ist er doch kein Niedersachse. Und wenn man sich seine Themen anschaut, müsste man ihn zeitweise als Italiener bezeichnen. Das finde ich doch vermessen, Ortheil als Niedersachsen zu bezeichnen.“

Die Ministeriumsleitung hatte offensichtlich nicht mit solch einem Gegenwind gerechnet und war erfreulicherweise eher angetan von einer so eigensinnigen Bewerberin unter all den schüchternen Germanistikmäuschen. „Arno Schmidt?“, wurde ich vorsichtig gefragt. „Der ist aber schon tot, oder?“, fragte ich ebenso vorsichtig zurück und sah mild-lächelndes Nicken als Antwort, „von dem habe ich noch nichts gelesen, aber grundsätzlich können wir uns auf Arno Schmidt einigen.“

Ich habe den Job dann abgelehnt, obwohl ich ihn wohl hätte haben können. Aber irgendwie wollte ich nicht nach Niedersachsen.

Hier geht es weiter zu Teil II und Teil III der Serie über Arno Schmidt und den Schauerfeld-Blog

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